Eisenbahnanbindung Kommt jetzt endlich der Fernverkehr von Chemnitz nach Berlin? - Ausschreibung geplant

Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) bereitet eine europaweite Ausschreibung für eine "fernverkehrstaugliche" und umsteigefreie Direktverbindung zwischen Chemnitz und Berlin vor. Ab 2022 soll der Intercity der Linie Rostock-Dresden dafür früh und abends verlängert werden.

Doppelstock-Zug im Design der DB AG
IC-Züge der Linie Warnemünde - Rostock - Dresden sollen ab Sommer 2022 bis Chemnitz verlängert werden. Bildrechte: DB/Priegnitz, Bearbeitung: N+P Industrial Design

Ab 2022 soll wieder ein Intercity bis Chemnitz fahren. Der Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS) bereitet derzeit eine europaweite Ausschreibung für eine "fernverkehrstaugliche" und umsteigefreie Direktverbindung zwischen Chemnitz und Berlin vor, sagte ein Verbundsprecher MDR SACHSEN. Nach einem Bericht der "Freien Presse" sollen morgens zwei Züge von Chemnitz über Freiberg und Dresden Richtung Berlin und Rostock starten, abends fahren die Züge zurück. Geplant sei eine Verlängerung der bisherigen IC-Linie Dresden - Rostock in Tagesrandlagen, hieß es. Auf dieser Linie fahren seit 2020 Doppelstock-Triebwagen, die die Deutsche Bahn von der österreichischen Westbahn übernommen hatte.

Wir sind uns mit dem Zweckverband grundsätzlich einig, dass wir das wollen.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Martin Dulig
Wirtschaftsminister Martin Dulig will Geld besorgen, um die Fernverkehrszüge nach Chemnitz zu bezahlen. Bildrechte: dpa

"Es ist schon lange unser Ziel, dass Chemnitz endlich an den Fernverkehr angebunden wird. Dafür wollen die Strecke Chemnitz-Leipzig elektrifizieren", erklärte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig MDR SACHSEN. Er sei vom Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze und dem SPD-Abgeordneten Detlef Müller jedoch überzeugt worden, für den Übergang die Zusammenarbeit mit dem Zweckverband zu prüfen und den Fernverkehr von Dresden bis Chemnitz zu verlängern. Dulig zufolge will der Freistaat das erforderliche Geld für die Zugverbindung bereitstellen. Entsprechende Haushaltsmittel müssten jetzt organisiert werden. Wenn alles gut läuft, könne der erste Fernverkehrszug 2022 in Chemnitz einfahren.

Fahrtroute über Elsterwerda oder Falkenberg

Zur Fahrtroute in der Ausschreibung - möglich wäre über Elsterwerda/Dresden, Elsterwerda/Riesa oder Falkenberg/Riesa - machte der VMS-Sprecher auf Nachfrage keine Angaben. Jährlich 2,5 Millionen Euro seien vom Land Sachsen zugesagt. Der VMS setze dafür keine Mittel ein, so dass alle Gelder für den Nah- und Regionalverkehr im VMS-Gebiet unangetastet bleiben. Zuständig ist der VMS als Zweckverband per Gesetz nur für den Verkehr in seinem Gebiet, also bis Niederbobritzsch hinter Freiberg oder Ostrau vor Riesa.

Chemnitzer Oberbürgermeister sieht diese Verbindung nur als ersten Schritt

"Für mich ist es ein unhaltbarer Zustand, so lange auf den Fernbahnanschluss zu warten. Deswegen habe ich mit Verkehrsminister Martin Dulig abgestimmt und nach anderen Optionen gesucht", erklärte der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze. "Nun scheint eine Möglichkeit gefunden, einen Fernbahnanschluss über Dresden und Berlin zu realisieren. Ich bin dankbar, dass der Zweckverband und das Verkehrsministerium da an unserer Seite stehen. Ich bin guter Dinge, dass wir zeitnah den Fernbahnanschluss für Chemnitz erhalten." Allerdings werde sich die Strecke nicht von selbst finanzieren. Deswegen sei es ein starkes Zeichen, dass Sachsen zur Finanzierung bereit sei.

