Interview Sonntagsruhe - Wie wichtig ist Planbarkeit in einer unruhigen Zeit?

Der arbeitsfreie Sonntag feiert in diesem Jahr sein 1.700-jähriges Jubiläum. Die christlichen Kirchen in Sachsen begehen den Tag mit einer ökumenischen Vesper. Zugleich erinnern sie an die Bedeutung des Sonntags für die "seelische Erhebung", die Feier des Gottesdienstes und die Möglichkeit der Ruhe und Erholung. MDR SACHSEN sprach mit dem Psychologen und Psychotherapeuten Stephan Mühlig von der TU Chemnitz über die Bedeutung des Tages.

Stephan Mühlig, TU Chemnitz
Bildrechte: TU Chemnitz

Herr Mühlig, wie wichtig ist die Sonntagsruhe für die Menschen in der heutigen Zeit?

Aus psychologischer Sicht dient sie der Erholung und der gemeinsamen Zeit mit seinen Angehörigen oder Freunden. Man könnte sich auch vorstellen, dass man irgendeinen Tag in der Woche freimacht und sich erholt. Der große Nachteil ist, dass nicht alle am selben Tag frei haben und dann bestimmte Dinge nicht stattfinden können.

Das müssen Sie sich mal vorstellen: Sechs Familienmitglieder und jeder hat an einem anderen Tag frei. Da kommen Sie nie zusammen. Insofern macht die Sonntagsruhe Sinn. Wir brauchen alle Erholung, mindestens einen Tag in der Woche, an dem man nicht arbeitet. Wenn man sich vorher darauf einstellen kann, ist das für die Psyche gesünder. Das gibt mehr Sicherheit, als wenn das dauernd zu unterschiedlichen Zeiten stattfindet. Der zweite Punkt ist, man kann es besser in seinen Alltag integrieren. Es wird also zu einer festen Routine. Und das dritte Argument ist, dass sich andere Personen darauf einstellen können, dass man sich an diesem Sonntag immer begegnen kann.

In Corona-Zeiten ist der Tagesrhythmus zum Teil ein völlig anderer geworden - mit Homeoffice und nebenher noch Kinderbetreuung. Ist damit so ein Tag noch wichtiger geworden?

Also ich würde sagen, es kommt drauf an. Bei denen, die jetzt mehr zu Hause sind, ist es weniger wichtig, weil sie sich an den übrigen Tagen häufiger sehen. Aber der feste Rhythmus fehlt. Das, was wir jetzt im Augenblick erleben, ist so eine Verwischung zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Und wenn man den Sonntag als reserviert betrachtet, dann könnte ich mir vorstellen, dass es für diese Leute einfacher ist, diese Trennung auch durchzuhalten, als wenn dieser Tag ständig wechseln würde. Wenn man das an verschiedenen Wochentagen machen würde, ist es nicht so einfach, das in eine feste Routine zu übertragen. Das kann ich aber nicht empirisch belegen.

Ist Sonntagsruhe für die Menschen auch so etwas wie Therapie?

Therapie würde ich es nicht nennen. Aber wir alle brauchen eben neben den Aktivitätsphasen regelmäßig die Ruhephasen. Unsere biologische Rhythmik erzwingt das sozusagen. Wir brauchen Aufbauphasen und dafür braucht es Ruhe. Wir brauchen Erholungsphasen im Schlaf. Wir brauchen Erholungsphasen im Sinne von Abwechslung, dass man zum Beispiel rausgeht und eine andere Umgebung aufsucht.

Es ist bei mir zum Beispiel ein fester Bestandteil von Therapien, dass ich mit allen meinen Patienten solche Wochenabläufe durchgehe und plane und auch am Lifestyle mitarbeite.

Sollten wir also an der Sonntagsruhe festhalten?

Ganz wichtig finde ich die Erwartungen, sich auf Dinge einstellen zu können. Wir haben sehr viele Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Planbarkeit ein wichtiger Faktor ist für innere Ruhe, für "Entstressen" und für Resilienz. Und deshalb, glaube ich, ist dieser planbare Sonntag nicht zu unterschätzen. Weil jede Unbestimmtheit und Unplanbarkeit zu Stress führt.

Quelle: MDR/kb

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