Eisenbahn-Reportage Sechs Tonnen auf 600 Millimetern: Eine Fahrt mit der Rauschenthalbahn

Dass Karl May im Gefängnis in Waldheim eine Haftstrafe verbüßen musste, dürfte nicht nur den Fans des Erfinders von Winnetou und Old Shatterhand bekannt sein. Dass 22 Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis eine Bahnstrecke ihren Betrieb aufnahm, von der ein kleines Stück heute noch von einem kleinen Verein betrieben wird, ist sicher nur eingefleischten Eisenbahn-Enthusiasten bekannt. MDR SACHSEN-Reporter Moritz Arand hat den Vereinsvorsitzenden des Rauschenthalbahn e.V. besucht und ist mit ihm durch das untere Zschopautal gefahren.

Rauschenthalbahn Verein
Bildrechte: Moritz Arand

Sonntag. Leipzig Hauptbahnhof. Es regnet. Ich sitze im Zug nach Leisnig. Der ist um 10 Uhr morgens nicht voll. Ein paar Ausflügler sind mit an Bord. Auf einer Koppel in Großbothen kuscheln zwei Pferde im Schein der durchbrechenden Sonne. Mit solchen Tieren wurden früher die Erzeugnisse der Papierfabriken in Kriebethal transportiert, lese ich im Internet, um mich auf meinen Termin mit Zahnarzt Dr. Hans-Rainer Fischer, dem Vereinsvorsitzenden des Rauschenthalbahn e.V. vorzubereiten. Der Verein betreibt eine Schmalspurbahn, die auf der 1896 eröffneten Zugstrecke die Pferdegespanne ersetzt hat.

Sechs Tonnen auf 600 Millimetern Spurbreite

Schmalspurbahnen kenne ich aus meiner Kindheit. Auf der Strecke zum Brocken habe ich oft draußen gestanden und mir vom Fahrtwind den Ruß der Lok in die Haare wehen lassen. Sehr zur Freude meiner Großmutter. Heute stehe ich mit Hans-Rainer Fischer zusammen auf der kleinen, sechs Tonnen schweren Lok, die aus einem Steinbruch der Umgebung den Weg nach Rauschenthal gefunden hat, erzählt mir der Freizeit-Eisenbahner. Er muss noch ein paar Weichen stellen, bevor wir die ein Kilometer lange Strecke bis zum vor drei Jahren gesperrten Lindenhofviadukt den Berg hochfahren.

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Sechs Tonnen wiegt die kleinere der beiden Lokomotiven des Vereins. Die größere bringt zwölf Tonnen auf die Waage. Bildrechte: Moritz Arand

Schließlich setzt sich der luftgekühlte Zweizylinder geräuschvoll in Bewegung. Es riecht nach Diesel und Schmiermitteln. Rechts von uns fließt im Tal die Zschopau. Und während wir gemächlich durch den Mischwald schnaufen, genießen wir die Sonne und eine leichte Brise Wind. Vor mir klackern die Schienen mit 600 Millimeter Spurbreite, bevor die Fahrt an einem Gitter des gesperrten Viadukts abrupt endet.

Ein sanierungsbedürftiger "krummer Hund"

Die sogenannte Gerüstpfeilerbrücke sei in Deutschland eher selten, erzählt mir Fischer. In Australien und den USA gebe es viele solcher Brücken. Und tatsächlich stelle ich mir vor, dass der verrostete Stahlgerüstbau, den die Einheimischen liebevoll "krummer Hund" nennen, auch über Schluchten im Wilden Westen führen könnte. Eine Vorstellung, wie sie möglicherweise auch Karl May gehabt haben könnte.

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Das Lindenhofviadukt ist eine in Deutschland selten vorkommende Stahlgerüstkonstruktion. Vor allem in Australien und den USA wurden solche Brücken gebaut. Bildrechte: Moritz Arand

In der Realität ist die Brücke 171 Meter lang 33 Meter hoch. "Aus Sicherheitsgründen musste sie vor drei Jahren gesperrt werden. Der nördliche Streckenteil verwildert jetzt. Das ist schade", erzählt mir Fischer, während wir uns die verwitterte Brücke ansehen. Was es kosten würde, sie wieder herzurichten, frage ich. "Die kleine Variante würde sich im fünfstelligen Bereich bewegen. Eine Generalsanierung würde den Haushalt der Stadt sprengen", antwortet Fischer schmunzelnd.

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Vereinsvorsitzender Hans-Rainer Fischer sucht immer nach Möglichkeiten, das gesperrte Lindenhofviadkut wieder befahrbar zu machen. Bisher blieben alle Versuche erfolglos. Bildrechte: Moritz Arand

Fördermittel seien bisher abgelehnt worden. "Kurz- und mittelfristig ist da nichts zu machen", sagt Fischer und startet den Motor der Lok erneut, damit wir den Berg rückwärts wieder hinabfahren können. "Im Sommer sind wir jedes Wochenende gefahren", erinnert sich mein Lokführer bei der Abfahrt. Bis zur sogenannten Schillerhöhe seien die Fahrten damals gegangen. Der Dichter selbst sei aber nie dort gewesen.

