Bahnverkehr Bahnkunden-Verbände sehen landesfinanzierten IC-Zug nach Chemnitz kritisch

Jüngere Chemnitzer kennen Intercity-Züge auf ihrem Bahnhof nur noch vom Hörensagen. Der letzte IC hielt 2006 in der Stadt. Schon nächstes Jahr könnte sich das ändern - mit einer Intercity-Verbindung "light".

Neuer Intercity für die Strecke Dresden - Rostock
Sollte die Deutsche Bahn den Zuschlag erhalten, könnte die Intercity-Verbindung Dresden - Rostock zweimal am Tag bis Chemnitz verlängert werden. Bildrechte: Deutsche Bahn AG

Der Deutsche Bahnkunden-Verband sieht die mögliche Wiederanbindung von Chemnitz an das Fernbahnnetz zwiespältig. Zwar begrüße man grundsätzlich das Angebot mit Blick auf die Reisenden, gleichzeitig könnte es jedoch eine bedenkliche Entwicklung einleiten. Wie der Verband mitteilte, kauft der Freistaat Sachsen im konkreten Fall einen Fernverkehr vom Bund ein, den dieser eigentlich gesetzlich stellen müsse. Man sehe die Gefahr, dass der Bund so auf Kosten der Länder spart.

EU-weite Ausschreibung

Chemnitz könnte ab Juni 2022 einen Intercity-Anschluss erhalten. Wie der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) unlängst mitgeteilt hat, ist die entsprechende Finanzierungsvereinbarung zwischen dem Zweckverband VMS und dem sächsischen Wirtschaftsministerium durch Minister Martin Dulig unterzeichnet worden. Der Pressesprecher des VMS, Falk Ester: "Ich bin sehr froh, dass wir jetzt Planungssicherheit haben und das Projekt umsetzen können." Eine EU-weite Ausschreibung sei fertig.

Ausschreibung der Leistungen beginnt

Die Vereinbarung zwischen Zweckverband und Ministerium regelt die Anforderungen an die Verbindung. In seiner Bekanntmachung legt der VMS unter anderem folgende Kriterien fest, die Verkehrsunternehmen bei ihrer Bewerbung beachten müssen:

- Laufzeit von Juni 2022 bis 2028
- Berlin und der Internationale Flughafen BER müssen ohne Umsteigen erreichbar sein
- mindestens zwei tägliche Verbindungen in beide Richtungen
- Anerkennung von Nahverkehrstarifen für Verbindungen innerhalb Sachsens

Blick auf den Haupteingang eines Bahnhofsgebäudes
Nach 16 Jahren könnte Chemnitz wieder einen Fernzug-Anschluss nach Berlin bekommen. Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer

Das Vergabeverfahren soll offen gestaltet werden, sodass sich verschiedene Bahnunternehmen beteiligen können. Sollte die Bahn AG das Rennen machen, könnte die IC-Verbindung Rostock - Dresden nach Chemnitz verlängert werden. Andere Unternehmen müssten eine komplette Verbindung von Chemnitz in die Bundeshauptstadt anbieten.

Pro Bahn sieht Vereinbarung kritisch

Markus Haubold, der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Mittelsachsen des Fahrgastverbandes Pro Bahn, kritisierte die Entscheidung in einem Gespräch mit MDR SACHSEN. "Es kann nur ein kleiner Anfang sein." Eine wirkliche Verbesserung für die Fahrgäste sehe er nicht.

Außerdem seien die Anforderungen an den zukünftigen Betreiber der Verbindung genau auf die bundeseigene Bahn AG zugeschnitten. "Nur die Bahn AG besitzt entsprechende Fahrzeuge und muss die Zugverbindung von Berlin nach Dresden nur zwei Mal am Tag verlängern."

Man will weiße ICE-Wagen in Chemnitz sehen.

Markus Haubold Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Mittelsachsen des Fahrgastverbandes Pro Bahn

Um eine wirkliche Verbesserung für die Fahrgäste zu erreichen, müssten die Züge im Zwei-Stunden-Takt verkehren und eine kürzere Reisezeit ermöglichen, sagte Haubold.

Momentan erreichen Reisende die Hauptstadt mit der Bahn über Leipzig in knapp drei Stunden. Über Dresden dauert die Reise etwa 20 Minuten länger. Bei beiden Verbindungen muss man allerdings umsteigen.

