Erinnerungskonzepte Initiativen kritisieren Sieger-Entwürfe zu KZ-Gedenkstätte Sachsenburg

Schon jahrelang wird über ein würdiges Gedenken im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenburg gerungen. Nun haben neue Pläne für eine Gedenkstätte Streit provoziert. Zahlreiche Gedenkintitativen verlangen den Erhalt der inzwischen baufälligen Kommandantenvilla.

Eine baufällige Villa ist mit Bäumen überwuchert und von einem Bauzaun umgeben.
Neue Pläne zum Umgang mit der Kommandantenvilla des ehemaligen KZ Sachsenburg sorgen für Streit. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Erst Anfang Juni waren von einer Jury die Sieger eines internationalen Ideenwettbewerbs gekürt worden. Das Ergebnis stößt jedoch bei mehreren Erinnerungsinitiativen auf scharfe Kritik. Sie stören sich insbesondere daran, dass die beiden Erstplatzierten einen weitgehenden Abriss des stark baufälligen Gebäudes planen.

Ideenwettbewerb für die spätere Nutzung der Kommandantenvilla - Die Stadt Frankenberg hatte den internationalen Ideenwettbewerb am 1. August 2020 ausgelobt. Ziel war es, die baulichen Überreste der "Kommandantenvilla" des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenburg zu sichern und als Teil der Gedenkstätte umzugestalten.
- In der Ausschreibung wurde explizit darauf verwiesen, dass der Zustand des Gebäudes eine vollständige Sanierung unmöglich mache und nur Teile des Baus erhalten werden könnten. Daher würden künstlerische und landschaftsarchitektonische Überformungen erwartet, die das historische Gebäude und das unmittelbare Außengelände wahrnehmbar machen sollten. 
- Für den Wettbewerb waren 64 Beiträge eingegangen, auch aus dem Ausland.

Quelle: Stiftung Sächsische Gedenkstätten

Das KZ Sachsenburg wurde bereits 1933 in einer Spinnerei eingerichtet. Es gehört damit zu den frühen Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Es war nicht nur Vorläufer späterer KZ wie Buchenwald und Sachsenhausen, sondern auch Ausbildungsstätte für die SS. Bis zur Schließung 1937 wurden dort etwa 10.000 Menschen interniert - vor allem politische Gegner der Nazis wie Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten.

"Entscheidung nicht nachvollziehbar"

Sendungsbild
Anna Schüller kritisiert die Entscheidung der Jury. Bildrechte: MDR/Ben Arnold, honorarfrei

"Unseres Erachtens muss der Erhalt der Struktur der Kommandantenvilla ein fundamentaler Bestandteil des Konzeptes einer künftigen Gedenkstätte KZ Sachsenburg sein", sagte Anna Schüller von der Geschichtswerkstatt Sachsenburg. Die Entscheidung der Jury sei nicht nachvollziehbar und die Umsetzung der Entwürfe auf Platz eins und zwei aus ihrer Sicht keine Option.

"Das einmalige Ensemble des KZ Sachsenburg wird durch den Abriss der Villa unwiederbringlich zerstört." Diese Kritik an den beiden favorisierten Entwürfen teilen die Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg und die Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Der Siegerentwurf sieht nach Angaben der Stadt Frankenberg einen Abbruch der Obergeschosse und des Daches der Villa vor. Mit dem Abbruchmaterial soll das Areal gestaltet werden. Der Gebäudesockel soll als Gedenkort genutzt werden und Wände aus Stahlbeton erhalten, in die die rund 7.000 bekannte Namen einstiger Häftlinge eingeschrieben werden sollen.

Gedenkstätte soll bis 2024 eingerichtet werden

Seit einigen Jahren wird verstärkt am Aufbau einer modernen Gedenkstätte auf dem Areal gearbeitet. So wurde bereits ein "Pfad der Erinnerung" angelegt. Schrifttafeln erläutern die Nutzung einzelner Gebäude. Für die Umsetzung des gesamten Projekts sei mit einer Dauer von etwa drei Jahren zu rechnen. Daher werde die neue Gedenkstätte nicht vor 2024 fertiggestellt.

Eine Stele aus rostigen Metall (Pfad der Erinnerung) erklärt die ehemalige Nutzung eines Gebäudes.
Mit Schrifttafeln wird im Moment über die Nutzung einzelner Gebäude des Konzentrationslagers informiert. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Die Kritiker befürchten, dass ein Abriss der Villa die Finanzierung für die Errichtung der Gedenkstätte durch Bund und Land gefährdet und sich das Projekt dadurch verzögert. Die Kommandantenvilla sei "ein Täterort" gewesen, betonte Schüller. Dies verlange einen entsprechenden Umgang mit den baulichen Relikten.

Quelle: MDR/dpa/tt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 17. Juni 2021 | 05:30 Uhr

3 Kommentare

Reuter4774 vor 5 Wochen

Wer masst sich an der/ die " richtig" Gedenkende zu sein? Die einzig würdige Gedenkstätte ( unter Einbeziehen Überlebender, Häftlinge) ist nicht mehr zu verwirklichen. Oder die Familien der Überlebenden einbeziehen hier geht es doch nicht um Selbstverwirklichung der Architekten. Es sollten die Vorstellungen/ Wünscheder tatsächlich Betroffenen/ Angehörigen gehört und umgesetzt werden.

ule vor 5 Wochen

70 Jahre >>> Lieber ein verspätetes Gedenken und Erinnern, als gar kein Gedenken und Erinnern.
So sei die Frage erlaubt, was hier eigentlich geschieht, ausser Wettbewerb und Auslobung und Geld "verschieben".

Mich würde doch mal die Meinung der Bürger von Frankenberg interessieren. Wer will denn von ihnen tagtäglich an diese schreckliche Zeit erinnert werden ? Immerhin sind Sie es, die das neue Monument bezahlen werden.

Meine Auffassung dagegen:
Ehrliches und ehrendes Gedenken kommt von Herzen, weniger vom Geldbeutel oder dem internationalen Wettbewerb.

Somit auch zum Schluß die Frage:
Woher kommt das Ansinnen aktuell ? Wer oder was hat dieses ausgelöst ?

astrodon vor 5 Wochen

Fotos vom Zustand machen, ordentliche Tafeln aufstellen, den ganzen Rest abreissen und renaturieren - für jedes Opfer einen Baum auf dem Gelände pflanzen. Eine Erinnerung, die auch in 100 Jahren noch lebendig wäre ...

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