"Sachsen rechts unten" Analyse: Sachsen als Sehnsuchtsort für Rechtsextremisten

In der kostenlosen Broschüre "Sachsen rechts unten" analysiert der Verein Kulturbüro Sachsen die Nutzung von mehr als 80 Immobilien im Freistaat durch Rechtsextremisten. Demnach gebe es keinen Landkreis ohne solche Objekte. Im Fokus stehen auch sogenannte "Völkische Siedler", um deren Zuzug aktiv im Netz geworben wird.

Rechte demonstrieren in Bautzen gegen Flüchtlinge.
Sachsen wird offenbar immer mehr zum Rückzugsort für Rechtsextreme. Längst nicht alle zeigen ihre Gesinnung so offensichtlich wie hier in Bautzen. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO

Das Kulturbüro Sachsen hat Treffpunkte und Veranstaltungsorte von Rechtsextremisten in der Publikation "Sachsen rechts unten" unter die Lupe genommen. Der Verein beobachtet seit einigen Jahren den Trend, dass solche Objekte nicht nur genutzt, sondern auch gezielt gekauft werden. Eine langfristige Strategie also.

Betrachtet werden unter anderem Immobilien der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg", Räumlichkeiten und Veranstaltungen neurechter Burschenschaften oder der Zuzug "prominenter" Rechtsextremisten aus Dortmund nach Chemnitz, die als Motivation eine "Offenheit für rechte Positionen in Sachsen" angegeben hätten. Diese Einschätzung veranlasst offenbar auch Vertreter anderer rechtsextremistischer Sammlungsbewegungen, in Sachsen eine neue Heimat zu suchen: "Blut und Boden".

Veranstaltungszelt in Ostritz
Rund 80 Immobilien in Sachsen werden nach Einschätzung des Kulturbüros von Mitgliedern der rechtsextremen Szene für ihre politischen Ziele genutz. Das Hotel Neißeblick in Ostritz diente mehrfach als Veranstaltungsort für das sogenannte Schild und Schwert Festival. (Archivbild) Bildrechte: Lausitznews

Bei Leisnig im Landkreis Mittelsachsen hat das Kulturbüro binnen weniger Jahre mehrere Zuzüge sogenannter "Völkischer Siedler" aus dem Umfeld der verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend" festgestellt. Den Anfang machte demnach der "Adoria Verlag", der unter anderem glorifizierende Bücher über die Waffen-SS oder Wandkarten des "Großdeutschen Reichs" vertreibt.

Ein Zeltlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" in der Nähe der Gemeinde Fromhausen in Nordrhein-Westfalen
Der Verband "Heimattreue Deutsche Jugend" ist seit 2009 unter anderem wegen der Verbreitung nationalsozialistischer Ansichten verboten. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Völkische Siedler werben für Ostdeutschland

Die Ideologie der "Völkischen Siedler" geht auf das rassistisch-antisemitische Denken der völkischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, das im Nationalsozialismus seinen verheerenden Höhepunkt fand. Demnach könne nur eine "reine" deutsche Abstammung den Erhalt des "Volkes" sichern, das allen anderen überlegen sei.

Seit dem Frühjahr 2020 wird laut Kulturbüro Sachsen für solche Ansiedlungen in Ostdeutschland von der Initiative "Zusammenrücken in Mitteldeutschland" aktiv geworben - inklusive Einschätzungen zum regionalen Immobilien- und Arbeitsmarkt.

Unter dem Radar

Mit "Stille Landnahme" hat das Kulturbüro Sachsen das Kapitel über "Völkische Siedler" bei Leisnig benannt. Womöglich eine treffende Beschreibung des schleichenden Erkenntnisprozesses vor Ort, was es mit den neuen Nachbarn in oft altertümlich anmutender Kleidung auf sich haben könnte.


MDR SACHSEN hat mit Franz Hammer über diese "Stille Landnahme" gesprochen. Er arbeitet für das Kulturbüro Sachsen im Regionalbüro Nordwest.

MDR SACHSEN: Welches Weltbild propagieren sogenannte "Völkische Siedler" und was macht den ländlichen Raum Ostdeutschlands vor allem für jene aus Westdeutschland so attraktiv?

Franz Hammer: Die rechtsextremen Familien sind fest verwurzelt in dem Glauben an ein rassistisches Weltbild und an die Volksgemeinschaft. Sie wollen in diesem Glauben ihre Kinder möglichst ungestört großziehen. Diversität an Schulen und im Gemeinwesen wird durch sie als bedrohlich wahrgenommen. Deshalb ziehen sie in ländliche Räume der neuen Bundesländer, beispielsweise in Sachsen. Hier können sie günstig Immobilien kaufen, eigene Netzwerke - auch wirtschaftlicher Natur - herausbilden und relativ ungestört nach ihren Vorstellungen leben. Mehr sogar: Sie meinen, sich auf Zuspruch aus den Gemeinwesen verlassen zu können, wenn es zum Beispiel um das Thema "Migration" geht.

