Inzidenzunabhängige Öffnungen Click & Meet mit Selbsttest: Wie läuft es in Chemnitz?

Seit Dienstag erlaubt die Stadt Chemnitz unter anderem Click & Meet und die Öffnung von Museen. Allerdings benötigt jeder, der diese Angebote nutzen möchte, einen tagesaktuellen negativen Corona-Test und einen Termin. Um den Corona-Test nachzuweisen, reicht auch ein Formular vom sächsischen Sozialministerium. Wie genau das abläuft, hat MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke getestet.

Hinweiszettel mit Anleitung zum Ablauf Click & Meet kleben an einer Glasscheibe eines Bekleidungsartikelgeschäftes.
Bei diesem Geschäft in Chemnitz braucht man keinen Termin, sondern kann einfach den QR-Code scannen und seine Daten eingeben. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Am Computer bereite ich meinen Shopping-Tag vor. Ich brauche für jedes Geschäft einen Termin und muss mir daher eine genau Reihenfolge und die Entfernung der einzelnen Geschäfte überlegen. Ein spontaner Abstecher in ein anderes Geschäft ist so gut wie unmöglich. Um möglichst viele Geschäfte an einem Punkt zu haben, entscheide ich mich für die Galerie Roter Turm in der Innenstadt. Die Internetseite ist übersichtlich und zeigt mir zu jedem Geschäft die Möglichkeiten der Terminbuchung an.

Bei einigen Geschäften kann man demzufolge auch vor Ort einen Termin bekommen, also buche ich im Voraus nur zwei: bei einer Modekette und in einem Stoffladen, der nicht in der Galerie liegt. Bei beiden geht die Buchung der Termine sehr schnell und ich muss im Grunde nur meine Kontaktdaten eingeben. Spontan buche ich mir auch einen Termin in den Kunstsammlungen dazu, um den Shoppingtag mit einem Museumsbesuch abzurunden.

Nun stehen meine Termine und ich muss mir überlegen, wo und wann ich mich testen lasse. In Chemnitz gibt es viele kostenlose Testmöglichkeiten direkt in der Innenstadt. Aber theoretisch kann ich ja auch einfach das Formular des Sozialministeriums nutzen, um mir einen Selbsttest zu bescheinigen. Ob es jemand merken würde, dass ich den Selbsttest gar nicht durchgeführt habe? Auf dem Formular wird darauf hingewiesen, dass ich beim falschen Ausfüllen eine Ordnungswidrigkeit begehe. Aber wer soll mir das nachweisen?

Ich suche mir die nötigen Angaben für das Formular also im Internet zusammen, um das System zu testen. Natürlich führe ich in Chemnitz in einem Testcenter trotzdem einen regulären Schnelltest durch. Es geht schließlich um die Sicherheit der Ladenmitarbeiter und um meine eigene. Trotzdem nehme ich mir vor, in den Geschäften nur die falsche Selbstauskunft zu zeigen, um zu sehen, ob ich damit durchkomme.

Sächsisches Sozialministerium zum Formular für Selbsttests Auf Anfrage gab das Sozialministerium Sachsen folgende Auskunft über das Formular für Selbsttests:

"Wir gehen davon aus, dass wir diese Pandemie gemeinsam bewältigen wollen und dass diejenigen, die sich zu Hause selbst testen und das Formular ausfüllen, dann auch ehrlich sind. Es dient dem eigenen Schutz und z.B. dem der Friseurin. Wir wollen dieses Instrument einsetzen, damit z.B. Zoobesuche möglich sind. Je mehr die Menschen das annehmen und diese Regeln beachten, umso mehr können wir solche Möglichkeiten schaffen.

Es ist ausreichend, wenn die Geschäfte sich den Testnachweis vor Einlass des Kunden vorzeigen lassen. Eine Dokumentation ist allein für die Tests der Mitarbeiter vorzuhalten."

Zuerst gehe ich in einen Laden einer Modekette, bei dem ich vorab keinen Termin gemacht habe. Hier kann ich am Schaufenster einen QR-Code scannen, meine Daten eingeben und dann den Laden besuchen. Vor mir wird eine Frau von der Mitarbeiterin abgewiesen, da sie den QR-Code nicht benutzt hat. Ich frage mich, wie ältere Leute oder diejenigen ohne Smartphone das schaffen sollen. Ich zeige meine Bestätigung am Handy und werde dann nach meinem Test gefragt. Ich zücke meine Selbstauskunft und warte nervös, ob sie funktioniert. Die Mitarbeiterin liest sie aufmerksam, scheint aber keine Zweifel an der Echtheit zu haben. Ich darf rein.

Hinweistafel mit Anleitung zum Ablauf Click & Meet steht vor einem Geschäft.
Vor einem Stoffladen in Chemnitz steht ein Schild mit der Erklärung aller Voraussetzungen für Click & Meet. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Verwirrung bei Kunden über Testmöglichkeiten

Auch im nächsten Laden, dem Stoffladen, habe ich mit meiner Selbstauskunft keine Probleme. Sie wird abgefragt, gelesen und hier wird besonders aufs Datum geachtet. Da ich die einzige Kundin im Laden bin, frage ich nach, wie es läuft. Die Terminbuchungen werden gut angenommen, erzählt mir die Verkäuferin. Allerdings wissen viele Kunden nicht, wie oft sie sich kostenlos testen lassen dürfen und denken, es ist auf einmal die Woche begrenzt. Die Selbstauskunft ist den meisten Kunden nicht bekannt, so die Verkäuferin.

