"Offener Prozess" Ausstellung in Chemnitz will NSU-Komplex aufarbeiten

Fast zehn Jahre ist es her, dass der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund (NSU) sich selbst enttarnte. Der NSU-Prozess ist inzwischen Geschichte. Doch gesellschaftlich aufgearbeitet ist die Geschichte des NSU und seines Netzwerks an Unterstützerinnen und Unterstützern noch lange nicht. Dem will eine neue Wanderausstellung mit dem Titel "Offener Prozess" in Chemnitz entgegenwirken.

Ausstellung "Offener Prozess"
Kurator Fritz Laszlo Weber und Projektleiterin Hannah Zimmermann freuen sich, die Wanderausstellung "Offener Prozess" in Chemnitz präsentieren zu können. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Auf einem Bildschirm erklärt Künstlerin Ülkü Süngün in ihrer Videoarbeit wie die Namen der NSU-Opfer korrekt ausgesprochen werden. Ganz wie in einem Sprachkurs werden zuerst die verschiedenen Laute erklärt, bevor die Namen der Opfer ruhig und bedacht ausgesprochen werden. Außerdem fordert Süngün die Zuschauerinnen und Zuschauer auf, die Namen laut nachzusprechen.

Ob die Besucher der Wanderausstellung "Offener Prozess" dieser Aufforderung in Chemnitz nachkommen, wird sich noch zeigen. Am Dienstagabend wurde sie mit zahlreichen Gästen - unter ihnen auch Sozialministerin Petra Köpping - in der Neuen Sächsischen Galerie eröffnet. Der Fokus liegt bei der Ausstellung klar auf den Opfern und ihren Leben. "Es geht um ihre Biografien und ihr Leben, nicht nur um ihr Sterben", sagt Projektleiterin Hannah Zimmermann vom Verein Asa-FF. "Wir wollten nicht die Täter zu den Protagonisten machen."

Ausstellung "Offener Prozess"
Hannah Zimmermann hört sich an, wie Künstlerin Ülkü Süngün erklärt, wie die Namen der NSU-Opfer korrekt ausgesprochen werden. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Aktives Zuhören als politischer Akt

Die Ausstellung besteht zu großen Teilen aus Videobeiträgen, bei denen sich die Besuchenden aktiv mit Kopfhörern einstöpseln müssen. "Das aktive Zuhören verstehen wir dabei auch als einen politischen Akt", so Zimmermann. Außerdem gibt es einige Banner mit Infotexten und auch Augmented Reality wird genutzt. So sollen sich Menschen das geplante Mahnmal zu Ehren der NSU-Opfer, die in der Kölner Keupstraße starben, schon heute anschauen können.

"In der Ausstellung sind mehr als 20 Beiträge zu sehen, von Künstlerinnen und Künstlern, aus Archiven, von Betroffenen, von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die sich über den NSU-Komplex hinaus mit der Frage von rechter und rassistischer Gewalt in Ost- und Westdeutschland beschäftigen", sagt Kurator Fritz Laszlo Weber. Außerdem gebe es eine Webausstellung, die es ermöglicht, sich Zuhause weiter zu vertiefen und auch die Ausstellung im weiteren Umkreis, im Freundes- und Familienkreis zu zeigen.

Ausstellung "Offener Prozess"
Die Ausstellung besteht zu großen Teilen aus Videoinstallationen. Um sie hören zu können, müssen sich die Gäste bewusst mit Kopfhörern einklinken. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Mithilfe eines Chatbots und Hashtags an den Kunstwerken können sich Besucherinnen und Besucher auch direkt in der Ausstellung weitergehende Informationen auf ihr Handy holen. So können auch Informationen zu den geschichtlichen Hintergründen abgerufen werden, einfach gegliedert je nach Vorwissen des Nutzenden.

Wanderausstellung international gefragt

Nach Chemnitz wandert die Ausstellung ins Berliner Gorki-Theater und danach nach Brüssel. Auch Hanau, Istanbul und Novi Sad haben Interesse bekundet. Dabei sollte die Ausstellung eigentlich vor allem in Städten gezeigt werden, die mit dem NSU direkte Berührungspunkte haben. Das ist aber nicht so einfach, so Zimmermann. "Wir würden sehr gerne die Ausstellung in Zwickau zeigen, die Idee war auch die Ausstellung in Zwickau zu eröffnen", sagt sie. "Das ist leider noch nicht gelungen. Bislang gab es dort keine Möglichkeit, einen Ausstellungsort zu finden."

Ausstellung "Offener Prozess"
Die Namen der Opfer sind in der ganzen Ausstellung immer präsent. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Bereits seit drei Jahren läuft das Projekt "Offener Prozess". Anlass war das Ende des NSU-Prozesses und die Forderung der Angehörigen nach weiterer Aufklärung. "Mit Forschungsprojekten, mit Bildungsfahrten an Orte mit NSU-Bezug, mit der Erstellung von Lehrmaterialien und vor allem der Ausstellung versuchen wir, die Aufarbeitung des NSU-Komplex voranzutreiben", sagt Zimmermann. Das langfristige Ziel sei ein eigenes Dokumentationszentrum mit Räumen für Dauer- und Wechselausstellungen, Versammlungsräumen und Platz für ein Archiv. Dieses taucht sogar im Koalitionsvertrag der sächsischen Regierung auf. "Wir hoffen, dass wir spätestens 2025 den Grundstein für das Dokumentationszentrum gelegt haben", so Zimmermann.

Öffnungszeiten der Ausstellung "Offener Prozess" 28. September bis 7. November 2021

täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet, am Dienstag bis 19 Uhr

Neue Sächsische Galerie im Tietz

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 29. September 2021 | 16:30 Uhr

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