Die Geschichte der Strecke Waldheim-Kriebethal Am 10.12.1896 wurde die Strecke Waldheim-Kriebethal für den öffentlichen Güterverkehr der Papierfabriken in Kriebethal eröffent. Schon ein Jahr später gab es an Sonn- und Feiertagen die Möglichkeit für touristische Ausflüge mit der Bahn. Die Ausflügler ins untere Zschopautal und zur Burg Kriebstein konnten die Haltestelle in Rauschenthal und Kriebethal nutzen. Nach dem Krieg wurden die Gleise als Reparationszahlungen teilweise demontiert. Güterverkehr von den Papierfabriken gab es jedoch weiterhin. Ab 1990 verlagerten sich die Transporte dann auf die Straße. 1998 kündigte die Deutsche Bahn AG den Anschlussbahnvertrag, womit der Streckenabschnitt ab Rauschenthal offiziell stillgelegt wurde.

Im Jahr 2003 wurde die Strecke an die "IG Kleinbahn Waldheim-Kriebstein e.V." verkauft. Der Verein spurte die Strecke ab Frühjahr 2004 beginnend an der Kriebenauer Zschopaubrücke auf 600 mm um und führte mehrmals jährlich öffentliche Fahrten bis zur Schillerhöhe durch. Nach einem Insolvenzverfahren gegen den Verein engagiert sich seit 2013 der neu gegründete Verein "Rauschenthalbahn e.V." für den Fortbestand der zwei Kilometer langen Reststrecke.

Quelle: Rauschenthalbahn e.V.

Im Schatten des Leipziger Hauptbahnhofs aufgewachsen

Warum sich der Zahnarzt so für Eisenbahnen interessiert, erzählt er mir wenig später. "Ich komme aus Leipzig und bin im Schatten des Hauptbahnhofs aufgewachsen. Meine Eltern hatten kein Auto. Alle Ausflüge und Urlaubsreisen sind mit der Bahn erfolgt." Auch eine Modellbahn habe er gehabt. "Das alles hat dazu geführt, dass das Eisenbahnvirus mich gepackt hat. In den 50er- und 60er-Jahren wollten alle Jungen Lokführer werden", erzählt mir Fischer, der seit 40 Jahren in Waldheim lebt, mir sein wahres Alter aber nicht verraten will. Dann würden die Patienten nicht mehr in die Zahnarzt-Praxis kommen, witzelt er.

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Schon als Kind vom "Eisenbahnvirus" infiziert: Hans-Rainer Fischer ist in Leipzig in der Nähe des Hauptbahnhofs aufgewachsen. Heute lebt er seinen Kindheitstraum im Verein - er fährt eine Lokomotive. Bildrechte: Moritz Arand

Aber er erzählt mir, dass er zehn Jahre Stadtrat in Waldheim war. Neun Jahre davon zweiter stellvertretender Bürgermeister. Nach den Eisenbahn-Prägungen der Kindheit gehe es heute mehr darum, selber an den Maschinen zu schrauben. "Es ist Hardware, wie es Neudeutsch heißt. Ich habe was zum Anfassen und brauche technisches Verständnis, muss mit Werkzeugen umgehen können."

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Zeugen der Geschichte: Stahlcontainer auf dem Vereinsgelände erinnern an den Güterverkehr, der die Erzeugnisse der Papierfabriken aus Kriebethal zum Bahnhof nach Waldheim transportiert hat. Bildrechte: Moritz Arand

Ein "gut aufgestellter" Verein

Und bei der Hardware helfen Fischer die 15 Vereinsmitglieder. Es gebe Elektriker, Metallbauer und Mechaniker. "Wir sind gut aufgestellt", betont Fischer. Und große Ziele gibt es auch. "Wir würden gern wieder in den Bahnhof Waldheim einfahren können. Im Süden wäre es großartig, wenn wir bis zur Burg Kriebstein und zur Talsperre fahren könnten. Aber das würde mindestens 30 Jahre in Anspruch nehmen", weiß der Experte.

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Um die "Hardware" der Lokomotiven kümmern sich die Vereinsmitglieder selbst. Bildrechte: Moritz Arand

Bis es soweit ist, sei Unterstützung immer willkommen. Ob in Form von Spenden, Material oder Tatkraft sei egal, so Fischer. Unterstützung braucht der Verein auch beim Wiederaufbau des historischen Wartehäuschens, das seit 2018 auf dem Vereinsgelände steht. In der vergangenen Woche zerstörte ein Brand die Hälfte des Dachstuhls. "Es war wohl Brandstiftung", erzählt Fischer. "Wir lassen uns aber nicht unterkriegen und bauen das Gebäude wieder auf."

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In der vergangenen Woche zerstörte ein Brand den Großteil eines historischen Wartehäuschens auf dem Vereinsgelände. Ersten Erkenntnissen zufolge soll es Brandstiftung gewesen sein. Bildrechte: Moritz Arand

Fahrten am Pfingstwochenende

Eine Möglichkeit zu helfen, soll es am Pfingstwochenende geben. Am Sonnabend können Fahrgäste von 14 bis 17 Uhr und am Sonntag und Montag von 10 bis 17 Uhr zusammen mit Fischer die Strecke entlangtuckern.

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