Es geht weiter in den nächsten Laden einer Modekette. Hier habe ich keinen Termin, muss aber nur meine Daten zur Kontaktverfolgung angeben. Meine Selbstauskunft wird genau gelesen und die Mitarbeiterin notiert sich sogar die Uhrzeit, zu der ich meinen Selbsttest angeblich gemacht habe. Probleme gibt es auch hier nicht. Zuletzt suche ich die Modekette auf, für die ich einen Termin vereinbart habe. Allerdings bin ich eine halbe Stunde zu früh dran. Da wenige Kunden da sind, ist das kein Problem und ich darf trotzdem schon rein. Die Türen sind verschlossen und werden extra von einer Mitarbeiterin geöffnet. Meine Selbstauskunft reicht auch hier aus, allerdings wird sie nicht sehr gründlich gelesen.

Das sagt der Handelsverband Sachsen Der Handelsverband Sachsen teilt auf Anfrage mit, dass sie die Öffnungsmöglichkeiten grundsätzlich begrüßen. "Die jetzige Lösung des Terminshoppens kann für den Einzelhandel aber nur eine Zwischen- und Übergangslösung sein – sie stellt keinesfalls eine existenzsichernde und verlässliche Öffnungsstrategie dar", so der Handelsverband.

Der Start sei sehr durchwachsen gewesen. Die Regeln seien intransparent und sorgten bei Läden und Kunden für Verunsicherungen.

"Die Auflagen mit Terminvereinbarung und Vorlage eines negativen Testergebnisses führen zudem insbesondere bei Geschäften, die auf eine größere Anzahl von Kunden und auf Laufkundschaft angewiesen sind mangels hinreichender Frequenz dazu, dass sie nicht kostendeckend arbeiten können – die Personal- und Betriebskosten sind oftmals um ein Vielfachtes höher als die Umsätze", so der Handelsverband.

Die Kontrolle der Test aber auch die damit verbundenen Erklärungen und Diskussionen bänden Personal und Kapazität. Es bedürfe noch einer größeren Kommunikation, dass der Zutritt nach einem Selbsttest mit einer Selbstauskunft des Kunden möglich ist (Formular Sozialministerium) oder mit der ausgereichten (schriftlichen oder auf das Handy gesandten) Dokumentation nach einem Schnelltest.

Zum Schluss geht es in die Kunstsammlungen Chemnitz. Ich bin erschöpft, ich hatte vergessen, wie anstrengend ein Shoppingtag sein kann. Vor der Tür treffe ich einen älteren Mann. Er sagt, wir müssten kurz warten, da die Mitarbeiter noch eingewiesen werden. Er freut sich sehr, wieder ins Museum gehen zu können. Er musste am Vormittag zum Optiker und will seinen Negativtest ausnutzen. Internet und Handy hat er nicht, aber er konnte in den Kunstsammlungen telefonisch einen Termin vereinbaren.

Beim Einlass muss ich einen Zettel mit meinen Kontaktdaten ausfüllen und mein Testergebnis zeigen. Auch hier wird meine Selbstauskunft akzeptiert. Außerdem muss ich die E-Mail-Bestätigung meiner Terminbuchung zeigen. Die Museumsmitarbeiter freuen sich sichtlich, wieder Besucher begrüßen zu dürfen. Und auch ich genieße die Möglichkeit, mir endlich wieder Kunst anzusehen.

Das sagt die Friseurinnung Chemnitz Die Friseurinnung Chemnitz erklärt, dass der Aufwand für einen Friseurbuch sehr hoch sei. Die Möglichkeit ein Testzentrum zu besuchen, sei vor allem in kleinen Gemeinden nicht so einfach gegeben.

"Viele Kolleginnen und Kollegen haben schon im Februar eine Testerausbildung besucht und können nun nicht nur die Angestellten, sondern auch die Kunden testen. Die Test werden meist zum Einkaufspreis an den Kunden weitergegeben.
Alles in allem viel Aufwand, viel Bürokratie und oft Unverständnis bei allen Beteiligten. Gefühlt haben unsere Kollegen an den ersten Tagen mehr getestet und Unterschriften eingeholt als Haare geschnitten."

Das Formular für Selbsttests sieht die Innung sehr positiv. "Eine sehr gute Möglichkeit, um den Aufwand minimal zu halten und ein gewisses Grundvertrauen in die Ehrlichkeit der Bevölkerung muss man schon haben", so die Friseurinnung Chemnitz.

Terminbuchungen funktionieren gut

Alles in allem haben alle Terminbuchungen und auch die spontanen Geschäftsbesuche gut funktioniert. Alle Läden waren gut organisiert und haben genau kontrolliert, ob ein Testergebnis vorliegt. Dass sie meine falsche Selbstauskunft nicht durchschaut haben, liegt in der Natur des Formulars. Zwar wird auf die Ordnungswidrigkeit hingewiesen, doch wer wirklich keinen Test machen möchte, wird sich davon wohl nicht abhalten lassen.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.04.2021 | 07:20 Uhr

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