Freizeitspaß Mit 20 PS durchs Muldental - Saisonstart beim Schienen-Trabi

Im vergangenen Jahr drohte dem Schienentrabi, der auf der alten Muldentalbahn tuckert, das Aus. Die Strecke war wieder eimal verkauft worden, die Besitzer hatten schon ein paar Gleise abgebaut. Vom neuen Eigentümer, der Mulden-thal-Eisenbahn-Gesellschaft, gab es grünes Licht für den Weiterbetrieb. Also tuckert der quietschgelbe Trabi weiter durchs Muldental.

Drei Kinder sitzen in einem abfahrbereiten Shienentrabi
Der Rochlitzer Bahnhof war am Sonnabend der Ausgangspunkt für die Fahrten mit dem Schienentrabi. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Kurz vor zehn Uhr füllt sich der Bahnsteig auf dem Rochlitzer Bahnhof mit Fahrgästen. Sie mussten die Fahrt vorher telefonisch oder per Mail buchen. Auch ein negatives Corona-Testergebnis oder der Impfnachweis ist in diesen Tagen notwendig. Das tut der Freude aber keinen Abbruch. Eine Familie ist extra aus Nürnberg angereist, die Kinder dürfen gleich im Trabi Platz nehmen. Ihre strahlenden Gesichter kann man hinter der Maske nur erahnen. Das zweite Fahrzeug wird von einer Familie belegt, die eigentlich schon im vergangenen Jahr gebucht hatte. "Das war ein Geschenk zum 70. Geburtstag, das wir nun einlösen." Auf die Minute genau zehn Uhr setzen sich die beiden Schienentrabis in Bewegung. Bei Bahnenthusiasten wie Thomas Krauß, der die Fahrten organisiert, und seinen Mitarbeitern ist Pünktlichkeit eine Selbstverständlichkeit.

Nächter Halt: Wechselburg

Nach einer knappen halben Stunde ist der Bahnhof Wechselburg erreicht. Er ist schon seit 19 Jahren im Dornröschenschlaf versunken. Drei große Ausfahrtssignale stehen auf "Rot" und erinnern augenfällig daran, dass hier keine reguläre Bahn mehr verkehrt. Die Fahrgäste nutzen den Zwischenstopp für eine Besichtigung des alten Stellwerks. Zwischen den Hebeln der mechanischen Anlage scheint die Zeit still zu stehen.

Ein Schienentrabi, eine gelbe Motordraisine, steht auf dem Gleis. Das offene Fahrzeug hat einen Scheinwerfer in der Mitte
Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Trotzdem geht es nach 15 Minuten planmäßig weiter nach Göhren, der heutigen Endhaltestelle der Fahrt. Die Wagen rumpeln davon. Über teilweise ausgefahrene Gleise führt der Schienenweg entlang der Mulde. Die Fahrgäste werden etwas durchgeschüttelt, der Fahrtwind zaust auch bei gemütlicher Geschwindigkeit an den Haaren. Für die Kinder ist das ein großer Spaß, die Erwachsenen genießen den ungewöhnlichen Blick auf das Muldental.

90 Minuten Bahnromantik

Kurz nach 11:30 Uhr rollen die beiden Minizüge wieder in Rochlitz ein. "Das war eine wunderschöne Fahrt und die Landschaft war sehenswert", schwärmen die Teilnehmer der verspäteten Geburtstagsfahrt. Auch Thomas Krauß ist zufrieden. "In diesem Jahr hat unsere Saison in Rochlitz coronabedingt sehr spät begonnen." Deshalb habe man auch die Werbetrommel noch nicht ordentlich rühren können. "Trotzdem bin ich mit dem Saisonstart sehr zufrieden. Wir freuen uns ja schon, dass wir überhaupt wieder fahren dürfen."

An einem Bahnsteig mit Bahnhofsgebäude steigen Fahrgäste in einen Schienentrabi
Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Wir leben schon immer von der Hand in den Mund. Alle bisherigen Eigentümer haben uns nur kurzfristige Verträge für den Fahrbetrieb gegeben.

Thomas Krauß Organisator der Schienentrabi-Fahrten

Aber jetzt rolle der Schienentrabi wieder regelmäßig zu den Terminen, die der Verein auf der Internetseite veröffentlicht habe. Auch für Sonntag gebe es noch ein paar freie Plätze für Kurzentschlossene, fügt Krauß hinzu, lässt den Trabi-Motor an und verlässt Punkt zwölf Uhr den Bahnhof Rochlitz mit den nächsten Fahrgästen.

