Überfall Überfall auf Museumschef in Chemnitz - rechter Hintergrund vermutet


Der Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, ist am Donnerstagabend von mutmaßlichen Neonazis in der Chemnitzer Innenstadt zusammengeschlagen worden. Die Polizei konnte wenig später die Tatverdächtigen festnehmen.

Frederic Bußmann, Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz steht vor den Arbeiten "Parkweg", 1917 von Emil Nolde, und "Figurenbild (Bundesfeuer)", 1920/21 von Ernst Ludwig Kirchner.
Der Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, wurde von Neonazis angegriffen. Bildrechte: dpa

Der Überfall

Der Generaldirektor der Chemnitzer Kunstsammlungen, Frédéric Bußmann, ist Opfer eines Übergriffs geworden. Er sei Donnerstagabend in Chemnitz von jungen Neonazis verprügelt worden, teilte Bußmann auf Twitter mit. Er habe die betrunkenen Männer zurechtgewiesen, weil sie "Sieg Heil" riefen und den Hitlergruß zeigten. Darauf sei er mit Schlägen und Tritten attackiert worden. Die Polizeidirektion Chemnitz bestätigte den Vorfall.

Die Tat habe sich in einem Park in der Innenstadt ereignet. Die mutmaßlichen Täter im Alter von 15 bis 20 Jahren, drei Männer und zwei Frauen, seien gestellt worden. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Körperverletzung und des Verwendens verfassungsfeindlicher Kennzeichen.

Frédéric Bußmann schildert den Angriff

Am Freitag schilderte Frédéric Bußmann MDR SACHSEN, wie es zu dem Angriff kam. "Ich habe auf dem Heimweg im Concordiapark eine Gruppe grölender Leute gesehen. Als ich etwas näher kam, war da eine Gruppe von Jugendlichen, die den Hitlergruß zeigten und die ganze Zeit 'Sieg Heil!' riefen." Er sei hingegangen und habe gesagt, dass er das nicht gut fände. "Während keine 2.000 Kilometer von hier Menschen im Ukraine-Krieg sterben, so einen Mist zu erzählen, geht gar nicht, habe ich gesagt."

Die Jugendlichen seien extrem aggressiv gewesen, hätten ihn sofort umringt und geschlagen. "Das ging ein, zwei Minuten so, dass ich geschlagen wurde. Als ich zur Leipziger Straße gehen wollte, ließ einer der Angreifer nicht von mir ab, hat mich getreten und geschlagen. Das war eine extrem brutale und aggressive Situation."

Glücklicherweise habe er einen Bus anhalten können. Der Busfahrer habe die Polizei gerufen und ihn in den Bus einsteigen lassen. "Ich hatte Glück, dass der Bus kam, weil ich nicht wusste, wie die weitergemacht hätten", sagt Bußmann. Der Bus habe ihn zum Polizeipräsidium gebracht, wo er Anzeige erstattete. "Gleichzeitig wurden die Jugendlichen von der Polizei gefunden. Sie hatten offensichtlich überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Die Polizei hat die Identitäten aufgenommen und sie, da sie zum Teil noch minderjährig waren, nach Hause gebracht."

Bußmann: "Die Stadt nicht den Neonazis überlassen"

"Ich bin nicht selbstmörderisch oder hochmütig", sagte Bußmann. "Wenn das eine Gruppe von 30 Jahre alten Hooligans gewesen wäre, hätte ich vielleicht nichts gesagt. Ich hatte tatsächlich die naive Hoffnung, dass man mit Jugendlichen sprechen kann." Er habe ihnen erklären wollen, dass das völlig unangemessen sei. Ich bin aber gar nicht dazu gekommen, weil sie sofort ausgeflippt sind. Die Hoffnung ist aber schon, dass sich in dieser Stadt etwas verändert. Ich lebe hier und möchte nicht, dass diese Stadt Neonazis oder anderen gewaltbereiten Menschen überlassen wird. Sie sollen nicht bestimmen, wie ich zu leben habe"

Man kann als Gesellschaft nicht akzeptieren, dass kleine Gruppen die große Mehrheit dominieren.

Frédéric Bußmann Generaldirektor der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz

Ich habe viel Zuspruch bekommen, auch für die gesellschaftspolitische Arbeit der Kunstsammlungen. Das stärkt mich.

Wenn sie mich fragen, ob ich die Schnauze voll habe von Chemnitz? Nein. Ich bin schockiert, aber ich denke, es ist wichtig, dass wir weitermachen.

Frédéric Bußmann Generaldirektor der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz

Politiker und Sportler verurteilen den Angriff

Der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) sagte dem MDR, er sei schockiert über den Angriff auf Frédéric Bußmann. „Solche Gewalt, egal gegen wen, ist auf jeden Fall zu verurteilen. Ich habe am Morgen mit ihm telefoniert und ihm gedankt für die Zivilcourage, die er gezeigt hat. Ich habe ihm auch unsere volle Unterstützung zugesichert.“ Er freue sich sehr, dass die Polizei die mutmasslichen Täter gefasst habe. Er habe auch mit dem Polizeipräsidenten gesprochen.

Sven Schulze
Der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze verurteilte den Angriff auf Frédéric Bußmann. Bildrechte: Studio 85 Petra Hammermüller

Ganz klar ist: Für diese Art von Gesinnung ist kein Platz in Chemnitz.   

Sven Schulze Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz

Auch von anderen Parteien kamen entsprechende Reaktionen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt twitterte: „Wenn eine Meinungsäußerung solche Folgen hat, ist es offenbar um Teile unserer Gesellschaft schlecht bestellt. Rechtsradikalismus darf in unserer Mitte keinen Raum haben.

Zuvor hatten bereits die Chemnitzer Grünen den Angriff aufs Schärfste verurteilt. Via Twitter wünschten sie Bußmann viel Kraft bei der Genesung und Verarbeitung und dankten ihm für seinen Mut und seine Zivilcourage. Sein Eintreten gegen Faschismus sei richtig, wichtig und bewundernswert, hieß es in dem Post.

Auch die Linke-Landtagsfraktion verurteilte den Überfall auf Bußmann als feigen Angriff: „Unsere Solidarität gilt allen, die Zivilcourage beweisen und sich gegen alte und neue Nazis stellen, danke und vor allem gute Besserung“, wünschten sie Frédéric Bußmann.  

Die Chemnitzer SPD zeigte sich ebenfalls schockiert. Jacqueline Drechsler, die Vorsitzende der SPD-Fraktion im Stadtrat teilte mit, dass es nicht sein dürfe, dass ein Mensch, der Zivilcourage zeige, körperliche Gewalt in solch enthemmter Form erleben muss. "Die Reaktion seitens der von Bußmann angesprochenen Gruppe in Form von Tritten und Schlägen macht fassungslos."

Die Fußballer des Chemnitzer Fußballclubs reagierten in ihrem Tweet mit einem Willy-Brandt-Zitat: „Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit.“ Sie würden an der Seite von Frédéric Bußmann stehen.

MDR (tfr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten aus dem Regionalstudio chemnitz | 11. März 2022 | 08:30 Uhr

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen