Textilforschung 30 Jahre Zentrum und Stoff für Forscherträume in Chemnitz

1990 brach in Ostdeutschland die Textilindustrie zusammen. Von 320.000 Beschäftigten verloren 90 Prozent ihren Job. Das 1992 gegründete Sächsische Textilforschungsinstitut STFI belebte die Branche wieder. Am Montag klirrten im Institut die Sektgläser.

Auf einem Eingangsschild ist "STFI - Sächsisches Textilforschungsinstitut" zu lesen.
Hinter diesem Schild beginnt die Textilherstellung 4.0 Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Das Sächsische Textilforschungsinstitut (STFI) wird 30 Jahre alt. Mit dem Institut, das 1992 gegründet wurde, hat heute buchstäblich jeder schon zu tun gehabt, sagt die Direktorin des Instituts, Heike Illing-Günther, MDR SACHSEN. "Die FFP2-Masken beruhen auf der Technologie der sogenannten Extrusions-Vliesstoffe".

Das Verfahren, bei dem Chemiefasern aus Düsen in unregelmäßiger Reihenfolge abgelegt und zum Vliesstoff verfestigt werden, gehe auf ein DDR-Patent des Vorgänger-Institutes des STFI zurück. Es gebe viele weitere Anwendungen, die im Institut entwickelt worden seien.

Vier Männer und eine Frau stehen in einer Werkhalle an Stehtischen bei einem Pressetermin.
Am Montag blickte Heike Illing-Günther (Mi.), die Direktorin des STFI auf die vergangenen 30 Jahre des Instituts zurück und gab einen Ausblick auf die Textilproduktion der Zukunft. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Textilfasern sind beinahe "Alleskönner"

"Es gibt zum Beispiel ein Textilgitter, das unter dem Putz von Häusern angebracht wird und Erdbebenkräfte bis zu mittlerer Stärke aufnehmen kann." Das Putzgitter könne den Zusammensturz von Back- oder Sandsteinwänden verhindern und so Menschenleben retten, sagt Illing-Günther.

Die Liste der Entwicklungen, die im STFI ausgetüftelt wurden, ist ungleich länger: Es gibt zum Beispiel Verfahren für das Recyceln von Carbonfasern, für die Beschichtung von Geweben für den Schnitt- und Stichschutz oder faserbasierte Leichtbaumaterialien für den Fahrzeugbau.

Sächsisches Textilforschungsistitut (STFI) - Das Sächsische Textilforschungsinstitut STFI wurde am 17. Februar 1992 von 27 sächsischen Textilunternehmen und Einrichtungen gegründet.

- Schwerpunkt ist seitdem die Entwicklung technischer Textilien, das Textilrecycling und textiler Leichtbau.

- Seit 2006 ist das STFI An-Institut der TU Chemnitz.

- Mit dem Projekt "futureTEX", das seit 2014 läuft, werden digitale Technologien und die Vernetzung der Textilbranche vorangetrieben.

- Heute arbeiten im STFI 169 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro.

- Das Institut sieht die Nachhaltigkeit im Sinne der Ressourcen-, Energie- und Zeiteffizienz als Schwerpunkt seiner Arbeit. Quelle: STFI

Blick in eine Produktionshalle mit verschiedenen Maschinen und Besuchern einer Führung.
Das "FutureTEX" sieht aus wie eine Fabrik, ist aber ein Labor für die digitale Textilproduktion. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

"futureTEX" - die Textilherstellung wird digital

Schon seit 2014 arbeitet das STFI mit "futureTEX" an einer vollständig digitalisierten Textilfabrik, sagt Heike Illing-Günther. "Das ist sozusagen der letzte Schrei an Digitalisierungs-Hilfsmitteln für die Textilproduktion, die auch von kleinen Firmen ausprobiert werden können." Dabei müssten sie ihre eigene Produktion nicht unterbrechen, könnten aber viele Erfahrungen nutzen.

Ein Mitarbeiter des STFI kontrolliert die Arbeit eines 3D-Druckers.
Florian Gielsok, Azubi beim STFI, kontrolliert die Funktion des 3D-Druckers. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

"Das ist eine 'Industrie-4.0-Demo-Fabrik' für den textilen Mittelstand", sagt Andreas Böhm, wissenschaftlicher Mitarbeiter am STFI. Vom Webstuhl, über die Beschichtungsanlage, bis zu Laser-Druckmaschinen sei alles für den gesamten Produktionsprozess im Einsatz.

In der digitalisierten Fabrik wird am Beispiel eines Spielteppichs für Kinder gezeigt, welche Möglichkeiten sich für Unternehmen ergeben, um ihre Produktion effektiver zu gestalten, sagt Böhm. "Die Textilunternehmen, die zu uns kommen, sind begeistert von solchen Systemen."

Die Mittelständler hätten meist noch keine solche digitale Erfahrung. "Hier können wir mit ihnen gemeinsam maßgeschneiderte Assistenzsysteme entwickeln."

Ein bunt bedruckter Spielteppich mit darauf stehenden Figuren, Bäumen und einer Brücke aus Teppichmaterial.
Mehr als eine Spielwiese: Das STFI zeigt mit der Herstellung des Kinderteppichs, wie Textilunternehmen digitale Anwendungen maßgeschneidert einsetzen können. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

2022 wird das STFI ein weiteres Forschungsfeld bearbeiten: Gerade entsteht auf dem Gelände ein neues Gebäude, das "Zentrum für Nachhaltigkeit". Dort wird das Recycling von textilen Flächen und Garnen und ihrer Wiederverwendung geforscht.

MDR (tfr/nk)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sachsenspiegel | 09. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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