Energiewende Sachsen will im Zukunftsmarkt Wasserstoff an die Spitze

Sachsen setzt auf den Zukunftsmarkt Wasserstoff mit viel Geld und Strategie. Doch gelingt es dem Bundesland, sich an die bundesdeutsche und europäische Spitze zu setzen? Der Chemnitzer Wasserstoff-Forscher Thomas von Unwerth plädiert dafür, aufs Gas zu drücken und teure Anschubfinanzierungen zu fördern.

Ein Wasserstofftankfahrzeug verlässt einen Energiepark mit Wasserstoff
Kann Wasserstoff den Ausfall von Atom- und Kohleenergie kompensieren? Auf jeden Fall ist Wasserstoff in der Natur in Massen vorhanden - wenn auch nur gebunden. Bildrechte: dpa

Forscher der TU Chemnitz sehen in Sachsen das Potenzial, bundesweit führend bei Wasserstofftechnologien zu werden. "Sachsen kann sich an die Wasserstoff-Spitze setzen, diese Chance haben wir tatsächlich", erklärte Thomas von Unwerth, Professor für Alternative Fahrzeugantriebe an der TU Chemnitz im Gespräch mit MDR SACHSEN. "Doch wir sollten schnell sein und an Fahrt gewinnen, die anderen schlafen nicht."

Gute Ausgangsposition

Professor Unwerth; TU Chemnitz
Professor von Unwerth von der TU Chemnitz sieht im Wasserstoff eine "riesige Chance" - für die Umwelt und für Sachsen. Bildrechte: Jacob Müller, TU Chemnitz

Dem Chemnitzer TU-Forscher zufolge hat sich der Standort in den vergangenen Jahren gut entwickelt. Es sei in Förderprogramme investiert und große Netzwerke angestoßen worden. "Wir sind gut im Rennen, es ist die richtige Richtung", erklärte von Unwerth. "Doch wir müssen intensiv arbeiten und Gas geben."

Fachkräfte ausbilden und aufklären

Nötig seien Fachkräfte und Anschubfinanzierungen im großem Umfang, sagte von Unwerth, der unter anderem intensiv zur Brennstoffzelle forscht. "Neue Technologie ist nicht zum Nulltarif zu haben", erklärte er. "Die erforderlichen Maschinen können sie nicht von der Stange kaufen, wir brauchen eine Investitionsförderung." Wichtig sei es zudem, frühzeitig über das Potenzial von Wasserstoff aufzuklären und die Menschen für die Ressource zu sensibilisieren.

HIC Chemnitz
Von einem Nationalen Wasserstoffzentrum in Chemnitz könnte die gesamte Region profitieren. AM HIC solle die gesamte Wertschöpungskette um Wasserstoff entwickelt werden. Bildrechte: TU Chemnitz

Hoffen auf Nationales Technologiezentrum

Wasserstoffspezialist Thomas von Unwerth ist mit seinem Team, der TU Chemnitz sowie einem Bündnis aus Forschungseinrichtungen und Unternehmen mit der Bewerbung um ein Nationales Wasserstoffzentrum in die Finalrunde gelangt. Das Konzept des Chemnitzer Wasserstofftechnologie-Zentrums "HIC – Hydrogen and Mobility Innovation Center" sieht die Entwicklung einer gesamten Wertschöpfungskette der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie vor.

Forscher und Mittelständler sollen dort neue Produkte entwickeln und zertifizieren, um vom Zukunftsmarkt Wasserstoff zu profitieren. "Wasserstofftechnologien 'Made in Germany' sollen auf der ganzen Welt konkurrenzfähig sein – auch im Vergleich mit Japan, China oder den USA", sagte von Unwerth.

Konzept mit vielen Schwerpunkten

"Wir haben ein gutes Konzept und bilden viele der geforderten Schwerpunkte ab", erklärt von Unwerth MDR SACHSEN. Wie hoch die Chancen für Chemnitz stehen, will sich der Experte dennoch nicht festlegen. Bereits jetzt ist in Chemnitz ein Technologiecampus für Wasserstofftechnologien mit Fahrzeuglabor, Prüfständen für Brennstoffzellen sowie einem Zertifizierungs- und Fortbildungszentrum komplett erschlossen.

Derzeit arbeiten die Experten aus Chemnitz an einer Machbarkeitsstudie.  Am Konkurrenzstandort Pfeffenhausen in Bayern liegt der Schwerpunkt auf Flüssigwasserstoff, in Duisburg geht es um Innovationsentwicklung oder die Testung und Prüfung brennstoffzellenbasierter Antriebssysteme für den Straßen-, Schienen-, Wasser- und Flugverkehr. "Wir möchten die komplette Wertschöpfungskette abbilden, das ist vielleicht unser Vorteil", erklärt der Chemnitzer Forscher von Unwerth hoffnungsvoll. Die Entscheidung des Verkehrsministeriums soll im Spätsommer fallen.

Das HIC Hinter dem HIC stehen das Innovationscluster HZwo e.V., die TU Chemnitz und die TU Dresden, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie BMW Leipzig, der Automobilzulieferer Vitesco Technologies sowie viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), an denen insgesamt rund 10 000 Arbeitsplätze hängen.

Sachsen will führender Standort werden

Die Chemnitzer Forscher bewegen sich mit der Bewerbung um das Nationale Wasserstoffzentrum in einer groß angelegten sächsischen Strategie. Demnach soll Sachsen zu einem europaweit führenden Wasserstoff-Standort werden. Das vom sächsischen Innovationsbeirat vorgestellte Strategiepapier "Mission2038" will auch den Strukturwandel in der Lausitz nutzen, um in der Region neue Technologien zu entwickeln. "Die Lausitz hat für alle Technologien große Chancen. Die Basiskompetenzen sind ja alle vorhanden, die haben hier große Tradition", erklärte Professor Wolfgang A. Herrmann, Vorsitzender des Innovationsbeirates bei der Vorstellung des Papiers.

Ostsachsen bekommt Forschungszentrum

In Görlitz entsteht bereits ein Testzentrum für Wasserstofftechnologien. Rund 42 Millionen Euro investieren Bund, das Land Sachsen und die Fraunhofer-Gesellschaft in das Hydrogen Lab. Schon in diesem Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen, der Beginn des Forschungsbetriebs ist für Ende 2022 geplant.

Die Bundesregierung hat zudem fünf Wasserstoff-Großprojekte aus Sachsen ausgewählt, um sie für eine Förderung im Rahmen des EU-Wasserstoffprojekts IPCEU vorzuschlagen. Dazu gehören der Fernleitungsnetzbetreiber Ontras aus Leipzig, die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV), der EDL Anlagenbau Leipzig, das Unternehmen Sunfire aus Dresden sowie Vitesco Technologies aus Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz. Die Europäische Kommission entscheidet darüber im nächsten Jahr.

Doch auch in anderen Bundesländern schläft man nicht. Im Industriepark Leuna in Sachsen-Anhalt will der Konzern Linde den weltweit größten Elektrolyseur für grünen Wasserstoff bauen. Bis 2022 solle die Anlage mit 24 Megawatt Leitung auf dem Chemiekomplex in Betrieb genommen werden, teilte Linde Anfang des Jahres mit.

Quelle: MDR/kt

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