Erster Spatenstich Baubeginn für Gefängnis-Gedenkstätte in Chemnitz

Von 1963 bis 1989 wurden 33.755 politische Häftlinge aus der DDR freigekauft. Der Preis: 3,4 Milliarden D-Mark. Die Gefangenen wurden zuvor im Kaßberg-Gefängnis Karl-Marx-Stadt inhaftiert. Nun erhalten sie eine Gedenkstätte.

 Blick in einen Gefängnis trakt mit Metalltreppe in der Mitte.
Ein Teil des ehemaligen Kaßberg-Gefängnisses wird zur Gedenkstätte umgebaut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Standort des ehemaligen Kaßberg-Gefängnisses haben am Donnerstag die Umbauarbeiten für die Einrichtung eines "Lern- und Gedenkortes" begonnen. Nach einjähriger Bauzeit soll im Haus der ursprünglich vier miteinander verbundenen Zellentrakte eine Gedenkstätte entstehen. Dort wird voraussichtlich ab Ende 2022 an die verschiedenen Zeitabschnitte des Kaßberg-Gefängnisses erinnert. Der Umbau des sogenannten Zellentraktes B kostet etwa 3,8 Millionen Euro, die aus Fördertöpfen des Bundes, des Freistaats Sachsen und der Stadt Chemnitz stammen. Im Mittelpunkt der so entstehenden Dauerausstellung werden nach Aussage des Vereins "Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V." die Lebensgeschichten früherer Häftlinge stehen. Die restlichen Bauten des Gefängnisses werden zu Wohnungen umgebaut.

Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz / Karl-Marx-Stadt Das Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg wurde 1886 errichtet. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Gefängnis eine Haftanstalt. Auch die Gestapo nutzte das Gefängnis und inhaftierte hier politischer Gegner und Chemnitzer Juden. Zwischen 1945 und 1952 wurde der Bau als sowjetisches Untersuchungsgefängnis genutzt. Nach der Übernahme des Kaßberg-Gefängnisses durch die DDR war es die größte Untersuchungshaftanstalt des gesamten Landes. Zwischen 1963 und 1989 wurden etwa 90 Prozent der von der Bundesrepublik freigekauften DDR-Häftlinge aus verschiedenen Gefängnissen auf den Kaßberg in Karl-Marx-Stadt verlegt. Damit war es der zentrale Ort für den deutsch-deutschen Häftlingsfreikauf. Die Häftlinge verbrachten die letzte Zeit vor dem Transport in die Bundesrepublik im Kaßberg-Gefängnis und hatten leichtere Haftbedingungen. Von Karl-Marx-Stadt aus wurden die freigekauften Häftlinge mit Bussen über den innerdeutschen Grenzübergang Wartha/Herleshausen in das hessische Notaufnahmelager Gießen gebracht.
Quelle: Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V.

Jürgen Renz: Gedenkort inmitten einer Wohnsiedlung war ein langer Kampf

Jürgen Renz, der sich als Vereinsvorsitzender des "Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V." seit genau zehn Jahren für das Projekt stark macht, freut sich, dass der Bau jetzt startet. "Der Verein musste die Politik überzeugen, dass dieser Ort einen Platz in der Gedenkstättenlandschaft haben muss." Mit dem Investor habe man einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen. "Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es uns in den vergangenen Jahren gut gelungen, voranzukommen mit dem Projekt." Nun sei es spannend zu sehen, dass inmitten von Wohnbebauung ein solcher Gedenkort entsteht. Auf den ersten Blick sei die Mischung etwas gewöhnungsbedürftig. Aber so sei der Lauf der Zeit. "Wir sind froh, dass wir diesen prominenten und repräsentativen Ort bekommen haben, der eine große Dauerausstellung mit einer Fläche von fast 2.000 Quadratmetern beherbergen wird.

Ausstellung auf drei Ebenen

Nach Angaben des Vereins "Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e.V." werden sich die Ausstellungsflächen auf drei Etagen den verschiedenen Epochen widmen, in denen das Kaßberg-Gefängnis eine überwiegend unrühmliche Rolle spielte. Eine Ausstellungsfläche soll sich der Gebäudegeschichte im 19. Jahrhundert widmen, eine weitere der Zeit des Nationalsozialismus. Ein dritter Bereich ist der Zeit der sowjetischen Besatzung nach dem zweiten Weltkrieg vorbehalten. Im Mittelpunkt der Gedenkstätte wird die Zeit des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs zwischen 1963 und 1989 stehen. In den einzelnen Zellen sollen per Video die Geschichten einzelner Häftlinge erzählt werden, ergänzt durch Exponate und Erinnerungsstücke.

Blick in eine Gefängniszelle mit zwei Holzpritschen, Waschbecken, Toilette, Spiegel und kleinem Fenster.
Die Zellen des Gefängnisses sollen originalgetreu erhalten werden. Bildrechte: haertelpress/Harry Härtel

Geschichten von versuchter Republikflucht und Verrat

Auch Michael Schlosser, der wegen  wegen "Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall" zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wird in der Ausstellung vorkommen. Sein Vergehen: Er baute im Hühnerstall ein Flugzeug für seine Flucht, wurde aber von Kollegen verraten. Schlosser hatte Glück. Schon ein halbes Jahr nach Beginn seiner Haft, zuerst in Bautzen, dann in Chemnitz, wurde er Ende 1984 freigekauft. Das Kaßberg-Gefängnis hat er nach der Wiedervereinigung mit gemischten Gefühlen aufgesucht. "Ich hatte einige Probleme damit. Die Haft hat Spuren hinterlassen, die man nicht so schnell ablegt." Nun sei er schon mehrfach wieder im Kaßberg-Gefängnis gewesen. "Ich habe mich daran gewöhnt, frei zu sein, dass ich wieder hinaus kann, wann ich will." Es sei schon jetzt ein Ort, an dem man die Geschichte aufarbeiten könne.

Ein Mann mit weißen Haaren hält zwei Fotos seines selbst gebauten Flugzeuges in die Kamera
Auch die Geschichte von Michael Schlosser, der mit einem selbst gebauten Flugzeug in den Westen starten wollte, wird im Kaßberg-Gefängnis dokumentiert werden. Bildrechte: haertelpress/Harry Härtel

OB Schulze: Man braucht authentische Orte für die Erinnerung

Der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze wies schon zu Beginn der Bauarbeiten auf die Bedeutung der Gedenkstätte für künftige Generationen hin. "Es ist wichtig für diejenigen, die das nicht selbst erlebt haben, authentische Orte zu haben." Dort könne man Geschichte fühlen und erleben. "Daher wird es ein Gedenkort auf der einen Seite, aber auch ein Lernort dafür, wie wichtig Demokratie ist." Chemnitz habe sich seine Geschichte nicht ausgesucht. "Aber wir haben eine Verantwortung, diese Erinnerung wachzuhalten", sagte Schulze. "Deshalb bringen wir uns als Stadt mit ein. Chemnitz hat ja viele Gesichter. Und es ist wichtig, diese Geschichte mit einem Blick nach vorn zu verbinden."

Ein Mann mit Halbglatze, Brille  und schwarzen Mantel
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis soll Ende 2022 eröffnet werden.

Quelle: MDR/tfr/mur

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 25. November 2021 | 19:00 Uhr

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