Auf der Jagd nach Diamant-Rädern

Beherzt schiebt Ludwig Karsch ein blassrotes Damenrad in eine lange Reihe von Fahrrädern. Rund 160 Stück stehen hier in der luftigen Fabriketage. Sie sind alle alt, aber sorgsam restauriert. Von ihrem Steuerrohr grüßt ein fröhliches Gesicht, das Markenzeichen der sächsischen Zweiradwerke „Diamant“.

Das Logo des Fahrradherstellers Diamant ist auf einem historischen Emailleschild am Standort in Hartmansdorf zu sehen.
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Karsch sammelt diese Fahrräder seit Jahren. Im Internet, bei Messen, auf Flohmärkten oder auch bei Freunden geht er auf Diamant-Jagd.

Dieses rote Rad habe ich von einem anderen Fahrradsammler gekauft. Der Metalleffektlack hat ein bisschen in der Sonne gelitten. Aber da es eine seltene Farbe ist und aus dem Baujahr 1955 nicht mehr so viele Räder existieren, kann es auch ein bisschen patiniert mit in die Sammlung hinein.

Ludwig Karsch

Der 45-jährige Chemnitzer hat sein Faible für alte Fahrzeuge zum Beruf gemacht. Er sammelt sie nicht nur, sondern er restauriert sie auch in seiner eigenen Oldtimerwerkstatt. Viele liebevoll hergerichtete Diamant-Räder sind im „Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz“ zu bestaunen, bei dem sich Karsch engagiert. Andere Räder tauscht oder verkauft er, sie stehen bei Liebhabern oder Museumsmachern hoch im Kurs. Stolz zeigt Karsch ein Rennrad von 1936, eines der ersten Fahrräder, die aus Aluminium gefertigt und daher besonders schnell waren. Damals teuer und heute wertvoll, wie der Experte erzählt:

Ich kenne mindestens zehn Leute, die sich so ein Rad wünschen. Und keinen, der es hergeben würde. Neulich sind ein paar originale Pedalen für rund 800 Euro verkauft worden.

Ludwig Karsch

Mit Rennrädern ist Diamant aus Chemnitz zur beliebten und berühmten Kultmarke geworden. 1885 gründeten die Brüder Friedrich und Wilhelm Nevoigt die Werke in der Nähe von Chemnitz. Ihr cleverer Vermarktungstrick: sie statteten Rennfahrer aus, veranstalteten auch selber Wettkämpfe und machten die Marke so schnell berühmt. Immer wieder entwickelten Ingenieure von Diamant wegweisende Fahrradideen. So wie der Renner aus Leichtmetall aus dem Olympiajahr 1936 oder eine spezielle Hebelmutter, die als Vorläuferin der heute üblichen Schnellspanner gilt.

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In der DDR wurde die Räder aus der Radschmiede Chemnitz zum Inbegriff des Radsports. Rennfahrer wie Täve Schur gingen im Werk aus und ein, um zusammen mit den Entwicklern die Räder zu verbessern. Auf einem Diamant-Rad gewann er 1955 die Internationale Friedensfahrt und wurde zum Idol. Das Erfolgsgeheimnis war eine spezielle Radgabel, wie sich der Spitzensportler erinnert:

Als die damals kamen, habe ich gesagt, das Scheißding kann nicht halten! Der Gabelkopf ist so unscheinbar. Aber die hielt. Und mit dieser Gabel, waren wir Könige.

Täve Schur

Anfangs zwei, später nur noch ein weiterer Radhersteller konnten Diamant in der DDR Konkurrenz machen. „Mifa“, die Mitteldeutschen Fahrradwerke in Sangerhausen fertigten gute Räder, aber ihre Qualität reichte nicht an Diamant heran. Das wurde deutlich, als Mifa in den 70er Jahren den Auftrag erhielt, die Sporträder aus Karl-Marx-Stadt zu kopieren und sie unter dem Namen Diamant zu verkaufen. Ein staatlich verordneter Betrug, der die große Nachfrage nach Diamant-Rädern decken sollte. Für Kenner wie Ludwig Karsch ist der Schwindel leicht zu durchschauen, wie er am Beispiel der Fahrradgabel erklärt:

Die Diamant-Rundscheibengabel – die ja nicht umsonst wegen ihrer Qualität so berühmt war – wurde bei Mifa durch ein gröber gearbeitetes und massiveres Teil ausgetauscht.

Ludwig Karsch

Nach der Wende überlebten die Radwerke in Chemnitz zunächst eigenständig und später unter verschiedenen Mutterfirmen. Die typische Suche nach Innovationen setzte sich fort. Bereits 1992 bot Diamant ein Rad mit Elektromotor an, übernahm dabei eine Vorreiterrolle. Technologie und Elektronik des „Cityblitz“ waren herausragend. Allerdings entpuppten sich damals die französischen Akkus als Problem, sie waren unzuverlässig und beendeten die Hoffnung auf einen sächsischen E-Rad-Boom.

Den gibt es allerdings heute. Diamant stellt nun vor allem E-Bikes her, 60 % der produzierten Fahrräder im neuen Werk in Hartmannsdorf haben einen Motor. 1400 Fahrräder laufen täglich vom Band und werden sofort zum Verkauf verschickt. Rund 500 Mitarbeiter hat die Firma heute, geführt werden sie aus den USA, durch den amerikanischen Radhersteller Trek. Und auch der schreibt die Rennsportgeschichte weiter. In seinen Profiteams arbeiten erfolgreiche Deutsche wie Trixi Worrack und Jens Voigt.

Wer bei Diamant eine Ausbildung in Zweirad-Mechatronik macht, hat gute Chancen auf einen Job in der Radbranche. Ausbilder Alexander Feller achtet darauf, dass „seine“ 14 jungen Frauen und Männer das Handwerk von der Pike auf lernen. Er setzt sie an historische Räder, ehe sie die komplizierten Komponenten der E-Bikes kennenlernen. Auch Alexander Feller ist ein Diamant-Liebhaber mit Leib und Seele.

Als andere nach der Wende ihre Fahrräder massenhaft auf den Müll schmissen, begann Alexander Feller sie zu retten:

Diamant-Räder galten zu DDR-Zeiten etwas, jeder wollte eins haben. Das musste ich bewahren. Und so fing das an.

Alexander Feller

Heute besitzt der Feinmechanikermeister über 100 Räder, die er zusammen mit Ludwig Karsch pflegt. Die Freunde bauen eine umfassende Sammlung auf, einen wahren Diamant-Schatz. Für die beiden zählt vor allem der emotionale Wert.

Aber die alten Räder sind nicht nur zum Bestaunen da. Einige werden auch benutzt. Zum Beispiel hat Ludwig Karsch gerade ein Rennrad von 1940 hergerichtet, mit Dreigang-Schaltung und Gesundheitslenker. Er will damit eine mehrtägige Tour auf dem Oder-Neiße-Radweg bewältigen. Sicherlich nicht so sportlich wie die Rennfahrer von einst – aber in ihrem Geiste:

Man hat ja als Alltagsradler mit dem Diamantrad unterwegs auch immer ein bisschen von der Historie dabei.

Ludwig Karsch

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