Interview So kommen Familien durch den zweiten Corona-Advent

Die Adventszeit ist eigentlich die Zeit der Besinnung. Doch in diesem Jahr kommt in vielen Familien in Sachsen wegen der Pandemie keine richtige Stimmung auf. Wie umgehen mit Stress und Konflikten? MDR SACHSEN hat bei dem Psychologen und Psychotherapeuten Stephan Mühlig von der TU Chemnitz nachgefragt.

Frage: Herr Mühlig, viele Familien sind derzeit durch die Corona Pandemie stark belastet, weil der Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung durch Quarantäne oder verkürzte Kita-Zeiten noch schwieriger wird. Was raten Sie denen?

Stephan Mühlig: Ja, das ist natürlich verständlich. Es ist eine schlimme Doppelbelastung, die die Familien durchleben müssen. Was man generell machen kann, um mit solchen Situationen umzugehen, ist auf jeden Fall, sich erst mal zu beruhigen, sich immer wieder klar zu machen: Das ist eine vorübergehende Periode, die wieder aufhört. Das zweite ist, das Beste daraus zu machen. Das heißt zu versuchen, trotzdem möglichst viel Zeit mit der Familie zu verbringen.

Alte Menschen sind auch in diesem Jahr wieder besonders von der Pandemie betroffen, weil viele Familienangehörige Angst vor der Ansteckung haben und Kontakte deshalb vermeiden. Wie können alte Menschen dennoch einbezogen werden, damit sie nicht das Gefühl haben, sie werden alleingelassen?

Also zum einen sollte man wirklich abwägen, wie hoch das Risiko tatsächlich ist. Ich glaube nicht, dass jetzt ein komplettes Kontaktverbot vonnöten ist. Es ist in den Fällen natürlich richtig, kein Risiko einzugehen, wenn alte Menschen zusätzlich Vorerkrankungen haben. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit schweren Lungenerkrankungen oder anderen schweren chronischen Krankheiten sollten eher vorsichtig sein. Da wäre es gut, dass die Familie nur komplett geimpft hingeht. Wenn die Kinder noch nicht geimpft worden sind, dann würde ich tatsächlich das Risiko nicht eingehen. Man belastet ja auch das eigene Gewissen, wenn man das Gefühl hat, man hat einen Angehörigen angesteckt und er kommt deshalb zu Schaden oder sogar zum Tode.

Was kann man alternativ machen, wenn es auch mit Abstand und Hygieneregeln zu riskant ist? Es gibt ja heutzutage immerhin die technischen Möglichkeiten.

Jetzt ist nicht jeder alte Mensch technikaffin und er kann vielleicht kein Zoom-Meeting bedienen. Aber es gibt wahrscheinlich bei jedem im Bekanntenkreis einen Menschen, der dabei helfen kann, wenn man es rechtzeitig organisiert. Damit sie die Möglichkeit haben, zum Beispiel bei einem Essen wenigstens online dazu geschaltet zu sein. Es ist nicht dasselbe wie sich live gegenüberzusitzen. Aber es ist wesentlich besser, als zu telefonieren oder sich gar nicht zu sehen.

Konflikte gibt es in der Weihnachtszeit immer in den Familien. Jetzt kommt Corona dazu und die Impfdiskussion. Wie kann ich Streit darüber vermeiden? Oder sollte man das besser offen austragen?

Es kommt darauf an. Wenn sich jemand strikt gegen die Impfung entschieden hat, aus welchen Gründen auch immer, da mache ich auch bei meinen Patienten die Erfahrung: Da ist es manchmal schwer, durchzudringen. Und Streit ist vorprogrammiert. Und diejenigen, die auf der "Pro-Impferseite" sind, müssen sich sehr gut informieren, damit eine Diskussion überhaupt sachlich bleibt. Das halte ich in vielen Fällen für schwierig. Insofern ist ein offenes Austragen nicht immer zielführend.

Gibt es derzeit noch andere Konflikte in ihrer psychotherapeutischen Praxis?

In unserer Ambulanz haben wir die Entscheidung getroffen, eben auch auf 2G zu wechseln. Wir müssen uns auch selber schützen und die Mitarbeiter. Ich vertrete hier ganz klar den Standpunkt, dass die Freiheit derjenigen, die sich jetzt dieser Impfung verweigern - die zu den Impfkritikern oder sogar Corona-Leugnern gehören – dass sie genau dort aufhört, wo sie die Freiheit und Gesundheit anderer gefährdet. Das bedeutet, dass wir die Patienten dann nicht mehr in Präsenz-Therapie empfangen, wenn sie nicht geimpft sind oder genesen sind. Sie können dann ausweichen auf Online-Kontakte.

Akzeptieren ihre Patienten das?

Teils, teils. Ich hatte kürzlich eine sehr lange Diskussion mit einem netten jungen Mann, der sich auf die Diskussion eingelassen hat. Und ich habe ihm dann diese Entscheidung überlassen. Also entweder wir machen eine Therapie zusammen. Dann müssen aber die Gesundheitsbedingungen erfüllt werden. Wenn sich jemand dagegen entscheidet, ist es auch eine freie Entscheidung, dann werden wir das hier nicht tun.

Wir sitzen eine Stunde oder noch länger in einem Raum zusammen, der nicht ständig gelüftet werden kann. Da ist das Risiko einfach zu groß. Da steht die Gesundheit der Mitarbeiter über dem Anspruch, eine andere Meinung vertreten zu dürfen. Sie können sie vertreten, aber sie müssen auch mit den Konsequenzen leben.

Quelle: MDR(kb)

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