Sport in Chemnitz Wie geht eigentlich Wasserball? - Ein Selbstversuch

Chemnitz ist ein traditionsreicher Standort für den deutschen Wasserballsport. Doch wie funktioniert der Sport und wie anstrengend ist es wirklich? Und die wichtigste Frage: Kann man im Wasser schwitzen? Diesen Fragen ist MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke im Selbstversuch nachgegangen.

Wasserballtraining
Beim Trainingsspiel der Mädchenmannschaft gegen die jungen Männer des Schwimm-Club Chemnitz von 1892 e.V. schenken sich die Sportlerinnen und Sportler nichts. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Alles, was ich über Wasserball weiß, ist: Es gibt einen Ball, zwei Tore und viel Wasser. Neugierig komme ich am Abend an der Schwimmhalle im Chemnitzer Sportforum an. Hier werde ich mit der Mädchenmannschaft des Schwimm-Club Chemnitz von 1892 e.V. meine ersten Wasserball-Erfahrungen sammeln.

Auf einer Wiese neben der Schwimmhalle trainiert eine Gruppe junger Frauen mit lauter Pop-Musik. Später stelle ich fest, dass es die Wasserballmannschaft ist, die vor ihrem Training im Wasser schon ein Athletiktraining absolviert hat. Ich betrete mit ihnen die Schwimmhalle und lerne den Trainer Livio Cocozza kennen. Da erwartet mich schon die erste Überraschung: Er ist Italiener und spricht nur Englisch. Zum Glück beherrsche ich die Sprache und kann mich entspannt mit ihm unterhalten. Nach einer kurzen Absprache zeigt er mir den Weg zur Umkleidekabine.

Ich stelle mich der Mannschaft vor und will meine eigenen Badesachen anziehen, um auch ins Wasser zu springen. "Nein!", brüllt es mir im Chor entgegen. "Das kannst du nicht anziehen!" Mein privater Tankini wird sofort als ungeeignet für den Sport abgetan. Ein kurzer Panikmoment: Was soll ich denn dann anziehen?

"Wir borgen dir was", sagen die Mädchen und kramen in ihren Spinden nach einem Badeanzug, der mir passen könnte. Er ist aus dickerem Material als die Badeanzüge, die ich aus dem Privatleben kenne und hat am Rücken einen Reißverschluss. Das ist nötig, damit er beim Wasserball nicht verrutscht. Ein zweiter Panikmoment: Wie soll ich mit meinem vom Lockdown aus der Form gegangenen Körper in einen Teenie-Badeanzug passen? Aber es geht. Den Reißverschluss am Rücken lasse ich einfach erstmal offen.

Lehrgang für die U17-Nationalmannschaft

Im Sommer wird das Dach der Schwimmhalle aufgeklappt, so dass das Training in einer Art Freibad stattfindet. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind mit rund 20 Grad angenehm zum schwimmen gehen. Am Beckenrand lerne ich Athletiktrainer und Teammanager Max Mauersberger kennen. Er erklärt mir die Grundregeln des Sports und ein paar Dinge über das Team. Sechs der Sportlerinnen werden in ein paar Wochen zum Lehrgang der U17-Nationalmannschaft fahren und haben damit die Chance auf eine Teilnahme an der Europameisterschaft auf Malta.

Wasserballtraining
Vivien Krause (rote Kappe, im Tor) war bereits erste Torhüterin in der U17-Nationalmannschaft. In diesem Jahr fährt sie zum Lehrgang für die Frauenmannschaft. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Das Training beginnt mit dem Einschwimmen. "Es ist wichtig, dass vor allem die Schultern warm sind", erklärt Mauersberger. Bevor ich mich ins Wasser stürze, rät er mir den Reißverschluss am Badeanzug zu schließen. Sonst gebe es zu viel Wasserwiderstand. Doch leichter gesagt als getan. Wie soll ich das allein denn schaffen? Nach einigen Verrenkungen ist er nur zur Hälfte geschlossen. Ich bitte lachend Mauersberger um Hilfe. Dann ziehe auch ich ein paar Bahnen, um mich aufzuwärmen. Ich sehe zwar nicht ganz so elegant aus wie der Rest der Sportlerinnen, aber zumindest lacht mich niemand aus.

