Fehlende Nahversorgung Keine Einkausmöglichkeit auf dem Chemnitzer Kapellenberg

Fehlende Einkaufsmöglichkeiten scheinen auf den ersten Blick vor allem ein Problem im ländlichen Raum zu sein. Doch auch in einer Großstadt wie Chemnitz kommt es zu Versorgungslücken. Das betrifft nicht nur die eingemeindeten Stadtgebiete. Direkt neben dem Zentrum im Stadtteil Kapellenberg leben die Menschen seit Jahren ohne eigenen Supermarkt.

Ein älterer Mann
Jürgen Ulrich von der Bürgerintiative Kapellenberg bemüht sich seit acht Jahren um eine bessere Lebensmittelversorgung in seinem Stadtteil. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Jürgen Ulrich von der Bürgerinitiative Kapellenberg wartet vor einem neuen Wohnhaus mit einem angeschlossenen Bäcker. "Für den Bäcker haben wir uns damals sehr eingesetzt", erzählt er. 2014 stand an diesem Punkt noch ein Supermarkt. Als der geschlossen wurde, fiel für viele Einwohnerinnen und Einwohner des Stadtteils die einzige Einkaufsmöglichkeit weg, die sie zu Fuß erreichen konnten.

Die Bürgerinitiative engagierte sich gemeinsam mit der Stadt Chemnitz dafür, dass der Wohnhausinvestor einen Anbau für den Bäcker möglich machte. So können auf dem Kapellenberg wenigstens noch Brötchen gekauft werden, wenn auch nicht die dazu passende Marmelade. Der Investor wäre sogar bereit gewesen, auch einen größeren Anbau mit einem Lebensmittelsortiment zu ermöglichen, sagt Ulrich. "Aber da gab es Klauseln im Kaufvertrag, die das verhindert haben."

Große Bauflächen fehlen

Einen Grund für die fehlende Ansiedlung von Supermärkten sieht Ulrich in dem begrenzten Flächenangebot auf dem Kapellenberg. "Hier können nur Märkte bis zu 600 Quadratmetern gebaut werden", sagt er. "Die meisten Unternehmen fangen aber erst bei 800 Quadratmetern an."

Pkws auf einem Parkplatz
Statt eines Parkplatzes wünscht sich die Bürgerinitiative Kapellenberg hier eine Einkaufsmöglichkeit. Ein möglicher Investor sprang aber 2019 ab. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Gleich gegenüber des Gebäudes mit Bäcker befinden sich ein kleiner Parkplatz und eine Schule. Auf dem Parkplatz hätte die Bürgerinitiative am liebsten einen neuen Supermarkt gesehen. Und eine Zeit lang schien das sogar möglich: Konsum Leipzig zeigte 2018 Interesse am Standort. Allerdings kam der Bau nicht zustande. "Konsum Leipzig hat den Standort geprüft und ist Anfang 2019 zum Ergebnis gekommen, von einem entsprechenden Projekt Abstand zu nehmen", teilt die Stadt Chemnitz auf Anfrage mit. Die Absage sei mit wirtschaftlichen Aspekten begründet worden.

Wie ist die Versorgungssituation in Chemnitz? - Um Lücken in der Nahversorgung zu identifizieren, gibt es in Chemnitz das Einzelhandels- und Zentrenkonzept von 2016.
- Das Konzept soll alle fünf Jahre aktualisiert werden. Die nächste Aktualisierung soll laut Angaben der Stadt Chemnitz im Sommer 2022 vorliegen.
- Versorgungslücken in Chemnitz liegen vor allem in den eingemeindeten Stadtteilen, wie Klaffenbach und Euba.
- In den Gebieten mit einer Einwohnerdichte von 400 Einwohner und mehr pro
Quadratkilometer müssen bei einer geplanten Marktneuansiedlung mindestens 4.000 Einwohner im fußläufigen 700-Meter-Bereich wohnhaft sein bei gleichzeitig
einzuhaltenden Mindestabständen zum nächsten Lebensmittelmarkt.
- Neuansiedlungen nach diesen Kriterien sind im zentralen Bereich des Kapellenbergs, dem Bereich Reichenbrand/Mittelbach und im Norden von Siegmar möglich.
- Von November 2020 bis Januar 2021 führte die Stadt Chemnitz eine Umfrage durch, um Probleme bei der Nahversorgung zu ermitteln. Die Ergebnisse sollen ebenfalls in das Einzelhandels- und Zentrenkonzept einfließen. In den Stadtteilen Reichenhain (85 Prozent), Kapellenberg (78,4 Prozent) und Reichenbrand (66,7 Prozent) ist der Wunsch nach zusätzlichen Lebensmittelangeboten besonders hoch.
Quelle: Stadt Chemnitz

Das kann Jürgen Ulrich nicht ganz nachvollziehen. Zusammen mit seiner Bürgerinitiative war er im Umkreis des Geländes unterwegs und zählte, wie viele Wohnungen belegt waren. Das Ergebnis: 1.930 Wohnungen waren Anfang 2020 bewohnt, was bei einem durchschnittlichen Zwei-Personen-Haushalt knapp 4000 möglichen Kunden entspricht. Dazu kämen die Schule, eine Pflegeeinrichtung, eine Aus- und Weiterbildungseinrichtung und zwei Kitas im unmittelbaren Umfeld. Seiner Meinung nach ein attraktiver Standort für ein Geschäft.