Beispiele für Zugfahrzeiten Chemnitz - Berlin
Route Fahrzeit Anmerkung
Chemnitz - Leipzig - Berlin Hbf/Lehrter Bf. knapp drei Stunden / einmal Umsteigen je nach Verbindung Anschlussaufenthalt in Leipzig zum Umsteigen
Chemnitz – Elsterwerda – Berlin Hbf/Lehrter Bf. 3:24 Stunden / einmal Umsteigen kürzeste Wegstrecke über Riesa - Elsterwerda; Reise mit Regionalbahn (MRB) und Regionalexpress (DB), Umsteigezeit 20 Minuten in Elsterwerda
Chemnitz - Dresden - Berlin Hbf/Lehrter Bf. 3:29 Stunden / einmal Umsteigen Fahrzeiten entsprechen einer möglichen künftigen IC-Verbindung / derzeit Aufenthalt in Dresden 13 Minuten
Jahr 2005: Chemnitz - Berlin-Zoo 3:00 Stunden / Interregio ohne Umstieg Route über Riesa - Elsterwerda (2006 eingestellt)
Jahr 1985: Karl-Marx-Stadt - Berlin-Schöneweide 3:45 Stunden / D-Zug ohne Umstieg Route über Riesa - Elsterwerda (Schnellzug der Deutschen Reichsbahn)

Ende Mai 2006 fuhr zum letzten Mail ein Interregio-Zug zwischen Chemnitz und Berlin. Ende des selben Jahres verließ auch mit einem Intercity der Linie Dresden - Nürnberg der letzte Fernzug überhaupt den Hauptbahnhof von Sachsens drittgrößter Stadt.

Quelle: MDR/tfr/lam

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 19. April 2021 | 05:30 Uhr

13 Kommentare

Ritter Runkel vor 2 Wochen

Wie ich finde, sollte sich Pro Bahn lieber gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn und für eine Staatsbahn aussprechen, denn mit einer Staatsbahn hätten wir die ganzen Probleme mit der Eisenbahn in Sachsen nicht!

AufmerksamerBeobachter vor 2 Wochen

Als ich anfang 2006 meine BahnCard verlaengern wollte, bin ich vorher in den DB-Service und habe gefragt, ob der IR nach Berlin wirklich weiterfaehrt. Die Frau hat in dem geplanten Sommerfahrplan nachgeschaut und mir den Monitor zugedreht: Neue Route ueber Riesa-Jüterbog-Bln-Suedkreuz 2:38 (Die Dresdner Bahn wurde wegen Bauarbeiten umfahren) ab Fahrplan Winter 2006 2:28 ueber Elsterwerda-Schoenefeld. Schade, dass ich mir das damals nicht ausdrucken lies....

Man darf gespannt sein, wie das realisiert wird. Man muss wissen, das der IC Bln-DD-Neustad-DD-HBf faehrt. Die nach C-HBf verlaengerten IC muessten nach DD-Neustadt nach rechts ueber DD-Plauen nach C fahren und koennten nicht in DD-HBf halten, wenn es schnell gehen soll. Ich sage voraus, das die schlechteste Loesung kommt und der IC in DD-HBf die Richtung wechselt und eine Gesamtfahrzeit von 3:20 herauskommt. Ich hoffe ein Bahnprofi, der das Vorfeld des Dredner HBf kennt, sagt das das nicht moeglich ist?

GEWY vor 2 Wochen

Ja stimmt alles @Klemmi, alles hat ein Für und Wider, aber so große Umstürze (Taktlücken) braucht es nicht geben. Jetzige Fahrzeiten ergeben eben eine kostengünstigere (für den Nutzer) RE Verbindung C-Riesa- Elsterwerda-B mit allen Halten von 208 Minuten. IC Verbindung C-DD-Elsterwerda-B mit sehr wenigen Halten von 195 Minuten. Ich denke die 13 Minuten sind nicht der Rede wert wenn man mehr Fahrgäste erreicht. Und zwischen Hof und C ändert sich ja nichts, nur dass eben ein RE3 (dann vielleicht RE5) ab Chemnitz alle 2 Std. nicht nach DD fährt (da gibt es als Ausweich immer noch den RB30) sondern Richtung Riesa - Elsterwerda "abbiegt". Danke für den Dialog. Interessant die ganze Geschichte.

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