Interview Kindergarten-Leiterin: "Die Stimmung kippt"

Der Bericht zur Lage sächsischer Kitas und zu ihrem Umgang mit den neuen Corona-Regeln und dem Zutrittsverbot hat viele Betroffene animiert, MDR SACHSEN zu mailen. Darunter waren auch viele Erzieherinnen, Erzieher und Kitaleitungen. Die Kita-Leiterin Brit Richter aus Oederan brachte ihren Ärger besonders prägnant auf den Punkt. Wir haben bei der 42 Jahre alten Pädagogin und Mutter noch einmal genauer nachgefragt.

Ein Schild mit der Aufschrift «Bitte Abstand halten!» hängt am Tor eines Kindergartens, der nur noch für Notbetreuung geöffnet ist. Bundeskanzlerin Merkel und die Regierungschefs der Länder haben eine Verlängerung des Lockdowns bis zum 14. Februar beschlossen. Schulen und Kindertagesstätten sollen geschlossen bleiben.
"Am Limit", "Geduld zu Ende", "kein Verständnis mehr" - diese Umschreibungen zogen sich durch Dutzende Mails, die MDR SACHSEN am Sonntag von Erzieherinnen und Eltern erhalten hat. Sie schrieben sich ihren Frust über den Kita-Alltag unter Corona-Bedingungen von der Seele (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Frage: Frau Richter, wie schätzen Sie als Leiterin des Kindergartens "Oederaner KiTz" die Stimmung ein?

Brit Richter: Der Frust ist mittlerweile riesig, vor allem bei unseren Pädagogen. Sie und die Angestellten sind am Limit. Der Moment ist erreicht, wo das Ganze kippt. Es kommt zu immer mehr Krankheitsausfällen, oft auch aufgrund psychischer Erkrankungen. Die bisher geduldige Stimmung kippt bei Erziehern, Kindern und Eltern. Wir sind dem Infektionsrisiko monatelang vollkommen ungeschützt ausgesetzt worden.

Ein Frau Anfang 40 steht in einem Kleingarten und blickt in die Kamera. Es sit die Kindergartenleiterin Brit Richter aus Oberschöna, die in Oederan eine Kita leitet.
Kita-Leiterin Brit Richter wünscht sich, dass sich Erzieherinnen und Erzieher zügig impfen lassen können. Bildrechte: privat

Brit Richter: Dazu kommen die ständige Herabwertung des Berufsstandes durch das Kultusministerium durch Ungleichbehandlung gegenüber den Lehrern, fehlende Tests zur Wiedereröffnung der Kitas, das Impfdebakel und die regelmäßigen Sprüche seitens Herr Piwarz, der auf Pressekonferenzen sagt, Erzieher seien ja Leid gewohnt. Am meisten frustriert uns die Tatsache, dass wir seit mehr als einem Jahr keine echte pädagogische Arbeit mehr mit den Kindern ermöglichen. Kitas sind keine Aufbewahrungsanstalten. Wir haben einen Bildungsauftrag.

Was meinen Sie damit?

Es sind Konzepte untersagt worden, die Freiräume für pädagogisches Arbeiten schaffen. Der organisatorische Aufwand hat extrem zugenommen. Ständig gibt es extrem kurzfristige Änderungen. Meist erfahren wir am Freitagabend, was ab Montag zu gelten hat. Es sind Abschiedsrituale bei den Kleinsten aufgehoben worden, ebenso ganztägige Hortbetreuung im Klassenraum, befreundete Kinder dürfen nicht mehr miteinander spielen wegen der Gruppentrennung. Es gilt Singverbot. Jetzt der rechtliche Schnappschuss des Zutrittsverbots. Wissen Sie, was das für ein Aufwand ist?

Erklären Sie es.

Vormittags und nachmittags ist ein Mitarbeiter oder ich je drei Stunden lang damit beschäftigt, die Kinder an der Tür aufzunehmen, auszuziehen und in die Gruppen zu bringen. Man flitzt nur durchs Haus, alles staut sich und mit dem Abstandhalten vor der Tür wird es schwierig. Das ist doch genau das Gegenteil von dem, was man mit dem Infektionsschutz erreichen wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist wichtig und richtig, dass die Kitas öffnen. Aber bitte mit durchdachteren Konzepten.

Was schlagen Sie denn stattdessen vor?

Betretungsverbot
Bildrechte: imago images/Thomas Dietze

Das Land sollte die Rahmenbedingungen vorgeben, die die Träger nach örtlichen Gegebenheiten umsetzen. Wir sind ja auch nicht dumm. Vor dem Zutrittsverbot hatten wir ein funktionierendes Hygienekonzept. Eltern konnten ihre Kinder an eine Rezeption bringen, selbst ausziehen. Danach galt ein Einbahnstraßensystem im Haus. Grundsätzlich müssten die Erfahrungen der Fachberater der Landkreise und Praktiker aus den Kitas in die Konzepte einfließen. Bevor etwas umgesetzt wird, müssen die Grundlagen geschaffen werden.

Unsere größte Angst besteht vor der Corona-Infektion. Warum haben Kitas erst zwei, drei Wochen nach der Wiederöffnung Schnellests für das Personal bekommen? Warum sind Erzieher immer noch nicht geimpft? Das kann doch nicht sein. Ich finde, der Kultusminister macht es sich zu einfach, wenn er immer nur auf die Träger verweist.

Wie reagieren die Eltern Ihrer Einrichtung?

Wir sind so froh, dass unsere Kinder und Eltern in der Einrichtung das alles so geduldig ertragen und durchhalten. Ich muss ihnen ein großes Lob aussprechen. Der Träger unserer Kita ist eine Elterninitiative. Ehrenamtliche kümmern sich um 20 Mitarbeitende und 100 Kinder. Die Eltern sind dicht am Thema dran.

Was verlangen Sie konkret, was sich ändern muss?

Ich würde mir mehr freie Hand für die Kitaträger vor Ort wünschen, um die besten Entscheidungen zu treffen. Wir haben ja alle ein Interesse daran, dass sich weder Personal noch Kinder anstecken. Vom Kultusministerium verlange ich eine Gleichbehandlung von Lehrern und Kitapädagogen im Ansehen und auch finanziell. Auch zusätzliche Gelder für Hilfskräfte bei der Organisation würden uns helfen und die Erhöhung des Personalschlüssels.

Vielen Dank für das Gespräch.

"Alles soll wieder normal sein" steht als Wunsch auf einem Blatt, das die 6-jährige Mayla zusammen mit Personal aus ihrer Kita und anderen Kindern an das Gitter des Gerechtigkeitsbrunnens vor dem Frankfurter Römer aufgehängt hat.
Ein Wunsch, den nicht nur Kinder in Sachsens Kitas hegen (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Quelle: MDR/kk

Mehr aus Flöha und Hainichen

Mehr aus Sachsen