Filmprojekt Premiere für Dokumentation zu rechter Gewalt in Chemnitz

Am Sonnabend ist der Dokumentarfilm "Chemnitz triggert. Zwischen Angst, Wut und Widerstand" zum ersten Mal gezeigt worden. Im Mittelpunkt stehen die gewalttätigen Demonstrationen 2018 in der Stadt. Als Mikroprojekt der Kulturhauptstadt 2025 lässt der Film Betroffene von rechter Gewalt mit ihren Eindrücken zu Wort kommen.

Filmdreh in einer Wohnung
In der Dokumentation kommt auch ein Berater der Opferberatungssstelle Chemnitz der RAA - Sachsen e.V. zu Wort. Bildrechte: MDR/Filmkombinat Chemnitz

Der Film beginnt mit einem Rückblick auf die gewalttätigen Demonstrationen 2018 in Chemnitz. Diese hatten nach dem gewaltsamen Tod des Deutsch-Kubaners Daniel H. am Rande des Stadtfestes überregional für Entsetzen gesorgt.

Die Bilder werden noch einmal ins Gedächtnis gerufen. Doch zu Wort kommen dieses Mal keine offiziellen Vertreter der Stadt oder der Polizei. Zu Wort kommen Menschen, die direkt betroffen waren. Die Ereignisse 2018 werden zwar zum Ausgangspunkt der Dokumentation, doch die Geschichten der Betroffenen von rechter Gewalt reichen zum Teil weit zurück. Auch davon erzählt der Film.

Rassistische Beleidigungen, körperliche Angriffe auf Personen, die als migrantisch oder antifaschistisch angesehen werden, werden anschaulich und im Detail von den Betroffenen selbst geschildert. "Uns haben in der medialen Aufarbeitung der Ereignisse von 2018 die Stimmen der Betroffenen gefehlt", erklärt Alina Ost vom Filmkombinat, warum ihr Team den Film gedreht hat. Außerdem solle darauf aufmerksam gemacht werden, dass die rechten Strukturen schon seit langer Zeit und auch weiterhin in der Stadt bestehen. Der Film wird ab dem 18. März auch online frei verfügbar sein, erzählt Ost. Sie rechne auch mit überregionaler Aufmerksamkeit.

Umgang der Gesellschaft mit Angriffen

Der freie Journalist Michael Trammer hat das Projekt begleitet und das Filmteam beraten. "Es geht um Attacken auf Leute, die einfach im Alltag unterwegs waren, beleidigt, angegriffen, bespuckt, attackiert, geschlagen wurden und teilweise schwerste körperliche und psychische Folgen davon erlitten haben", fasst er den Film zusammen. Es gehe aber nicht nur um die Angriffe, sondern auch um den Umgang der Gesellschaft mit diesen Angriffen.

Es geht um Attacken auf Leute, die einfach im Alltag unterwegs waren, beleidigt, angegriffen, bespuckt, attackiert, geschlagen wurden und teilweise schwerste körperliche und psychische Folgen davon erlitten haben.

Michael Trammer Freier Journalist

Premierengäste beeindruckt vom Film

Die Besucherinnen und Besucher der Filmpremiere am Sonnabend zeigen sich beeindruckt von den verschiedenen Perspektiven, die der Film zeigt. "Ich fand den Film sehr informativ und wichtig", sagt eine junge Frau. Nicht alle können ihre Eindrücke sofort in Worte fassen. "Ich muss das erstmal verarbeiten", sagt ein junger Mann. Eine junge Frau sagt, dass ihr der Film eigentlich zu spät kommt. "Aber es ist gut, dass die migrantische Perspektive zu 2018 nachgeholt wird", sagt sie.

Zwei Protagonisten bei Filmdreh auf einem Dachoden
Die Filmemacher haben versucht verschiedene Standpunkte einzufangen. So wurden auch Menschen interviewt, die sich bei der autonomen Antifa verorten. Sie beschreiben in dem Film die rechten Strukturen in der Stadt. Bildrechte: MDR/Filmkombinat Chemnitz

Finger in die Wunde legen

Die Dokumentation soll den Finger in die Wunde legen und konzentriert sich daher nicht darauf, was sich in den letzten Jahren bereits in Chemnitz getan hat. "Es hat sich in den letzten Jahren schon vieles zum Positiven gewandelt", sagt Ost. "Aber die Realität zeigt, dass es noch nicht reicht." Einen Film, der diese positiven Entwicklungen zeigt, würde Ost toll finden, doch das Filmkombinat plane ihn nicht.

In einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die Filmpremiere kommt unter anderem auch Pedro Perez zu Wort, der sich im Migrationsbeirat von Chemnitz engagiert. "Der Film ist wahr", sagt er. Aber er sehe auch schon Fortschritte in der Stadt.

Podiumsdiskussion
Bei der Podiumsdiskussion nach der Filmpremiere kommen Protagonistinnen und Protagonisten des Films aber auch andere in der Stadt aktive Menschen zu Wort. Bildrechte: MDR/Filmkombinat Chemnitz

Auch Trammer sieht Bemühungen in Chemnitz. "Es gibt in Chemnitz eine engagierte Zivilgesellschaft. Es gibt Leute, die etwas nach vorne bringen wollen und es gibt Leute, die etwas bewegen wollen", sagt er. "Aber die arbeiten gegen einen wahnsinnig großen Teil der Gesellschaft, der überhaupt kein Interesse daran hat."

Forderung nach aktiver Solidarität

Zeynab, eine der Protagonistinnen der Dokumentation, ruft am Filmende dazu auf, sich politisch zu engagieren und sich einzumischen. Katha, eine weitere Betroffene rechter Gewalt, wünscht sich Solidarität. "Und zwar nicht nur ausgesprochene Solidarität, sondern dass sie auch aktiv gelebt wird", sagt sie.

MDR (al)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 14. März 2022 | 14:30 Uhr

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