Sven Schulze
Sven Schulze ist der neue Oberbürgermeister von Chemnitz, er hat bei Wirtschaftsminister Dulig Druck gemacht und Unterstützung für die Fernzüge gefordert. Bildrechte: Thomas Friedrich

Schulze erklärte: "Die Fernbahnanbindung ist ein seit Jahren leidiges Thema für Chemnitz. Wir haben die Zusage für eine Strecke nach Leipzig. Die Bauarbeiten werden allerdings noch mehr als fünf Jahre dauern." Deswegen sei die nahende Lösung mit schnellen Zügen über Dresden ein erster Lichtblick und guter Übergang. Schulze möchte in Zukunft auch Thüringen und Bayern besser anbinden. Weil dafür jedoch erst Strecken gebaut werden müssten, sei dies nicht schnell realisierbar. "Dennoch werde ich mich weiterhin dafür einsetzen.“

Kein Fahrplan für Tagesgäste zur Kulturhauptstadt

Den Angaben zufolge soll der Zug im Abschnitt Dresden - Freiberg - Chemnitz auch mit Nahverkehrstickets nutzbar sein. Der Freiberger Oberbürgermeister Sven Krüger erklärte: "Als Universitätsstadt sind wir darauf angewiesen, dass wir gut über den öffentlichen Schienenverkehr angebunden sind. Bislang war es nur die Strecke Dresden-Nürnberg, jetzt kommt die Strecke nach Berlin ohne Umsteigen dazu. Das passt sehr gut, auch zu dem von uns erworbenen Bahnhof, den wir jetzt renovieren."

Sven Krüger
Der Freiberger Oberbürgermeister Sven Krüger begrüßt die geplante neue Zugverbindung, von der auch seine Stadt profitieren könnte. Bildrechte: imago/Uwe Meinhold

Allerdings fährt auch der Zug von Dresden über Freiberg nicht mehr ohne Umsteigen bis Nürnberg durch, es gibt also keine Direktverbindung Dresden-Nürnberg. Die Regionalzüge aus Dresden enden seit 2013 in Hof - seit Elektrifzierung des Abschnitts Reichenbach - Hof. Dort besteht unter anderem Anschluss in Richtung Nürnberg und München über Regensburg.

Bahn lehnt eigenen Betrieb aus Kostengründen ab

Einen eigenwirtschaftlichen Betrieb, wie für Fernverkehr üblich, lehnt die Deutsche Bahn bislang aus Kostengründen ab. Eine endgültige Entscheidung über IC-Züge bis Chemnitz sollen im Frühjahr fallen. Mit Blick auf die Kulturhauptstadt 2025 sind die aktuellen Fahrpläne nur bedingt geeignet, da sie auf Pendler morgens aus Chemnitz weg ausgerichtet sind und nicht etwa für Tagesgäste aus Berlin.

Thüringen fährt ähnliches Modell

In Thüringen gibt es ein ähnliches Modell. Dort werden Intercity-Züge aus Köln nach Gera ebenfalls vom Land bezahlt und sind in Thüringen mit Nahverkehrstickets nutzbar und in den Takt der Regionalexpresse integriert. Auf dieser sogenannten Mitte-Deutschland-Linie verkehrten früher ebenfalls Fernzüge aus dem Ruhrgebiet über Gößnitz und Glauchau bis Chemnitz. Derzeit laufen Planungen für die Elektrifizierung zwischen Weimar und Gößnitz.

Letzter IC-Zug fuhr 2006 in Chemnitz ab

Ein Warnschild Überschreiten der Gleise verboten
Letztmalig kam die Deutsche Bahn 2006 mit Fernzügen bis Chemnitz. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Future Image

Chemnitz ist seit Ende 2006 ohne Fernverkehr. Seither fordern Politik und Wirtschaft eine Wiederanbindung der Stadt ans Fernbahnnetz. Damals wurden die letzen Intercitys zwischen Dresden und Nürnberg auf Regionalexpress-Züge umgestellt. In den 1990er-Jahren war Chemnitz über die Interregio-Linien Görlitz - Oberstdorf/Karlsruhe, Chemnitz - Aachen und Chemnitz - Berlin - Rostock an das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn angeschlossen. Zwischen 2001 und 2003 fuhren sogar Diesel-ICE zwischen Nürnberg und Dresden. Experimente der Vogtlandbahn, einen Vogtland-Express zwischen Plauen und Berlin über Chemnitz zu fahren, wurden 2015 endgültig beendet. Seither müssen Reisende zwischen Chemnitz und Berlin in Leipzig, Elsterwerda oder Dresden umsteigen.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.02.2021 | 08:00 Uhr in den Nachrichten

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