Sie benennen in "Sachsen rechts unten" als Beispiel den Adoria-Verlag bei Leisnig, der etwa "Heldenliteratur" zur Waffen-SS vertreibt oder "arische" FKK-Fotobände. Welche Sogwirkung hatte diese Ansiedlung?

Es lässt sich zunächst festhalten, dass diese Ansiedlung als erste bekannt wurde, ob es die erste ihrer Art in der Region war, lässt sich nur schwer sagen. Deutlich wird jedoch, dass die Mehrzahl der Menschen, die sich in den letzten Jahren hier angesiedelt hat, vorher bereits in der 2009 verbotenen "Heimattreuen deutschen Jugend" organisiert war. Es ist davon auszugehen, dass sich die Akteure bereits kannten und gezielt in die Region um Leisnig gezogen sind. Aus der Region heraus betreiben nun zwei der ehemaligen Akteure der "Heimattreuen deutschen Jugend" die Kampagne "Zusammenrücken in Mitteldeutschland".

Diese "Völkischen Siedler" bleiben vielfach unter dem Radar. Worin sehen Sie die Gefahr in einem Ort, in dem es zu solchen Ansiedlungen kommt?

Es ist richtig, sie bleiben zunächst unter dem Radar. Ziel ist es ungestört anzukommen, ungestört seine Erziehungsideale an die Kinder weiterzugeben und ungestört Erwerbsmöglichkeiten zu etablieren. Sind die Netzwerke mehrerer Familien einmal vor Ort etabliert, so werden sie auch aktiv. Natürlich wird dort auch irgendwann deutlich, welch gewaltvollen und ausgrenzenden Ideen die Leute anhängen. Und sie beginnen ganz aktiv, vor Ort politisch mitzugestalten. Das zeigt sich ja auch ganz aktuell in der Region um Leisnig, wo Akteure der ehemaligen "Heimatreuen deutschen Jugend" die Proteste gegen die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie maßgeblich mitgestalten. Da wird es doch deutlich, wie sicher man sich hier wähnt, dass man aktiv versucht, über diese Proteste anschlussfähig vor Ort zu werden.

In "Sachsen rechts unten" wird eine durchaus heterogene, rechtsextreme Szene beschrieben, von identitären Musikern über einzelne Studentenverbindungen bis zu Neonaziparteien. Ist die "Völkische Szene" mit diesen vernetzt?

Natürlich sind dies sehr verschiedene Akteure einer rechten Sammlungsbewegung, die in Sachsen Rückzugsort und politisches Betätigungsfeld gleichermaßen sucht. Diese Akteure verbindet auch auf den ersten Blick nicht viel Lebensweltliches. Aber partiell und anlassbezogen wird sich vernetzt. Immer da, wo es große gemeinsame Schnittmengen gibt und man vermeintlich viele Menschen für die Ziele einer autoritären und rassistischen Gesellschaft gewinnen kann. Gut gezeigt hat sich das bei den rassistischen Protesten wegen eines tödlichen Messerangriffs Ende August/Anfang September 2018 in Chemnitz. Hier zeigte sich die völkische Szene Seite an Seite mit AfD-Mitgliedern, neurechten Akteuren, Mitgliedern von "Der Dritte Weg" und Akteuren aus der Kameradschaftsszene.

Wie können Sie eine Kommune unterstützen, die sich nach dem Zuzug "Völkischer Siedler" an das Kulturbüro Sachsen wendet?

Wir bieten Beratung im Umgang mit Akteuren vor Ort. Wir begleiten Menschen dabei, gemeinsam ein spezifisches Bild der Situation aus den unterschiedlichen Wahrnehmungen zu entwickeln. Daraus lassen sich dann auch konkrete Handlungsansätze auf unterschiedlichen Ebenen entwickeln. So kann zum Beispiel ein fallbezogener Umgang auf pädagogischer Ebene in Kindertagesstätten, Schulen und bei Trägern der Jugendhilfe etabliert werden. Der Umgang im Vereinsleben, bei politischen Veranstaltungen oder in Geschäftsbeziehungen kann gemeinsam besprochen werden. Durch unsere langjährigen Beratungserfahrungen können wir mit Fachwissen zur Szene, Ideologie und bereits bewährten Ansätzen unterstützen.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 07. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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