Schutz vor Corona "Beinahe entmenschlichend, den Wert des Lebens am Alter festzumachen"

Viele Menschen fordern, den Fokus in der Pandemie wieder stärker auf den Schutz von Kinder und Jugendlichen zu setzen - und nicht nur auf die Alten zu schauen. Manche Stimmen gehen sogar so weit zu sagen, dass die Förderung der Kinder wichtiger ist, als die optimale medizinische Versorgung der älteren Menschen. MDR SACHSEN hat die Altersforscherin Melanie Hühn von der TU Chemnitz gefragt, ob wir junge und ältere Menschen gegeneinander aufwiegen dürfen?

Die Heimbewohnerin Edith Kwoizalla ist mit ihren 101 Jahren die erste die sich am Samstag vor dem offiziellen Impfstart in Deutschland gegen Corona geimpft wurde.
Etwa eine Million Menschen leben in Alten- und Pflegeheimen. Ohne Lobby, oft vergessen und gesellschaftlich ausgegrenzt rückte diese Bevölkerungsgruppe mit der Pandemie plötzlich in den Fokus des öffentlichen Interesses. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN: Frau Dr. Hühn, Sie forschen an der TU Chemnitz zum Alter und zum Altern. Was sagen Sie dazu? Entsteht damit nicht eine Konkurrenz der Altersgruppen?

Melanie Hühn: Ich finde es sehr schwierig, Kinder und Jugendliche mit alten Menschen in Konkurrenz zu setzen. Kinder und die Alten sind auf unseren besonderen Schutz angewiesen und bedürfen unserer Aufmerksamkeit. Die Kinder sind unsere Zukunft und die Alten sind unser Gedächtnis.

Altersforscherin Melanie Hühn.
Dr. Melanie Hühn forscht an der TU Chemnitz zum Alter und zum Altern. Mit ihrer Kollegin Miriam Schreiter untersucht sie, wie alte Menschen die Pandemie erleben. Bildrechte: Melanie Hühn

Wir brauchen also ältere Menschen?

Wir können viel von den Alten lernen. Viele haben auch schon mehrere Lebenskrisen hinter sich und sind deswegen gelassener, widerstandsfähiger und optimistischer. Davon können auch Kinder profitieren. Die Erfahrung der Alten zur Bewältigung von Krisen kann sehr hilfreich sein.

Doch ist das nicht Konkurrenz, wenn der Schutz der Jungen und Alten abgewogen wird?

Ich würde nicht von einem Konkurrenzverhältnis sprechen. Das ist es nur, wenn die mittleren Altersgruppen, die den Diskurs bestimmen, die Jungen und Alten gegeneinander ausspielen. In der Öffentlichkeit kommen diese beiden Gruppen selbst wenig zu Wort. Auch die alten Menschen, die das selbst noch gut könnten, bekommen selten eine eigene Stimme und tauchen im Diskurs eher als Sündenböcke für die Leiden und Einschränkungen der anderen auf. Oder als Schreckgespenst, wenn sie in großer Anzahl sterben.

War es das jetzt mit der Solidarität?

Entsolidarisierung lässt sich verhindern, wenn wir erkennen, dass jedes Leben schützenswert ist und wenn wir es ermöglichen, dass sich Alte und Kinder wieder schnell sehen und voneinander profitieren können. Für die Großeltern würde das mehr Lebensfreude und weniger Isolation bedeuten, die Eltern wären mit der Betreuung entlastet und die Kinder profitieren von gemeinsamem Spiel, Zuwendung und vielleicht Nachhilfe.

Sind alte Menschen in unserer Gesellschaft nichts mehr wert?

Wenn man in Foren liest oder manchem Alltagsgespräch zuhört, würde man meinen: Ja, sie haben in unserer Gesellschaft einen schlechten Stellenwert. Von "es sterben ja sowieso nur die Alten" bis "die wären ja sowieso bald gestorben" oder "wir alle müssen leiden, obwohl nur die Alten betroffen sind" ist hier alles dabei. Dabei wird auch gar nicht differenziert, wer eigentlich alles zur Risikogruppe gehört. Viele Covid-19-Tote wären eben nicht demnächst gestorben, sondern haben im Durchschnitt ganze zehn Lebensjahre verloren – also für viele die gesamte Schulzeit, wenn man das in Relation zu den Kindern setzt. Gar nicht gesehen wird, dass die Lebensphase Alter sehr divers ist.

Melanie Hühn
Bildrechte: Melanie Hühn

Wir haben heute viele aktive und gesunde 80-Jährige, die mit ihrem Leben noch lange nicht abgeschlossen haben. Es ist nicht nur schade, sondern schon beinahe entmenschlichend, den Wert eines Lebens an seinem Alter festzumachen.

Melanie Hühn Altersforscherin TU Chemnitz

Sie erforschen gerade, wie alte Menschen die Pandemie erleben. Was fällt Ihnen auf?

Meine Kollegin und ich haben Interviews mit alten Menschen, ihren Angehörigen und Pflegenden geführt und dazu den Diskurs in den Online- und Printmedien untersucht. Vor der Pandemie standen die erfolgreichen Alten im Mittelpunkt, also die gesunden, fitten, diejenigen, die viel reisen und Zeit haben für die angenehmen Dinge des Lebens. Die Pandemie hat den Fokus auf die fast eine Million Bewohnerinnen und Bewohner von Altenheimen gelenkt.

Diese gesellschaftlich ausgegrenzte Gruppe, die sonst sowohl im Diskurs als auch im Alltag kaum sichtbar ist und auch quasi nie gehört wird, stand plötzlich im medialen Interesse.

Als weniger Todesnachrichten aus den Heimen kamen, sind die Alten wieder gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Sie sind die Ungehörten. Das zeigt jetzt auch die Diskussion um die Rücknahme der Beschränkungen für Geimpfte. Die meisten Pflegeheimbewohner sind seit Februar vollständig geimpft. Aber erst seitdem jüngere Menschen geimpft werden, wird die Diskussion um sogenannte Privilegien für Geimpfte geführt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 04. Mai 2021 | 20:00 Uhr

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