Soziales Obdachlose in Chemnitz sind von Corona-Pandemie mehrfach betroffen

Während allerorten über Homeoffice, Quarantäne und 2G in Gaststätten diskutiert wird, haben einige Menschen keinerlei Lobby: Wohnungslose. Am Rande der Gesellschaft sind sie von Corona ebenfalls betroffen.

Tagestreff "Haltestelle" in Chemnitz
Der Tagestreff "Haltestelle" ist für viele Wohnungslose ein Halt, nicht nur in der kalten Jahreszeit. Bildrechte: MDR/Anett Linke

In Chemnitz hat die Wohnungslosenhilfe der Stadtmission eine Bilanz zur Lage für Obdachlose in der Stadt gezogen und bilanziert, dass die Coronapandemie die ohnehin schwierige Situation Betroffener noch verschärft hat. Genaue Zahlen kennt der Leiter der Wohnungslosenhilfe, Alfred Mucha, nicht. Denn sie werden statistisch nicht erfasst, sagte er am Dienstag. Aber: Im Tagestreff "Haltestelle" haben im vergangenen Jahr 148 Menschen eine feste Postadresse eingerichtet. "Das heißt, dass es in Chemnitz und Umland mindestens 148 Menschen ohne festen Wohnsitz gibt. Sie leben bei Freunden oder kommen irgendwo anders unter."

Für Menschen, die schon einmal Mietschulden oder einen Schufaeintrag hatten, stehen die Chancen auf dem Wohnungsmarkt schlecht.

Mucha geht davon aus, dass von den jährlich etwa 600 Besuchern der "Haltestelle" etwa zehn bis 15 Personen tatsächlich auf der Straße leben, also wirklich kein Dach über dem Kopf haben. Damit haben fast 50 Personen mehr als 2019 die Hilfen der Stadtmission angenommen. "Natürlich gibt es in Chemnitz im Vergleich zu anderen Städten geeigneten Wohnraum, der auch leer steht." Trotzdem sei es für wohnungslose Menschen schwierig, eine Wohnung zu bekommen, selbst wenn das Amt die Miete bezahlt, erklärte Alfred Mucha. "Um eine Wohnung zu beziehen, muss man ja bestimmte Kriterien erfüllen. Jeder Vermieter darf eine Schufa-Abfrage machen und eine Mietschuldenfreiheitserklärung verlangen. Und er kann natürlich selbst bestimmen, wer die Wohnung bekommt."

Alfred Mucha, Abteilungsleiter Wohnungsnotfallhilfe Diakonie Stadtmission Chemnitz
Der Leiter der Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Chemnitz, Alfred Mucha, weiß, dass wohnungslose Menschen schlechte Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Corona trifft Wohnungslose unmittelbar

Viele Ämter und Behörden sind nur noch online oder telefonisch zu erreichen. Wer wohnungslos oder obdachlos ist, hat dazu nur begrenzt Zugang, sagte Mucha. Nicht eingehaltene Termine führten dann zum Beispiel zum Kürzen von Leistungen. Auch den Tagestreff "Haltestelle" dürften momentan nur acht Bedürftige gleichzeitig besuchen. Vorrang hätten die Menschen, die wirklich obdachlos sind. "Pandemiebedingt sind rund 30 Prozent weniger Besucher im Tagestreff", bilanzierte Mucha. Damit sei für Menschen, die den Tagestreff zur Strukturierung ihres Alltags gebraucht hätten oder in unzumutbaren Verhältnissen lebten, das Angebot der Wohnungslosenhilfe komplett weggebrochen. Für sie hätte nur noch eine Notversorgung mit Lebensmitteln gewährleistet werden können.

"Um langfristig Wohnungslosigkeit zu verhindern, brauchen wir einfache Zugänge zu den Hilfsangeboten fürdie Betroffenen, aber auch Netzwerke zwischen Kommune, Wohnungswirtschaft und sozialen Trägern", verlangte der Leiter der Wohnungsnotfallhilfe Mucha.

Quelle: MDR/tfr/mdk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 10. November 2021 | 16:30 Uhr

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