Corona-Pandemie Krematorien in Sachsen arbeiten an der Belastungsgrenze

Am Donnerstag hat Sachsen mit 180 Toten innerhalb von 24 Stunden einen neuen traurigen Höchststand in der Corona-Pandemie erreicht. Da in Sachsen laut Bestatterinnung rund 80 Prozent aller Bestattungen Feuerbestattungen sind, arbeiten die Krematorien im Freistaat an der Belastungsgrenze. MDR SACHSEN hat sich von den Krematorien in Zwickau und Döbeln die derzeitige Situation schildern lassen.

Rose auf Stein
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Die Situation der Krematorien in Sachsen ist außergewöhnlich und dramatisch. "So etwas hat es in der Geschichte unseres Unternehmens noch nicht gegeben", sagt Gerold Münster, Geschäftsführer der Krematorium Döbeln GmbH. Die Menge der Verstorbenen überstieg im Dezember den Durchschnitt der letzten fünf Jahre um 50 Prozent. "Wir befinden uns völlig jenseits dessen, was man als normalen Ablauf bezeichnen könnte", so Münster.

Ich habe extremen Respekt, dass die Mitarbeiter das so durchhalten.

Gerold Münster Geschäftsführer der Krematorium Döbeln GmbH

Normalerweise erfolgt die Einäscherung der Verstorbenen innerhalb weniger Tage. Im Krematorium in Zwickau hat sich die Zeitspanne verdoppelt, in Döbeln läge man rund neun Tage hinter dem normalen Ablauf. Die Belastung für die Mitarbeiter, körperlich und psychisch, sei extrem. "Es passiert, dass am Ende einer Schicht mehr Särge dastehen als zu Beginn", erzählt Münster. "Das macht etwas mit den Mitarbeitern."

Auch in Zwickau wird den Mitarbeitern zurzeit alles abverlangt. "Viele haben ihren Urlaub verschoben, wir arbeiten jetzt im Drei-Schicht-System und auch am Wochenende", erzählt der Leiter des Garten- und Friedhofsamtes Zwickau, Jörg Voigtsberger. Normalerweise arbeite man in ein bis zwei Schichten. Zusätzliche Mitarbeiter können nicht schnell beschafft werden, da die Arbeiten von Fachkräften ausgeführt werden müssen.

Schaffung zusätzlicher Kühlmöglichkeiten

Die Abläufe in den Krematorien werden durch die hohe Zahl der Verstorbenen auf eine harte Probe gestellt. Zum einen müssen die Särge gelagert werden. Dafür gibt es nur begrenzte Kühlmöglichkeiten. Das Krematorium in Döbeln hat bereits eine zusätzliche Kühlzelle angeschafft, in Zwickau ist die Beschaffung gerade im Gange. Aktuell helfen die kühlen Außentemperaturen. "Dadurch können wir auch im Außenbereich eine kurzfristige Lagerung umsetzen", so Gerold Münster. Außerdem versuche man in Zusammenarbeit mit den Kliniken und Bestattungsunternehmen auch deren Kühlmöglichkeiten mit zu nutzen. Andere Kapazitäten außerhalb würden laut Münster keine Entspannung bringen. "Dann habe ich wieder den Zeitaufwand, um die Särge von A nach B zu schaffen und muss dafür zusätzliche Mitarbeiter abstellen", sagt er.

Sarg mit Covid 19 Verstorbenen
Die Särge der an Covid-19-Verstorbenen sind aufgrund der Infektionsgefahr speziell gekennzeichnet. Bildrechte: Städtischer Friedhof Görlitz

Eines der Hauptprobleme stellt die Ausstellung der Totenscheine dar. "Nur wenn alle Unterlagen vollständig sind, kann die zweite Leichenschau abgehalten werden", erzählen beide Leiter der Krematorien. Diese ist gesetzlich für Feuerbestattungen vorgeschrieben. Die Standesämter kämen aufgrund der Vielzahl der Toten aber oft nicht mehr hinterher. Das bedeutet für die Mitarbeiter zusätzliche körperliche Arbeit.

Die Särge müssen oft umgestapelt werden. Das ist körperlich sehr anstrengend.

Jörg Voigtsberger Leiter des Garten- und Friedhofsamtes Zwickau

Öfen können nicht durchgängig laufen

Eine weitere Herausforderung ist, dass die Verbrennungsöfen nicht sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag laufen können.

Die Öfen können mehrere Tage am Stück 24 Stunden laufen, aber dann brauchen sie eine Pause. Sie müssen gewartet und gereinigt werden.

Jörg Voigtsberger Leiter des Garten- und Friedhofsamtes Zwickau

Außerdem dürfe der Zeitaufwand für Vor- und Nacharbeiten und die Abrechnungen nicht unterschätzt werden. "Es müssen ja auch viel mehr Urnen und Särge beschafft werden", weist Voigtsberger auf einen weiteren Vorgang hin.

Eine Entspannung der Situation erwarten die Krematorien nicht so bald. "Wir wissen ja, dass die Todesfälle nachlaufend zu den hohen Infektionszahlen sind", sagt Münster. "Ich rechne daher nicht vor Mitte Februar mit einer Entspannung." So lange hoffen beide Leiter der Krematorien, dass ihre Mitarbeiter durchhalten. Bisher gäbe es keine Ausfälle. "Jeder Mitarbeiter ist sich der Verantwortung bewusst und leistet, was er kann", so Münster.

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Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.01.2021 | 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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