Filmpremiere Der Holocaust als Videospiel - "Endlich Tacheles" im Clubkino Chemnitz

Es gibt unzählige Dokumentationen über den Holocaust, die versuchen, dem Unsagbaren eine Form zu geben. Ein neuer Dokumentarfilm der Regisseurinnen Jana Matthes und Andrea Schramm mit dem Titel "Endlich Tacheles" zeigt die Sicht eines jungen Berliner Juden, der sich mit der Arbeit an einem Videospiel über die Shoah den Traumata seiner Familie nähert.

Eine Frau mit blonden langen Haaren und ein schwarzhaariger Mann stehen neben dem Filmplakat zu "Endlich Tacheles".
Regisseurin Andrea Schramm und ihr Protagonist Yaar waren zur Filmpremiere von "Endlich Tacheles" ins Chemnitzer Clubkino gekommen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Der Dokumentarfilm "Endlich Tacheles", der seit zehn Tagen in den Kinos läuft, erzählt eine ungewöhnliche Geschichte. Yaar, der Protagonist des Films, ist ein junger jüdischer Student aus Berlin. Als angehender Gamedesigner will er ein Computerspiel über den Holocaust entwickeln: "Shoah. Als Gott schlief." Was für die Meisten wohl erst einmal als völlig abwegige Idee erscheint, ist auch ein Aufbegehren gegen seinen Vater. Ihm wirft Yaar vor, dass er unter dem Holocaust leidet, obwohl er ihn nicht mehr selbst erlebt hat. Die beiden Regisseurinnen Jana Matthes und Andrea Schramm begleiten den jungen Mann dabei, wie er mit seinen Freunden Sarah und Marcel Ideen für das Spiel entwickelt. Da sich Yaar dabei am Schicksal seiner Familie, die aus Krakau stammt, orientieren will, werden die Recherchen auch zu einer Reise in die eigene Familiengeschichte. Die erste Idee, die Nazitäter auch menschlich und nicht nur böse handeln lassen zu können, verwirft Yaar: In Krakau entdeckt er ein verstörendes Familiengeheimnis. Das Computerspiel ist am Ende des Films noch nicht fertig, doch die schwierige Beziehung zwischen Yaar und seinem Vater hat sich verändert.

MDR SACHSEN hat nach der Filmpremiere in Chemnitz mit Regisseurin Andrea Schramm und Yaar, dem Protagonisten des Dokumentarfilms "Endlich Tacheles", gesprochen.

Wie sind Sie auf Yaar und seine Geschichte gestoßen?

Andrea Schramm: Yaar war bei uns Praktikant. Es hat lange gar keine Rolle gespielt, dass er Jude ist, wir haben an ganz anderen Geschichten gearbeitet. Erst nach und nach hat er uns seine Geschichte erzählt. Irgendwann haben wir gesehen, dass es seine Geschichte ist, die erzählt werden muss. Wir haben gespürt, dass er mit dem Judentum am Anfang nichts zu tun haben wollte. Und trotzdem rumorte es in ihm.

Er hat einen schweren "Rucksack" auf den Schultern, ohne zu wissen, was da drin ist. Irgendwas, das seine Vorfahren da reingepackt haben.

Regisseurin Andreaa Schramm über Yaar, den Protagonisten des Films "Endlich Tacheles".

Wir hatten das Gefühl, er wollte es irgendwann auspacken und sehen, was die Vergangenheit eigentlich ist, die er auf seinen Schultern trägt. Als er dafür bereit war, haben wir angefangen, den Film zu drehen.

Wie hat sich die Geschichte zu dem entwickelt, was jetzt als "Endlich Tacheles" vorliegt?

Andrea Schramm: Ein Dokumentarfilm wird ja drei Mal gemacht: Man schreibt die Geschichte auf, dann dreht man und dann schneidet man. Am Anfang dachten wir, dass es weniger um den Holocaust gehen würde, sondern mehr um jüdisches Leben heute. Aber ein Dokumentarfilm entwickelt sich. Die Geschichte hat uns einfach mitgerissen ab einem bestimmten Punkt. Yaar ist die Hauptperson, doch sein Vater Ilei ist unheimlich wichtig. Er gehört zur zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden gehört. Mit ihm kam eine größere Schwere in den Film.

Yaar, wie ist deine Sicht auf dein Jüdisch-Sein?

