Studie Selbstversuch in Chemnitz: Wie fühlt sich autonomes Fahren an?

Wie fühlt es sich an, wenn die Maschine für einen das Auto lenkt? Dieser Frage wollen Forscher der TU Chemnitz nachgehen. Aktuell führen sie eine Fahrsimulator-Studie zum autonomen Fahren durch. Die Probanden können das intelligente Programm selbst ausprobieren und das Anzeige- und Bedien-Konzept anschließend bewerten. MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke hat es ausprobiert.

eine Frau sitzt in einem Auto
Im Fahrsimulator testet MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke das Gefühl beim autonomen Fahren. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etwas nervös treffe ich am kleinen Campus der TU Chemnitz an der Erfenschlager Straße ein. Auf dem Programm steht eine Studienteilnahme zum autonomen Fahren. In einem Fahrsimulator. Es soll ja Menschen geben, denen Autofahren Spaß macht. Ich gehöre nicht dazu. Und dann noch unter Beobachtung? Das kann ja was werden.

Nachdem die üblichen Hygienemaßnahmen aufgrund der Corona-Pandemie und das Ausfüllen einiger Formulare erledigt ist, führt mich meine Versuchsleiterin Tina Günther-Gommlich in den Versuchsraum. Im ersten Moment stockt mir fast der Atem. Der Fahrsimualor ist quasi ein halbes Auto ohne Rücksitze und Kofferraum und anscheinend mit sehr viel Technik vollgepackt. Vor der Frontscheibe steht eine halbrunde Leinwand. Die Nervosität steigt.

ein Autosimulator
Die Simulation wird auf einer halbrunden Leinwand abgespielt. Dadurch wird auch das periphere Blickfeld getäuscht. Bildrechte: MDR/Anett Linke

"Kennen Sie sich mit Automatikfahrzeugen aus? Das ist nämlich eins", erklärt Günther-Gommlich. Jetzt macht sich Erleichterung breit. Es wäre ja nichts peinlicher gewesen, als vor lauter Nervosität ständig mit der Kupplung den Motor abzuwürgen. Diese Gefahr ist nun gebannt. Doch nach einer Vorbefragung soll ich im Simulator Platz nehmen. Sofort ist die Nervosität zurück. Wie es sich wohl anfühlen wird?

Ich werde vor aufkommender Übelkeit und möglichem Schwindelgefühl gewarnt. Da das Auto selbst sich nicht bewegt, die Simulation mir aber eine Fahrt vorgaukeln wird, kann der Körper entsprechend darauf reagieren. Ich nehme Platz, stelle den Sitz ein und schnalle mich an. So weit, so normal. Dann wird das Licht ausgeschaltet.

Realistische Fahrsimulation

Die Simulation startet auf einem Autobahnrastplatz. Auf ein Kommando fahre ich los. Die erste Kurve auf der Autobahnauffahrt lässt meinen Magen einen kurzen Purzelbaum schlagen. Doch sobald ich geradeaus über die Autobahn fahre, beruhigt er sich. Die Simulation fühlt sich überraschend realistisch an. Die erste Fahrt fahre ich komplett manuell, um ein Gefühl für den Simulator und Vergleichswerte für die Studie zu bekommen.

Fahrassistenz? Nicht ohne Kontrolle

Bei der zweiten Fahrt wird mir mittendrin eine Fahrassistenz angeboten. Das Angebot erfolgt sowohl akustisch als auch visuell. Mit einem einfachen Knopfdruck lasse ich den Assistenten die Fahrt übernehmen. Ob das gut ausgehen wird? Noch habe ich kein Vertrauen und halte das Lenkrad krampfhaft fest. Mein Fuß schwebt permanent über der Bremse, nur für den Fall. Doch das Programm überrascht mich positiv. Es fährt ohne Probleme und auch der eingehaltene Sicherheitsabstand überzeugt mich. Das letzte Stück fahre ich dann wieder selbst.

eine Frau sitzt in einem Auto
Bei Testfahrt drei und vier ist die Beantwortung einer E-Mail während der Fahrt erforderlich. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Fahrt drei. Nun geht es ans Eingemachte. Ich soll dem Autopiloten so weit vertrauen, dass ich nebenbei auf einem Laptop eine E-Mail schreibe. Wieder starte ich manuell und bekomme im Laufe der Strecke den Autopiloten angeboten. Mit einem Knopfdruck schalte ich ihn ein. Der Laptop ist rechts neben mir auf Höhe des Schaltknüppels installiert.

E-Mail schreiben beim Fahren

Ich soll also nicht nur eine E-Mail schreiben, sondern habe dabei nicht mal die Möglichkeit die Straße wirklich im Blick zu behalten. Nervös starte ich. Aus Angst hebe ich ständig den Blick vom Laptop und beobachte Straße und Geschwindigkeit. Doch wieder läuft alles bestens und ich muss nicht eingreifen.

Autonomes Auto 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
5 min

Das autonome Fahren ist seit Jahren ein großes Thema. Nicht zuletzt wegen der Unfälle mit autonomen Fahrzeugen, die auch schon tödlich endeten. Ein Blick auf den Stand der Dinge.

Di 04.08.2020 13:07Uhr 05:07 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/aktuell/autonomes-fahren-auto-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Nun folgt noch eine vierte und letzte Fahrt. Wieder der Autopilot, wieder die E-Mail auf dem Laptop. Dieses Mal bin ich schon weniger nervös und kann mich voll auf den Inhalt der E-Mail und die Beantwortung konzentrieren. Ich tauche so tief ab, dass ich erst wieder auf die Straße schaue, als mein Auto etwas stärker bremst. Ist es dieses Mal dichter aufgefahren? Ich bin unsicher, vielleicht war ich einfach so versunken in die E-Mail.

Fazit: System könnte alltagstauglich sein

Zwischen den Fahrten habe ich immer wieder eine Einschätzung gegeben und Fragebögen am Computer ausgefüllt. Am Ende folgt dann eine Gesamteinschätzung und ein Abschlussinterview. Mein für mich selbst überraschendes Fazit: Wenn ich es genügend ausprobiert und dadurch Vertrauen aufgebaut habe, könnte ich mir durchaus vorstellen das System im Alltag zu nutzen. Wenn es jetzt noch selbst einen Parkplatz suchen würde...

ein Mann steht vor einem Auto
Matthias Beggiato, Arbeitsgruppenleiter der Arbeitsgruppe Verkehrs- und Mobilitätspsychologie an der TU Chemnitz, am Fahrsimulator. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Worum geht es in der Studie der TU Chemnitz? Die TU Chemnitz führt zurzeit eine Studie zum EU-Projekt Mediator zum Thema autonomes Fahren durch. Dabei richtet sich das Interesse vor allem auf die Wahrnehmung und Akzeptanz der Probanden, erklärt Matthias Beggiato.

"Wir testen sowohl das Anzeige- und Bedienkonzept als auch die Wahrnehmung aktiver Fahrassistenzangebote", sagt er. Außerdem soll getestet werden, wie lange es braucht, Vetrauen zu dem System aufzubauen. "Den meisten wird der Nutzen des Systems bei der Studienteilnahme bewusst."

Die Studie mit rund 60 bis 70 Teilnehmenden im Alter von 18 bis 60+ läuft noch bis Mitte März. Die Ergebnisse sollen dann zum Jahresende veröffentlicht werden.

MDR (al)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 27. Januar 2022 | 07:30 Uhr

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