Hilfseinrichtungen Obdachlosenhilfe Chemnitz durch Corona vor Herausforderungen

Obdachlose leiden besonders unter der winterlichen Kälte. Viele Einrichtugen, bei denen sie sich aufwärmen könnten, sind aktuell durch die Corona-Schutzmaßnahmen nur eingeschränkt in der Lage zu helfen. MDR SACHSEN hat sich die Situation in Chemnitz genauer angeschaut.

Obdachlose schlafen am Straßenrand
Bildrechte: IMAGO

Wie viele Menschen in Chemnitz wohnungslos sind, ist nicht bekannt. "Die Anzahl lässt sich nicht ermitteln, da lediglich die Menschen erfasst werden können, die Hilfsangebote in Anspruch nehmen und dadurch bekannt werden", teilte die Stadt Chemnitz auf Anfrage mit. Im Dezember 2020 lebten im Wohnprojekt 40 Personen, weitere 12 nahmen die Notunterkunft in Anspruch. Neben dem Wohnprojekt leisten auch die Heilsarmee, die Bahnhofsmission und der Tagestreff "Haltestelle" der Diakonie Hilfe. Jedes Hilfsprojekt hat durch die Corona-Schutzmaßnahmen zurzeit besondere Herausforderungen.

Bahnhofsmission - lüften alle 30 Minuten

Durch das Hygienekonzept können sich in der Bahnhofsmission nur vier Personen gleichzeitig für jeweils 30 Minuten aufhalten, erzählt Koordinatorin Monika Zeuner. Durch das ständige Lüften könne außerdem nur eine Temperatur von rund 15 Grad erreicht werden. "Die Plätze an der Heizung sind am gefragtesten", so Zeuner. Das Hilfsangebot werde auf jeden Fall genutzt. "Schwierig ist, dass wir mit den Menschen durch die Abstandsregeln keine leisen privaten Gespräche mehr führen können."

Viele Menschen leben in Wohnungen ohne Strom

"Wir haben auch viele Personen, die nicht im eigentlichen Sinne obdachlos sind", sagt Zeuner. Das seien Personen, die zwar ein Dach über dem Kopf haben, aber oft in Wohnungen ohne Heizung oder Strom leben. "Sie werden oft vergessen", sagt Zeuner. "Aber gerade diese Probleme nehmen immer mehr zu."

Ähnliches berichtet auch Matthias Lindner, Kapitän der Heilsarmee in Chemnitz. Seit November 2020 ist sein Team einmal in der Woche mit einem mobilen Einsatzwagen im Chemnitzer Stadtteil Hutholz unterwegs. "Es gibt viele Leute, die uns brauchen, aber nicht nur die klassischen Obdachlosen", erzählt er. Neben einer heißen Suppe und Kaffee verteilt das Team auch haltbare Lebensmittel. Die Menschen seien sehr froh und dankbar. "Sie freuen sich, dass wir in ihren Stadtteil kommen", sagt Lindner. "Sie sagen: 'Es ist schön, dass ihr uns hier draußen nicht vergesst.'" Im Moment laufen Planungen für weitere Standorte des mobilen Einsatzwagens in den Außenbezirken von Chemnitz.

Gabenzaun wird gut genutzt

Das Team des AJZ Streetwork versucht auch im Lockdown den Kontakt zu den Obdachlosen weiter aufrechtzuerhalten. "Der direkt Kontakt fällt weg und damit auch die sozialen Beziehungen", erzählt Streetworker Frank Rothe. Um zu helfen, bestücken sie zum Beispiel auch den Gabenzaun am Bahnhof. In einem "Fairteiler", einem Schrank an der Bahnhofstraße, können Essen und Dinge des täglichen Bedarfs abgelegt werden. Außerdem können an einem Bauzaun Dinge gut verpackt angehängt werden. "Es geht vor allem um Hygieneartikel", sagt Rothe. "Und die sind auch immer schnell weg. Es gibt viele Bedürftige, nicht nur Obdachlose, die es nötig haben."

Tagestreff "Haltestelle" in Chemnitz
Im Tagestreff "Haltestelle" können sich zurzeit nur acht Personen gleichzeitig aufhalten. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Auch der Tagestreff "Haltestelle" versucht möglichst vielen Menschen ein Hilfsangebot zu machen. "Wir haben zur Zeit acht Einzeltische, an denen sich die Menschen unbegrenzt aufhalten können", sagt Sozialarbeiter Michael Richter. Normalerweise sind es 30 bis 35 Frauen und Männer zur gleichen Zeit, so die Stadt Chemnitz. Um mehr Menschen vor allem mit einem warmen Mittagessen zu versorgen, gibt es im Februar noch einen zweiten Tagestreff für zehn Personen. "Durch die Kälte kommen mehr Menschen zum Aufwärmen und wir wollen nicht so viele wegschicken", sagt Richter.

Gibt es eine offene Obdachlosenszene in Chemnitz?

Offene Obdachlosigkeit Unter diesem Begriff verstehen Obdachlosenhelfende eine Art der Obdachlosigkeit, bei der Menschen draußen auf der Straße schlafen und keine Notunterkünfte oder Ähnliches nutzen.

Zur Frage, ob es in Chemnitz eine offene Obdachlosenszene gibt, gehen die Meinungen bei den Hilfseinrichtungen auseinander. "Eine klassische offene Obdachlosenszene ist in Chemnitz nicht bekannt", teilt die Stadt Chemnitz auf Anfrage mit. "Es gibt vereinzelte Menschen, die das klassische Hilfesystem nicht nachfragen. Die Gründe hierfür sind genau so vielfältig, wie individuell." Streetworker Rothe sieht das ähnlich. "Es gibt nur sehr selten jemanden, der in einem Hauseingang schläft", sagt er. Sein Team ist im Zentrum, auf dem Sonnenberg und in Gablenz unterwegs.

Sozialarbeiter Richter von der Haltestelle sieht das anders. "Ich treffe rund 20 Leute pro Tag und die Hälfte von ihnen schläft draußen", erzählt er. "Da sie aber von Securitys auch oft verjagt werden, sind sie ständig woanders." Gerade wurde versuchsweise ein Kältebus ins Leben gerufen, so die Stadt Chemnitz. "Eine Testphase soll zeigen, inwiefern dieses Angebot angenommen wird."

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.02.2021 | 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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