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Ermittlungen

Polizeigewalt: Kenianische Familie erhebt Vorwürfe gegen Chemnitzer Beamte

von Anett Linke

Stand: 20. Februar 2021, 15:04 Uhr

In der Nacht auf den 31. Januar feiern Mark Kitau und Jackline Nadler mit ihrer Familie den Geburtstag ihres Sohnes. Zwei Mal steht die Polizei vor der Tür. Ein Nachbar hat sie gerufen, wegen Lärmbelästigung. Bei der ersten Kontrolle stellen die Beamten keine Verstöße fest, sie fahren wieder weg. So weit decken sich die Aussagen der Familie und der Polizei Chemnitz. Was den weiteren Verlauf dieser Nacht angeht, gehen die Darstellungen auseinander. Die kenianische Familie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten. Sie seien Opfer von Polizeigewalt geworden. Inzwischen gibt es bei der Polizeidirektion Chemnitz Ermittlungen.

Jackline Nadler hat bis heute unter den Folgen des Einsatzes zu leiden. Bildrechte: privat

Mark Kitau und Jackline Nadler klingen erschöpft und traurig. "Wir haben Angst", erzählen sie. Eigentlich hatten sie nur den Geburtstag ihres Sohnes feiern wollen. Die erste Kontrolle durch die Polizei sei ohne Probleme verlaufen. "Beim zweiten Mal waren die Polizisten sehr aggressiv", sagt Nadler. "Sie haben uns ohne Grund angeschrien."

Die gerufenen Polizisten hätten laute Musik festgestellt und mit Einverständnis der Familie die Wohnung betreten, um die Identität der anwesenden Personen festzustellen, so die Polizei Chemnitz auf Anfrage von MDR SACHSEN. Das berichtet auch Jackline Nadler. Sie habe die sechs Polizisten in ihre Wohnung gelassen, um zu beweisen, dass nur die nach Corona-Schutzverordnung erlaubte Anzahl von Personen in der Wohnung war. Das bestätigt auch die Polizei.

Polizei setzt Gewahrsamnahme mit Zwang durch

Die Situation in der Wohnung spitzt sich schnell zu. Nach Angaben der Polizei Chemnitz zeigt sich die "stark alkoholisierte" Nadler nicht einsichtig und kündigt an, weiter zu feiern. "Da eine weitere Störung der öffentlichen Ordnung durch erneuten Lärm zu erwarten war, wurde der Frau ihre Gewahrsamnahme (Unterbindungsgewahrsam) angedroht", so die Polizei Chemnitz. "Da auch keine Anzeichen einer Beruhigung festzustellen waren, musste die Gewahrsamnahme mit unmittelbarem Zwang durchgesetzt werden." Nadler und Kitau schildern die Vorgänge gänzlich anders. Dass sie Alkohol getrunken hat, gibt Nadler zu. Komplett betrunken sei sie allerdings nicht gewesen. Der Atemalkoholtest der Polizei ergab nach übereinstimmenden Aussagen beider Seiten 1,64 Promille.

"Ich habe die Polizisten gebeten, unsere Wohnung zu verlassen, da die Kinder Angst hatten", erzählt Nadler. Doch diese wären der Aufforderung nicht nachgekommen. Stattdessen erzählen Nadler und Kitau davon, dass die Beamten ihren Sohn, der gerade das Bad verlassen wollte, darin einsperrten. Die Polizei gibt an, nur Nadler berührt zu haben. Alle anderen Personen hätten sich ruhig verhalten. "Sie haben mich einfach brutal mit Handschellen gefesselt, ohne mir zu sagen warum", sagt Nadler. Dabei hätten die Beamten auch ihre Tochter aus dem Weg geschubst.

Die Beamten bringen Nadler aus der Wohnung, um sie mit aufs Revier zu nehmen. Kitau will seiner Frau beistehen und folgt ihr zum Wohnungsausgang. "Die Polizisten haben mir mehrmals gegen den Fuß getreten und mich gegen den Schrank geschubst", erzählt er. Die Beamten bestreiten, Kitau berührt zu haben.

Jackline Nadler muss sich auf dem Revier komplett entkleiden

Auf dem Revier erfolgt laut der Polizei Chemnitz eine Durchsuchung der Frau zum Eigenschutz durch zwei Beamtinnen. Doch Nadler sagt, bei ihrer Durchsuchung seien auch männliche Beamte anwesend gewesen. "Ich habe sie gefragt, warum das nicht nur die Frauen machen", sagt Nadler. "Ich musste mich komplett nackt ausziehen und es waren Männer dabei."