Mit 20 PS Der Schienentrabi rollt und rollt und rollt...

Nur noch neun Exemplare des Schienentrabis sind erhalten. Zwei von ihnen tuckern zwischen Rochlitz und Penig auf der ehemaligen Muldentalbahn. Die Fahrgäste sind nach jeder Fahrt begeistert.

An einem Bahnsteig mit Bahnhofsgebäude steigen Fahrgäste in einen Schienentrabi.
Vorsicht an der Bahnsteigkante! An manchen Tagen ist auf dem Rochlitzer Bahnhof so viel Betrieb wie vor 30 Jahren. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
An einem Bahnsteig mit Bahnhofsgebäude steigen Fahrgäste in einen Schienentrabi.
Vorsicht an der Bahnsteigkante! An manchen Tagen ist auf dem Rochlitzer Bahnhof so viel Betrieb wie vor 30 Jahren. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Ein Schienentrabi, eine gelbe Motordraisine, steht auf dem Gleis. Das offene Fahrzeug hat einen Scheinwerfer in der Mitte.
Der Regionalexpress Rochlitz - Göhren kurz vor der Abfahrt. 20 Pferdestärken bringen den Schienentrabi auf Touren. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Auf der Kupplung eines Schienentrabis ist ein kleiner PLüschteddy angebracht.
Der kleinste Mitarbeiter ist nur 15 Zentimeter groß und hat immer den Überblick. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Auf einem verlassenen Bahnhof stehen drei Formsignale auf "Rot"
Der Traum vom Lokführer. Hier können die Kinder auch mal im Führerstand sitzen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Ein Schienentrabi, eine gelbe Motordraisine steht mit einem offenen Anhänger und Fahrgästen an einem Bahnsteig
Die Großen reisen in der Holzklasse. Aber die Landschaft im Muldental entschädigt für die harten Sitze. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Auf einem verlassenen Bahnhof stehen drei Formsignale auf "Rot".
Nachster Halt: Wechselburg. Noch stehen die Signale für eine Wiederbelebung der Muldentalbahn auf "Rot". Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Ein gemauertes stellwerksgebäude mit der Aufschrift "Wechselburg".
Das alte Stellwerk in Wechselburg ist noch gut erhalten. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Eine alte mechanische Stellwerksanlage mit vielen Hebeln.
Bis zur Stilllegung der Strecke 2002 wurden die Weichen in Wechselburg noch mechanisch gestellt. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Blick aus dem Fenster eines Stellwerkes auf drei alte Formsignale, die auf "Rot" stehen.
Diesen Blick hatte der Stellwerker auf die Strecke in Richtung Penig. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Ein Schienentrabi, eine gelbe Motordraisine fährt auf einem Bahngleis.
Thomas Krauß ist es zu verdanken, dass die Schienentrabis zu einer touristischen Attraktion in Rochlitz geworden sind. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Am Ende einer Eisenbahnstrecke fahren zwei Schienentrabis mit Anhänger über eine Brücke.
Schöner kann man das Muldental kaum erkunden. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Alle (11) Bilder anzeigen

Schienentrabi Der Schienentrabi ist eigentlich ein Gleiskraftrad ( GKR ) Typ 1 und  wurde Ende der 1950-er Jahre als Kontrollfahrzeug für Oberbaukontrolleure, Bahnmeistereien und als Baustellenfahrzeuge für Bauzüge in Babelsberg entwickelt. Die ersten 50 Exemplare wurden vermutlich 1960 in Blankenburg gebaut. Als Antrieb wurden Motor, Getriebe und Achsen des zur gleichen Zeit gebauten Trabant P50 verwendet. Daher kommt auch der Spitzname "Schienentrabi". Eine zweite, etwas veränderte Serie von vermutlich ebenfalls 50 Stück  stellte das Weichenwerk Brandenburg her. Die letzten Gleiskrafträder verließen 1965 das Werk.  Von den etwa 100 gebauten Fahrzeugen sind noch neuen erhalten, drei von ihnen sind im Besitz des Eisenbahnmuseums Schwarzenberg. Quelle: Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde e.V.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 04. Juni 2021 | 16:30 Uhr

Mehr aus Döbeln und Rochlitz

Mehr aus Sachsen