Rückblick ohne Reue Günter Wetzel über seine DDR-Flucht mit dem Heißluftballon

Vor mehr als 40 Jahren glückte zwei Ehepaaren aus Pößneck die spektakuläre Flucht mit einem Heißluftballon in den Westen. Günter Wetzel, Konstrukteur und Erbauer des Ballons, lebt heute in Chemnitz. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung blickt er zurück auf seine Flucht aus der DDR.

Der Ballonfluechtling und Zeitzeuge Guenter Wetzel.
Günter Wetzel flüchtete vor 41 Jahren mit einem selbstgebauten Ballon in den Westen. Bildrechte: dpa

Aus Günter Wetzel, aufgewachsen in einem kleinen thüringischen Dorf in der Nähe von Pößneck, hätte ein ganz normaler DDR-Bürger werden können - wenn es den überhaupt gegeben hat. Doch sein Vater floh in den Westen, als Günter fünf Jahre alt war. Mit einer derartigen "Belastung" in der Familie war das Physikstudium, das er eigentlich nach der Schule aufnehmen wollte, ein Unding. Wetzel wurde Maurer, arbeitete später beim Forst, schließlich als Kraftfahrer. Zumindest ein kleines Stück vom beruflichen Traum war nach beharrlichen Bemühungen verwirklicht: die Beschäftigung mit Technik und Elektrotechnik. Mehr war beruflich nicht zu erreichen.

Es reicht!

Neben den beruflichen Einschränkungen hatte Günter Wetzel auch andere Gründe für seine Fluchtpläne. Fehlende Meinungs- und Reisefreiheit gehörten für Günter Wetzel dazu. Irgendwann habe die Westverwandschaft bei einem Besuch eine Illustrierte mit bunten Bildern von einem Ballontreffen mitgebracht. Tüftler Wetzel kam die Idee, gemeinsam mit einer befreundeten Familie einen solchen Ballon für die Flucht in den Westen selbst zu bauen.

Die Nähmaschine mit der die Familie Strelzyk 1979 den größten Heißluftballon Europas genäht hat um über die Grenze der ehemaligen DDR in die Bundesrepublik Deutschland zu flüchten ist im Mauermuseum am Checkpoint Charlie zu sehen.
Auf einer solchen Nähmaschine nähte Günter Wetzel in unzähligen Stunden den mehr als 4.000 Kubikmeter Luft fassenden Ballon. Bildrechte: dpa

Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen und mit dem Wissen, dass die Stasi ihnen auf den Fersen war, nähte Wetzel aus einzelnen Stoffbahnen die mehr als 1.300 Quadratmeter große Hülle auf einer alten Nähmaschine zusammen. Er schweißte eine kleine Plattform für die Flüchtlinge zusammen und konstruierte einen Brenner. Mit diesem nunmehr dritten selbst gebauten Heißluftballon erreichten die beiden Familien am 16. September 1979 nach einer halbstündigen Luftfahrt fast unversehrt westdeutschen Boden in der Nähe des bayerischen Ortes Naila.

Der Heißluftballon an der Landestelle, aufgenommen am 17.9.1979
In der Nähe von Naila endete die erfolgreich Ballonflucht. Bildrechte: dpa

Da sich Wetzel bei der Landung verletzt hatte, verbrachte er die ersten Tage im Krankenhaus. So spielte sich der Medienrummel zuerst ohne ihn ab. Dann aber habe ein Termin den anderen gejagt. Den Wetzels wurde das zu viel und sie zogen sich für viele Jahre aus der Öffentlichkeit zurück.

Im ersten Jahr im Westen hatte ich ein großes Loch im Kopf, weil so viel los war.