An einem ruhigen Beckenteil zeigt Mauersberger mir die Grundtechnik, um mich aufrecht über Wasser zu halten. Mit den Beinen muss die ganze Zeit eine Bewegung in die Seitgrätsche und zurück durchgeführt werden. Meine ersten Versuche sind etwas ungelenk, aber zumindest bleibt mein Kopf über Wasser. Allerdings wackelt mein Oberkörper bedenklich hin und her.

Unterricht von den Torhüterinnen

Die 18-jährige Vivien Krause und die 15-jährige Laureen Brückner gesellen sich im Wasser zu mir. Vivien spielt seit zehn Jahren Wasserball, Laureen seit fünf. Beide sind Torhüterinnen und ausgewählt für den Lehrgang der Nationalmannschaft. Vivien war bereits beim letzten Mal als erste Torhüterin im Team. "Aber dieses Jahr bin ich bei der Damenmannschaft und da weiß ich noch nicht, wer dabei sein wird", sagt sie. Sie leiht mir noch eine graue Badekappe, damit ich voll ausgestattet bin. Sie sitzt wie eine zweite Haut und schluckt auch einiges an Geräuschen. Vivien hilft mir beim Aufsetzen, da es eine spezielle Technik gibt, die Kappe zu dehnen und über den Kopf zu ziehen.

Zwei Mädchen im Schwimmbecken
Vivien Krause (links) und Laureen Brückner sind Torhüterinnen in ihrem Wasserballteam. Sie trainieren zweimal am Tag, um Spitzenleistungen bringen zu können. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Die beiden zeigen mir einige Tricks, um mich besser über Wasser zu halten. Es komme vor allem auf eine stabile Hüfte an, sagen sie. Außerdem soll ich die Füße nicht durchstrecken, sondern das Wasser quasi bei der Seitwärtsbewegung wegtreten. Wir versuchen uns an einigen Pässen mit dem Ball. Das Werfen funktioniert ganz gut. Meine Jugendhandballerfahrung zahlt sich also doch noch einmal aus. Aber Fangen mit nur einer Hand und parallel die Beinbewegung nicht vergessen? Für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Wenn ich werfe oder versuche zu fangen, vergesse ich die Beinbewegung und komme ins Wanken. Wasser schlucke ich allerdings nicht, ich kann mich immer rechtzeitig wieder fangen. Für Vivien und Laureen ist es, als ob sie im Wasser stehen können. Bei 1,80 Meter Wassertiefe ist ein Schummeln aber für alle drei von uns ausgeschlossen. Mit meinen unter 1,70 Meter Körpergröße bräuchte ich schon eine Leiter unter Wasser.

"Perfektion ist unmöglich"

Nach 20 Minuten bin ich völlig erschöpft und verlasse das Becken. Vivien und Laureen atmen noch nicht einmal schwerer. Ich wickle mich in mein Handtuch, setze die Badekappe ab, damit ich wieder etwas hören kann und geselle mich zu Trainer Livio Cocozza an den Beckenrand auf der anderen Seite des Schwimmbeckens. Er leitet gerade das Taktiktraining und trainiert mit den Mädchen verschiedene Spielzüge vor dem Tor. Er unterbricht immer wieder, um Korrekturen vorzunehmen. Die gebrüllten Anweisungen auf Englisch werden von den Mädchen entspannt aufgenommen und sie versuchen, alles perfekt umzusetzen. "Perfektion ist unmöglich", sagt Cocozza. "Als Trainer sieht man immer die Fehler. Das ist der Job."

Wasserballtraining
Vivien Krause zeigt, wie man stabil im Wasser "steht" und mit einer Hand den Ball wirft und fängt. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Beim Taktiktraining bekomme ich zum ersten Mal einen Eindruck davon, wie hart um jeden Zentimeter gekämpft wird. Schon über Wasser ist das Gerangel um die Position ein großer Kampf, was unter Wasser vorgeht, möchte ich lieber gar nicht wissen. Cocozza ist seit Februar 2020 Trainer in Chemnitz. Davor war er zum Beispiel in London und Kalifornien tätig. Die Corona-Zwangspause war hart. Nur die Nationalspielerinnen durften trainieren. "Einige der Mädchen waren vier Monate lang nicht im Wasser", sagt Cocozza.