Nach einiger Zeit klagt Nadler in der Zelle über starke Schmerzen im Handgelenk. Sie wird laut übereinstimmender Aussagen von der Polizei in die Notaufnahme gebracht und dort von Ärzten versorgt. "Ich habe den Polizisten gesagt, ich werde mich beschweren, sie haben mich verletzt", so Nadler.

Aber sie haben mich ausgelacht und gesagt, gegen die Polizei habe ich sowieso keine Chance.

Jackline Nadler

Vom Krankenhaus aus kann sie wieder nach Hause gehen. "Ich hatte keine Schuhe und keine Jacke und es waren Minus acht Grad", erinnert Nadler. Sie habe die Polizisten angefleht, sie nach Hause zu fahren. "Doch sie haben gesagt 'Du bist doch Kenianerin. Ihr könnt doch alle laufen'", so Nadler. Erst nach langem Hin und Her hätten die Beamten sie nach Hause gebracht. Die Polizei Chemnitz berichtet nichts von diesen Aussagen. Auch auf Nachfrage waren diese nicht bekannt. Die Beamten hätten Nadler nach Hause gefahren.

Arzt diagnostiziert bei Mark Kitau gebrochenen Fuß

Mark Kitaus gebrochener Fuß musste operativ versorgt werden. Bildrechte: privat

Zwei Tage später haben Nadler und Kitau einen Arzttermin. "Mein Handgelenk tut immer noch weh“, erzählt Nadler. Einen MRT-Termin, um zu erfahren, was genau ihr fehlt, habe sie aber erst Ende März. Kitaus Fuß sei im Laufe besagter Nacht stark angeschwollen. Der Arzt habe einen Bruch festgestellt, der Anfang Februar operativ versorgt wird. Kitau glaubt, der Bruch ist auf die Tritte und das Schubsen der Polizeibeamten zurückzuführen. Auch auf Nachfrage kann sich die Polizei Chemnitz die Verletzung nicht erklären. Sie bleibt bei der Aussage, Kitau nicht berührt zu haben.

Nadler und Kitau entschließen sich, die Vorkommnisse zur Anzeige bringen. "Wir haben angerufen, aber uns wurde gesagt,  wir sollen bei der Kriminalpolizei anrufen", so Nadler. "Und da haben sie uns gesagt, wir müssen bei der Polizei Chemnitz anrufen." Keine will laut Nadler zuständig sein, sobald sie angibt, eine Anzeige gegen die Polizei stellen zu wollen.

Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf Körperverletzung

"Seitens des Mitarbeiters im Lagezentrum wurde sie gebeten, die Anzeige persönlich bei der Chemnitzer Kriminalpolizei am Standort Hainstraße zu erstatten", erklärt die Polizei Chemnitz auf Nachfrage. "Der Kriminaldauerdienst wurde dahingehend vorinformiert. In der Folge gab es ein weiteres Telefongespräch des Mitarbeiters vom Kriminaldauerdienst mit der Betroffenen, in dem sie um persönliches Erscheinen zur Anzeigenaufnahme gebeten wurde." Sie seien aber nicht erschienen. Inzwischen habe die Polizei Chemnitz ein eigenes Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Körperverletzung eröffnet. "Wir werden mit den Betroffenen und den Beamten sprechen, um den Vorfällen nachzugehen und sie aufzuklären", so die Polizei Chemnitz auf Nachfrage von MDR SACHSEN.

Migrationsbeauftragte machen die geschilderten Vorwürfe fassungslos

Etelka Kobuß, Migrationsbeauftragte der Stadt Chemnitz, machen die geschilderten Vorwürfe fassungslos. "Ich kenne die Familie schon lange", sagt sie. "Es sind anständige Leute, die noch nie in irgendeiner Form negativ aufgefallen sind." Sie versteht das Vorgehen der Polizei nicht und könne sich nicht erklären, wie es zu den Vorfällen gekommen sein könnte. Sie arbeitet nach eigenen Aussagen eigentlich gut mit der Polizei Chemnitz zusammen. "Polizisten müssen immer professionell und angemessen reagieren", so Kobuß. Diesen Vertrauensbruch und diesen seelischen Zustand der Betroffenen könne man mit nichts wieder gut machen. "Jetzt kommt es darauf an, wie die Polizei auf die Vorkommnisse reagiert. Daran wird sie sich messen lassen müssen."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSENMDR SACHSEN - Das Sachsenradio| 20.02.2021 | 16 Uhr in den Nachrichten

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