Günter Wetzel Zeitzeuge

Günter Wetzel hatte sich bei der Landung einen Muskelriss zugezogen und wird im Krankenhaus behandelt.
Die ersten Tage nach der Flucht verbrachte Günter Wetzel im Krankenhaus. Bildrechte: dpa

Günter Wetzel konnte seinem beruflichen Traum doch noch näherkommen. Er schulte zum Kfz-Mechaniker um und arbeitete ab 1990 für verschiedene Automarken als Technischer Gebietsleiter im Außendienst - nun wieder im Osten des wiedervereinigten Deutschlands. "Ich habe die Entwicklung im Osten nach der Wende aus erster Hand mitverfolgt", sagt Wetzel. "Da hat mir auch meine Herkunft als 'Ossi' geholfen." In der ersten Zeit sei da sehr stark differenziert worden von den Kunden. Seit 2018 genießt Wetzel den "Unruhestand" als Rentner, denn jetzt sei er wieder mehr als Zeitzeuge bei verschiedenen Veranstaltungen gefragt.

Wenig Interesse im Osten

Günter Wetzel hat zum 30. Jahrestag seiner Flucht eine Webseite erstellt, auf der er die Geschichte seiner Flucht detailliert schildert. "Ich hatte mich ja dreißig Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ich fand, dass es Zeit ist, das alles zu veröffentlichen", sagt er. Seitdem seien sehr viele Anfragen nach Vorträgen gekommen. "Vor allem Schulen haben mich angefragt. Ich war viel im Westen unterwegs seitdem, sogar in Schweden und Norwegen."

Nur aus den neuen Bundesländern kam keine einzige Anfrage.

Günter Wetzel Zeitzeuge

Wetzel kann sich das geringe Interesse im Osten nicht erklären. Aber zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung wäre es seiner Meinung nach wichtig, Zeitzeugen zu befragen. Immerhin hat Wetzel eine Einladung zu einem Vortrag am 8. Oktober 2020 in den "Q-Stall" nach Eibenstock erhalten. Dort sollte er eigentlich schon im März zu Gast sein. "Durch Corona musste die Veranstaltung verschoben werden, aber jetzt freue ich mich darauf", sagt er.

 Der Korb mit Gasflaschen des von der Familie Strelzyk selbstgebauten Heißluftballons ist im Mauermuseum am Checkpoint Charlie zu sehen.
Heute sind Teile des Fluchtgeräts in Museen ausgestellt, so in Berlin, Regensburg und ab Oktober 2021 wieder in Naila. Bildrechte: dpa

Es ist gut so, wie es gekommen ist

Günter Wetzel sieht die Deutsche Einheit positiv. "Natürlich sind Fehler gemacht worden von der Treuhand und auch von der Politik. Aber es gab ja keine Blaupause dafür." Es sei ein wenig so gewesen wie heute mit Corona. Die Politik habe damals und heute schnell handeln müssen und manchmal liege sie mit ihren Entscheidungen daneben.

Aber an der Wiedervereinigung führte 1990 kein Weg vorbei. Und das Positive an diesem Schritt überwiegt auf jeden Fall.

Günter Wetzel Zeitzeuge


Sehnsucht nach Pößneck habe er im Westen nicht gehabt. "Heimat ist immer dort, wo man Freunde hat. Die habe ich in Oberfranken gleich nach der Flucht gefunden." Insofern sei das vielleicht so etwas wie seine Heimat. "Aber jetzt fühle ich mich in Chemnitz wohl und habe hier auch schon einen großen Bekanntenkreis", sagt Günter Wetzel abschließend.

Die Geschichte der beiden Familien Wetzel und Strelzyk ist 2018 von Michael Herbig verfilmt worden.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 03.10.2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

part vor 27 Wochen

...und ab 1980 wurde dann die Bettwäsche in den HO- Läden knapper und der Stoffverkauf fand wohl limitierter statt...denn der Nachahmungseffekt sollte unterbunden werden.

Simone vor 27 Wochen

Na ja, vielleicht herrschte aber auch wie so oft lediglich Mangel in der DDR. Die auslagen dort haben sich ja noch nie gebogen.

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