Dokfilm "Der Entschluss": Chemnitzer Filmnächte zeigen Geschichte der letzten Mauerflüchtlinge

Vor 32 Jahren "machten sie rüber" – dann fiel die Mauer: Hans-Peter Spitzner und seine Familie sind die letzten bekannten Mauerflüchtlinge aus der DDR. Welchen Einschnitt der Entschluss für ihr Leben bedeutete, erzählt nun ein Dokumentarfilm, der am Mittwoch Premiere bei den Filmnächten Chemnitz feiert.

Dokumentarfilm "Der Entschluss" 2 min
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Hans-Peter Spitzner und seine Familie sind die letzten bekannten Mauerflüchtlinge. Der Dokumentarfilm "Der Entschluss" erzählt ihre Geschichte. Lars Tunçay hat mit den Leipziger Regisseuren gesprochen.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mi 21.07.2021 18:21Uhr 01:50 min

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Es ist Sommer 1989, als Hans-Peter Spitzner den Entschluss fasst, mit seiner Tochter über den Checkpoint Charlie nach West-Berlin zu fliehen. "Ich wollte einfach weg", erinnert er sich. "Aber die Gelegenheit fehlte. Jetzt wollte ich es einfach versuchen." Die Chance bot sich als seine Frau Ingrid eine zehntägige Besuchserlaubnis bei ihrer Tante in Österreich erhalten hatte. Für Hans-Peter Spitzner hieß es: Jetzt oder nie.

Die Konsequenz, dass man vielleicht dabei ertappt wird, dass man ins Gefängnis geht, das Kind verliert und dass die Familie getrennt wird – Ich wusste das. Rational war das da. Aber ich habe das verdrängt.

Hans-Peter Spitzner

Ein Zeichen der Menschlichkeit

Im Pkw-Kofferraum eines amerikanischen Soldaten überquerten sie die Grenze am Checkpoint Charlie. Ihren Fluchthelfer, Eric Yaw, hatten sie Minuten zuvor auf einem Parkplatz angesprochen. Spontan erklärte er sich bereit, ihnen zu helfen. "Es war schwer vorstellbar für mich, warum jemand eine Mauer zwischen Verwandten, Freunden, Liebenden errichten sollte", erinnert sich Yaw. "Deshalb habe ich gesagt: Ich mache es."

Dokumentarfilm "Der Entschluss"
Wiedersehen am Checkpoint Charlie: Hans-Peter Spitzner und Eric Yaw heute. Bildrechte: Nancy Brandt Film

Keine Zukunft in der DDR

Für Peter Spitzner gab es keine Zukunft in der DDR. Der Lehrer war in der Vergangenheit bereits aufgefallen, als er sich für Demokratie aussprach. Als die Stasi eines nachmittags vor der Tür stand und ihn stundenlang verhörte, fasste er den Entschluss zur Flucht. Seine Frau erfuhr davon erst, als er sie von Berlin aus in Österreich anrief. Verhör und Flucht verheimlichte er vor ihr.

Der Entschluss Ingrid und Hans-Peter Spitzner nach der Flucht 1989 und heute

Dokumentarfilm "Der Entschluss"
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"Was geschah danach?"

Welche Auswirkungen der Entschluss für die Familie hatte, das erzählen Thomas Beckmann und Nancy Brandt in ihrem Dokumentarfilm. "Uns hat auch wirklich interessiert, was macht das mit einem, wenn man so eine Flucht plant", sagt Regisseurin Brandt. "Was passiert danach eigentlich? Wie bei diesen Happy Endings im Film: was passiert danach eigentlich? Daraus entstand die Filmidee."

Dokumentarfilm "Der Entschluss"
Peggy Spitzner war sieben Jahre alt als sie mit ihrem Vater in den Westen floh. Bildrechte: Nancy Brandt Film

Schwere Zeit für Tochter Peggy

Die Flucht war vor allem für die damals siebenjährige Tochter Peggy ein einschneidendes Erlebnis. Zuerst ging es in ein Aufnahmewohnheim, dann in eine Wohnung. Wenige Monate später, als sie sich gerade eingewöhnt hatte, fiel die Mauer – und die Familie konnte zurück in ihre Heimat – eine verwirrende Zeit, erinnert sich auch ihre Mutter Ingrid. "Wieder die Freunde verlieren, das war natürlich für Peggy hart. Das muss man schon sagen, das war eine ganz schöne Anspannung." Peggy wehrte sich: "Wieder in eine unbekannte Umgebung, wieder alles zurücklassen – das wollte ich nicht."

Der Entschluss verändert alles

Was bedeutet es, für die Freiheit das eigene und das Leben anderer aufs Spiel zu setzen und alles andere hinter sich zu lassen? In langen, persönlichen Gesprächen suchen die Filmemacher nach Antworten, dabei kommen viele schmerzhafte Wahrheiten ans Licht. "Es war allen bewusst, was wir machen wollen", erklärt Brandt. "Wir hatten lange Gespräche davor, gerade auch mit Peggy – wir waren danach alle fix und fertig. Weil das so ein intensiver Austausch war und auch Peggy, glaube ich, noch nie so intensiv über die Flucht gesprochen hat."

Nancy Brandt, Filmemacherin
Bildrechte: Balance Film

Wir sind Peggy, aber vor allem natürlich auch Ingrid, total dankbar dafür, dass sie sich uns so geöffnet haben.

Nancy Brandt Regisseurin "Der Entschluss"

Flüchtlinge damals und heute

Mit ihrem Film wollen Brandt und Beckmann auch Parallelen zur Gegenwart zu ziehen. Wie würde man sich als Zuschauer in einer solchen Situation entscheiden? "Es geht uns darum zu zeigen, dass hier vor etwas mehr als 30 Jahren auch Menschen geflohen sind und dass das noch gar nicht so lange her ist. So entwickelt man da vielleicht auch mehr Verständnis für die Leute, die jetzt auf der Flucht sind und hier landen."

Kinotour im Herbst

2019 gedreht, sollte "Der Entschluss" eigentlich bereits 2020 Premiere feiern. Doch dann kam Corona. Jetzt ist kann die Premiere stattfinden. Im Anschluss an die Uraufführung bei den Chemnitzer Filmnächten gehen die Filmemacher auf eine Kinotour. Im Herbst ist "Der Entschluss" dann auch im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen.

Quelle: MDR/lt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Aufgefallen – Das Kulturmagazin | 19. Juli 2021 | 20:00 Uhr

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