Yaar: Es begleitet mich schon, aber ich würde mir wünschen, dass es anders wäre. Einerseits habe ich erlebt, dass wir zu Feiern eingeladen wurden, nur weil wir Juden sind. Andererseits bin ich auch schon angegriffen worden vor einer Synagoge in Berlin. Es wäre schön, wenn das "Jude sein" etwas völlig Uninteressantes wäre. Dann laufe ich eben mit einer Kippa durch die Straße und das ist völlig unerheblich. Das würde ich mir wünschen, aber das ist eben nicht so.

Ein Mann mit Kippa steht, eine junge Frau und ein junger Mann mit Kippa kauern an einem umgeworfenen Grabstein.
In Krakau entdeckt Yaar ein schreckliches Familiengeheimnis - es betrifft den gewaltsamen Tod seines Großonkels. Bildrechte: Schramm Mathes Film

Hat sich mit dem Film für dich persönlich etwas verändert?

Yaar: Es hat eine Aufklärung in die Familie gebracht. Man kann die Geschichte, die ein sehr intimer Einblick in die Familiengeschichte ist, den Leuten zeigen und ins Gespräch kommen. Ich glaube aber nicht, dass dadurch mehr Normalität erreicht wird. Dafür muss mehr Zeit vergehen. Und es muss eine entspanntere Perspektive geben. Weniger im Sinne von Vergessen oder Verharmlosung, sondern eher ohne diese große emotionale Aufgeladenheit.

Das Thema ist ja: Was macht es mit einer gesamten Familie, die entwurzelt, ausgeplündert und weggeschmissen wird.

Yaar Protagonist "Endlich Tacheles"

Wie empfindet ihr das Gedenken an den Holocaust in Deutschland?

Yaar: Wir beschäftigen uns extrem viel mit den Juden und fast nicht mit den Tätern. Wir erzählen, was Schreckliches getan wurde, wir beschäftigen uns mit den Opfern. Aber mit dem Bösen beschäftigen wir uns zu wenig. Wir Juden reden immer wieder darüber, was alles Schreckliches passiert ist. Ich persönlich würde mich freuen, wenn die Gesellschaft insgesamt auch die Täterseite mehr thematisieren würde.

Andrea Schramm: Wir im Team haben auch unsere Vergangenheit befragt. Mein Großvater war als Wehrmachtssoldat auf dem Weg an die Ostfront zwei Wochen lang in das KZ Dachau versetzt. Dort war Yaars Großvater. Im Prinzip hätten sich beide Männer dort begegnet sein können. Und wir machen mehr als 70 Jahre später diesen Film. Natürlich wussten wir auch vorher, dass wir Enkelinnen der Täter sind. Doch emotional hat uns das erst bei den Dreharbeiten in Krakau erwischt. Wir haben als Enkelinnen der Täter auch die Verantwortung, das weiterzutragen und die Geschichte zu erzählen.

Kann man "abschließen", wenn man zur dritten Generation der Holocaust-Opfer gehört?

Yaar: Man kann diese Geschichte nicht hinter sich lassen und sagen "Das ist nie passiert, ich lass es hinter mir und das war's." Ich identifiziere mich jetzt nicht mit der Rolle als Opfer. Ich identifiziere mich als Jude und als jemand mit einer sehr tragischen Familiengeschichte. Es war für mich wichtig, damit eine Art Umgang zu finden. Es soll nicht Teil meines Lebens werden, sondern ein Teil der Familiengeschichte sein. Durch den Film ist mehr Klarheit in unserer Familie entstanden. Es war wie ein großer Berg eines Geheimnisses. Und der ist jetzt abgetragen worden. Und das hat zu sehr viel gegenseitigem Verständnis geführt.

Andrea Schramm: Für uns als Regisseurinnen war es spannend zu zeigen, dass ein Rebell mit diesem Computerspiel neue Wege geht. Neue Wege in einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen sterben. Wie erzählt man Geschichte und wie bringt man jungen Menschen den Holocaust näher? Im nächsten Jahr soll der Film bei den Schulkinowochen eingesetzt werden.

Ein junger Mann mit schwarzen Haaren und eine alte Dame mit grauem Bubikopf sitzen nebeneinander auf sesseln.
Yaar besuchte seine Großmutter Rina in Israel auf der Suche nach Antworten. Bildrechte: Schramm Mathes Film

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 25. Oktober 2021 | 14:30 Uhr

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