Auch im Wasser wird geschwitzt

Nach einer Stunde beginnt ein Trainingsspiel. Die Mädchenmannschaft gegen die jungen Männer, die parallel trainiert haben. Rücksicht wird hier nicht genommen. Um jeden Zentimeter Wasser wird hart gekämpft. Dass man im Wasser nicht schwitzt, stellt sich als Mythos heraus. "Du schwitzt genauso schlimm, wie bei jedem anderen Sport", sagt Vivien. "Du siehst es im Wasser bloß nicht."

Mich beeindruckt die Geschwindigkeit, in der das Spiel hin und her geht. Gespielt wird mit sechs Feldspielern und einem Torwart pro Mannschaft. Die Spielzeit ist im Normalfall in vier Viertel von je acht Minuten aufgeteilt. Das Trainingsspiel geht allerdings fast eine Stunde lang. Zwischendrin wird ab und zu ein Spieler ausgewechselt. Langsam friere ich am Beckenrand und beschließe, den fast getrockneten Badeanzug wieder gegen meine normalen Sachen zu tauschen. Das Öffnen des Reißverschlusses erweist sich als eben so tückisch wie das Schließen. Aber ich schaffe es und schlüpfe erleichtert in meinen warmen Pulli, bevor ich ans Schwimmbecken zurückkehre.

Wasserballtraining
Die speziellen Badekappen mit Ohrschützern sind wichtig beim Wasserball. "Der Ball kann schnell auf den Ohren landen und dann könnte auch das Trommelfell kaputt gehen", erklärt Teammanager und Athletiktrainer Max Mauersberger. Die Zahlen auf der Kappe sind wie die Trikotnummern bei anderen Sportarten. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Kurz vor Ende des Trainings treffe ich noch Vereinspräsident Ulrich Müller. Er ist sichtlich stolz auf seinen Verein. "Wasserball wird hier schon seit mehr als 100 Jahren gespielt", sagt er. Damit war Chemnitz einer der ersten Standorte in Sachsen. Bei den Bundesligaspielen können rund 200 Fans dabei sein. "Man sitzt sehr dicht am Beckenrand und manchmal kann es auch nass werden", sagt Müller. Das mache aber einen Teil der Atmosphäre aus.

Bevor ich gehe, verabschiede ich mich von Vivien und Laureen. Sie sind sichtlich geschafft nach dem Training, sehen aber auch glücklich aus. "Viel Freizeit bleibt uns neben Sport und Schule nicht", verrät Laureen. "Aber das ist es wert", sind sich beide einig. Obwohl ich nur rund 20 Minuten die Grundtechniken ausprobiert habe, bin ich erschöpft. Wie die Mädchen zwei Stunden durchhalten, obwohl sie davor schon ein Athletiktraining absolviert haben, ist mir schleierhaft.

Spaß hatte ich aber auf jeden Fall. Selbst schwimmen und zuschauen waren gleichermaßen interessant. Der Trainer lädt mich sogar ein, beim nächsten Mal wieder mitzutrainieren. Das schlage ich zwar lieber aus, zu einem Spiel der Mannschaft werde ich als Zuschauerin aber auf jeden Fall gehen.

Wasserball im Schwimm-Club Chemnitz von 1892 e.v. Wasserball im Schwimm-Club Chemnitz von 1892 e.V. setzt auf die Jugendarbeit. Der Einstieg in die Sportart erfolgt mit acht bis elf Jahren. Bis zum Alter von 14 trainieren Jungs und Mädchen zusammen.

Derzeit trainieren rund 100 Mädchen und Jungen leistungsorientiert in den Jugendaltersklassen. Der Sport wurde an den Chemnitzer Sportschulen integriert. Derzeit trainieren mehrere Nationalspielerinnen im Verein.

Quelle: MDR

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