Filmprojekt Künstlerin kontert Böhmermann: Sachsen ist nicht nur rechts

"Nazi-Hotspot Sachsen" Dieser Beitrag von Satiriker Jan Böhmermann löste bei Spoken Word Künstlerin Jessy James LaFleur im letzten Jahr Wut und Trauer aus. Seit 2019 lebt sie in Görlitz und ist sich sicher: Sachsen ist so viel mehr. Und das wollte sie sichtbar machen. Entstanden ist daraus der Dokumentarfilm "Sachsen ist mehr", der am Donnerstag in Chemnitz gezeigt wurde.

Film "Sachsen ist mehr"
Jessy James LaFleur (Mitte) bei den Dreharbeiten zu "Sachsen ist mehr" im Gespräch mit Katharina Härtel vom Palais Sommer in Dresden. Bildrechte: Ashley Joanna

Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus Jan Böhmermanns Beitrag "Rechtsextremismus im Osten: So geht sächsisch!" (Nazi-Hotspot Sachsen). Überspitzt wird hier allen Sächsinnen und Sachsen pauschal eine politisch rechte Gesinnung unterstellt. Spoken Word Künstlerin Jessy James LaFleur fühlt sich davon angegriffen und beschließt zu zeigen, dass ihre Wahlheimat Sachsen sehr viel mehr ist als das.

"Was macht die pauschale Aussage 'Sachsen ist rechts!' eigentlich mit Menschen, die sich täglich in soziokulturellen Zentren, Vereinen und unzähligen Projekten abseits der Politik engagieren?", fragt sie sich und macht sich in dem Film "Sachsen ist mehr" auf den Weg, um mit diesen Menschen zu sprechen.

Von Leipzig über Zwickau nach Ostro

Von Leipzig, Dresden und Chemnitz über Zwickau bis hin in die kleinen Orte Löbau, Ostro und Hartenstein - überall trifft sich LaFleur mit Kulturschaffenden und lässt sich in dem 90-minütigen Film ihre Sicht auf Sachsen erzählen. "Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit Sachsen auseinandergesetzt", erzählt die gebürtige Belgierin. "Ich habe hier so viele tolle und engagierte Menschen kennengelernt." Bewusst werden in dem Film auch eher ländliche Regionen gezeigt.

Doch Menschen zu finden, die sich positiv über Sachsen äußern wollen, ist nicht leicht. "Viele soziokulturelle Zentren wollten gern über rechte Gewalt reden und wie sie sich dagegen engagieren", erzählt LaFleur. "Aber sich positiv über Sachsen äußern? Das wollten viele nicht." Trotzdem kommen in dem Film viele Aktive zu Wort.

Ein junger Mann und eine junge Frau sitzen auf einer Wiese auf Stühlen
Julia Voigt (links) und Randy Fischer vom Kulturbündnis "Hand in Hand" erzählen von ihrer Kulturarbeit in Chemnitz. Bildrechte: Ashley Joanna

Kultur als Demokratieförderung

So auch Julia Voigt vom Chemnitzer Club "Weltecho" und dem Kulturbündnis "Hand in Hand". Im Film spricht sie darüber, dass Kultur dabei helfen kann, in einen Dialog zu treten. Doch im Nachgang wünscht sie sich, einige Dinge klarer benannt zu haben. "Chemnitz hat ein Problem mit rechten Strukturen", sagt sie. "Und das hätte ich gern direkt im Film benannt."

Doch zum Zeitpunkt der Dreharbeiten stand Voigt mehrmals mit klaren Aussagen gegen rechts in der Öffentlichkeit und war bereits vor möglichen Gefahren gewarnt worden. "Da war ich im Film dann vielleicht zu vorsichtig", sagt sie. Kultur kann demokratiefördernd sein, ist sie sich sicher. Und ihr ist es wichtig, Angebote zu schaffen, um im Dialog zu bleiben.

Film "Sachsen ist mehr"
Jessy James LaFleur (links) im Gespräch mit Aktiven aus Ostsachsen. Sie überlegen, den ländlichen Raum zu verlassen, "um mal etwas anderes kennen zu lernen". Bildrechte: Ashley Joanna

Eine 17 Jahre alte Besucherin der Filmvorführung in Chemnitz erzählt, dass sie den Film am Anfang skeptisch gesehen hat. "Ich war mir unsicher, ob der Rechtsextremismus nicht zu wenig thematisiert wird", sagt sie. "Aber der Film war gut und ausgewogen."

Ein anderer Besucher sagt, dass auch ihn als gebürtigen Chemnitzer die Aussage von Jan Böhmermann über Sachsen sehr emotional getroffen hat. "Es ist gut, dass auch mal andere Seiten thematisiert werden, als nur der Rechtsextremismus", sagt er nach der Dokumentation.

Film "Sachsen ist mehr"
Jessy James LaFleur hofft mit dem Film Vorurteile über Sachsen abbauen zu können. Bildrechte: Ashley Joanna

Film soll Vorurteile abbauen

Jessy James LaFleur ist der Meinung, dass "Sachsen ist mehr" vor allem in Westdeutschland gezeigt werden müsse, um dort Vorurteile abzubauen. Außerdem gibt sie damit eine direkte Antwort auf den Beitrag von Jan Böhmermann. Der habe allerdings bislang nicht reagiert, werde aber zu jeder Filmvorführung eingeladen. "Der Film gibt keine neuen Antworten", sagt LaFleur. "Aber vielleicht gibt er neue Hoffnung."

Hier wird der Film "Sachsen ist mehr" gezeigt 6. Mai Zwickau 19 Uhr im Alten Gasometer

13. Mai Zittau 19 Uhr im Kronenkino

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio | 05. Mai 2022 | 08:30 Uhr

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