Gute Infrastruktur auf dem Kapellenberg

Beim Spaziergang über den Kapellenberg fällt auf, dass der Stadtteil ansonsten sehr gut versorgt ist. Es gibt Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen. Außerdem ist eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mit Bus und Straßenbahn gegeben. "Auch Ärzte gibt es genug", sagt Ulrich. "Es fehlt in unserem Stadtteil nur an einer Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen."

Aus diesem Grund kaufen die Einwohnerinnen und Einwohner seit Jahren in den Nachbarstadtteilen Zentrum und Kappel ein. Doch gerade für die älteren Bürgerinnen und Bürger ist das schwierig. Und auch die jungen Menschen des Stadtteils würden sich eine Einkaufsmöglichkeit wünschen, die zu Fuß erreichbar ist, sagt Ulrich.

Bauzaun vor einem Haus
An diesem Standort in der Neefestraße soll voraussichtlich bald ein Lebensmittelmarkt gebaut werden. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Stadt hofft auf Verbesserung der Nahversorgung

Die Stadt Chemnitz macht nun neue Hoffnung auf eine Lösung des Problems: "Im Stadtteil Kapellenberg könnte sich in Zukunft die Nahversorgung der Bevölkerung durch die Ansiedlung eines Lebensmittelmarktes am Standort Neefestraße 52 verbessern", teilte die Stadtverwaltung auf Anfrage von MDR SACHSEN mit. "Voraussetzung ist, dass aufbauend auf einem bereits erteilten positiven Bauvorbescheid in Kürze ein Bauantrag eingehen wird."

"Wir sind sehr skeptisch", sagt Ulrich über den geplanten Standort. Dort seien bereits mehrere Märkte gescheitert. Wenn man sich den Standort anschaut, bekommt man einen Eindruck, woran das möglicherweise liegen könnte. Die Fläche liegt an einer kleinen Seitenstraße am Rand des Wohngebiets. Man kann eine große Hauptverkehrsstraße sehen, die aber laut Ulrich nicht angeschlossen werden kann. An dieser Straße befindet sich bereits ein Supermarkt, der den autoorientierten Einkauf abfängt. Auch eine Anlieferung der Waren durch die kleinere Straße scheint nicht optimal zu sein.

Kapellenberg ist auch topographisch ein Berg. Wenn hier ein Laden entsteht, geht man mit leerem Beutel den Berg runter und mit vollem Beutel den Berg wieder rauf.

Jürgen Ulrich Bürgerinitiative Kapellenberg

Die Bürgerinitiave würde den Standort Neefestraße/Ecke Goethestraße bevorzugen, wenn es nicht möglich sei, mitten auf dem Kapellenberg einen Markt zu errichten. Dieser Standort liegt in der gleichen Straße, wie die geplante Fläche, aber direkt an der Einfahrt und ist daher besser zu erreichen. Bei beiden Standorten bleibt aber das gleiche Problem: "Kapellenberg ist auch topographisch ein Berg", sagt Ulrich. "Wenn hier ein Laden entsteht, geht man mit leerem Beutel den Berg runter und mit vollem Beutel den Berg wieder rauf."

Bäume am Straßenrand
Diese Fläche in der Neefestraße / Ecke Goethestraße wurde von der Stadt Chemnitz ebenfalls als Bebauungsgebiet für einen Lebensmittelhandel ausgeschrieben. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Sollte der Markt in der Neefestraße gebaut werden, wäre laut der Stadt Chemnitz trotzdem noch ein weiterer Supermarkt im Stadtteil möglich. Das hänge aber von der Verkaufsfläche ab. "Zum Beispiel wäre die Realisierung eines Nachbarschaftsladens mit bis zu 400 Quadratmeter Verkaufsfläche möglich", so die Stadtverwaltung. "Lebensmittelmärkte, die großflächig sind (größer als  800 Quadratmeter Verkaufsfläche), sind aller Voraussicht nach nicht möglich." Am Ende hängt es laut Stadt und Jürgen Ulrich aber immer an einem Investor.

MDR (al)

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