Austausch Geschichtensammlerin plant ein Geschenk: Chemnitz, mon Amour?

Ein Literaturstipendium hat die freischaffende Autorin, Übersetzerin und Regisseurin Arna Aley für ein halbes Jahr nach Chemnitz geführt. Doch die gebürtige Litauerin will gar nicht über die Stadt schreiben. Das sollen die Bewohner tun.

Arna Aley, die das erste Chemnitzer Literaturstipendium erhalten hat, sitzt vor einem Bücherregal.
Die erste Chemnitzer Literaturstipendiatin Arna Aley will Geschichten von Chemnitzerinnen und Chemnitzern in einem Projekt mit dem Titel "Lauschangriffe. Mobile Soundstorys" verarbeiten. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Arna Aley sucht Geschichten. Geschichten von Chemnitzern, die sie mit ihrer Stadt verbinden. Davon gibt es tausende, doch sie müssen gefunden werden. Aley ist die erste Literaturstipendiatin, die auf Einladung der Stadt ihre Koffer für ein halbes Jahr in Chemnitz ausgepackt hat. Die gebürtige Litauerin lebt sonst als freischaffende Autorin, Übersetzerin und Regisseurin in Berlin. In dieser Woche war sie zum ersten Mal im Stefan-Heym-Forum im Veranstaltungszentrum "Tietz", um mit Chemnitzerinnen und Chemnitzern zu redern. "Dieses Angebot mache ich regelmäßig", sagt Aley.

Ein Aufnahmegerät liegt angeschaltet auf einem Tisch.
Diese Mikrofon ist fürs Erste eines der wichtigsten Arbeitsmittel der Autorin. Die Geschichten der Chemnitzerinnen und Chemnitzer sollen bis zum Ende des Jahres "im Kasten" sein. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Weg vom Schreibtisch - hinein in die Stadt

Sie wolle nicht einfach hinter ihrem Schreibtisch sitzen und schreiben. "Ich komme im Moment noch gar nicht zum Schreiben", gesteht sie. "Die Stadt ist sehr aktiv. Am Anfang meines Aufenthalts möchte ich gern Teil dieser sehr aktiven Stadtgesellschaft sein." Sie besuche täglich mehrere Veranstaltungen und Vereine. "Nach jedem Besuch ergibt sich ein weiteres Projekt und eine weitere Zusammenarbeit, auf die ich mich sehr freue."

Wer ist Arna Aley? Arna Aley stammt aus Litauen und lebt in Berlin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der Universität der Künste in Berlin und Violoncello an der Akademie für Musik und Theater in Vilnius/Litauen. Sie arbeitete als Regieassistentin am Berliner Ensemble, u. a. bei George Tabori und Claus Peymann. Für ihr Stück "Toteau und der Autodieb" wurde sie 2005 mit dem Jurypreis bei "Drama Köln" sowie 2006 mit dem ersten Preis bei "Stückwerk II" in Leipzig ausgezeichnet.2009 wechselte sie zum Film und leitete u.a. die Regieabteilung beim internationalen Multimediaprojekt "DAU". Seit 2016 ist sie als freie Mitarbeiterin bei der Deutschen Orchestervereinigung e.V. und beim Netzwerk Junge Ohren tätig.

2022 erhielt sie das erste Literaturstipendium der Stadt Chemnitz, das mit einem sechsmonatigen Aufenthalt in der Stadt verbunden ist.
Quelle: Verlag Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG

Von der Liebe zur Stadt erzählen lassen

Eines der Projekte heißt "Chemnitz, Mon Amour? Was ich immer schon erzählen wollte". Arna Aley möchte den Chemnitzerinnen und Chemnitzern ihre persönlichen Geschichten entlocken. Dazu sammelt sie reale oder erfundene Storys, die einen Bezug zu einem Objekt haben, sei es ein Gegenstand, ein Gebäude oder ein Ort in Chemnitz.

Tante Lise und die Dampfmaschine im Industriemuseum

Gleich die erste Besucherin, die Arna Aley vor ihr Mikrofon bekommt, ist ein "Volltreffer". Petra Hofmann, Lehrerin im Ruhestand, will sich eigentlich nur im Stefan-Heym-Forum umsehen. Doch dann erzählt sie die Geschichte von ihrer Tante Lise, die in der Kistenfabrik in Börnichen arbeitete und von den Kindern geliebt wurde, weil sie so plastisch erzählen konnte.

Petra Hofmann steht vor einem Bücherregal.
Petra Hofmann ist die erste, die ihre Chemnitzer Geschichte für das Projekt "Lauschangriffe. Mobile Soundstorys" ins Mikrofon spricht. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

"Auch für unsere Familie spielt das Erzählen eine große Rolle", sagt Hofmann. "Ich wollte eigentlich selbst die Geschichten aufschreiben, aber ich bin eher eine Erzählerin." Wenn die Geschichte von Tante Lisa jetzt von jemand anderem aufgegriffen werde, sei das sehr schön.

Nur so viel sei schon verraten: Die Dampfmaschine im Industriemuseum spielt darin ebenfalls eine Rolle und besagte Tante Lise, der damit ein Denkmal gesetzt worden ist, obwohl kein Schild darauf hinweist.

Eine stationäre Dampfmaschine in einer mit historischen Wandbildern ausgestatteten Industriehalle
Die Dampfmaschine im Chemnitzer Industriemuseum wird in einer der gesammelten Geschichten eine entscheidende Rolle spielen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Das ist als Ergebnis geplant

Wenn Stadtschreiberin genug der Chemnitzer Geschichten gesammelt hat, sollen sie unter dem Titel "Lauschangriffe. Mobile Soundstorys" veröffentlicht werden. Geschichten, die sonst im Verborgenen bleiben würden, sagt Aley. "Ich hoffe, dass ich damit ein Bild der Stadt entwerfen kann." Es solle das Bild von einer Außenstehenden werden, das in Zusammenarbeit mit den Einheimischen entstanden ist. "Das würde ich den Chemnitzerinnen und Chemnitzern gern schenken."

Noch bis zum 28. Dezember 2022 wird Arna Aley immer mittwochs in der Zeit von 13 bis 17 Uhr im Stefan-Heym-Forum im Kulturkaufhaus "Tietz" mit den Chemnitzer Erzählerinnen und Erzählern zuhören.

MDR (tfr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 29. November 2022 | 14:30 Uhr

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