AfD bei der Bundestagswahl Jung, frustriert und kein Problem mit rechts?

Die AfD hat bei der Bundestagswahl in Sachsen vor allem auf dem Land viele Stimmen geholt. Während die Erfolge der Partei auf Bundesebene stagnieren, wird sie im Freistaat offenbar zur Volkspartei - und kann auch bei jungen Wählern punkten. Doch was zieht Menschen unter 25 Jahren zur AfD?

Celine wohnt in Naundorf bei Freiberg und hat die AfD gewählt.
Celine wohnt in einem idyllischen Dorf bei Freiberg. Der jungen Frau geht es wirtschaftlich gut, dennoch fühlt sie sich ungerecht behandelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Felder, Wiesen und Wälder ziehen sich über Täler und Hügel. Mittendrin ragt ein gelber Kirchturm heraus und drum herum liegen die Häuser von Naundorf. Das ist ein Ortsteil von Bobritzsch-Hilbersdorf, zehn Kilometer entfernt von Freiberg in Sachsen. Auf einem der großen Höfe im Dorf wohnt Celine mit Eltern, Oma und Schwester. "Es ist schon wie ein Selbstversorgerhof", sagt die 21-Jährige: Eigener Garten, eigene Früchte, eigene Marmelade und über das Gras laufen Enten, Hühner oder Schafe. Obwohl es aussieht wie der wahr gewordene Traum vieler gestresster Großstädter, in dieser Idylle in der Nähe von Freiberg "macht man sich große Sorgen um die Zukunft".

Celine hat bei der Bundestagswahl die AfD gewählt, ebenso wie fast 40 Prozent der Einwohner von Bobritzsch-Hilbersdorf und so wie viele vor allem in den ländlichen Regionen in Sachsen. Im Freistaat hat die AfD insgesamt zehn von 16 Direktmandaten gewinnen können. Zudem haben in Sachsen 15 Prozent der unter 25-Jährigen die AfD gewählt - im Bundesdurchschnitt waren es nur halb so viele. Bei den sogenannten U18 Wahlen wurde die Partei sogar stärkste Kraft.

ÖPNV: Das Dorf ist schlecht angebunden

Doch woran kann das liegen, dass in Sachsen so viele jungen Menschen die AfD wählen - eine Partei, die im Freistaat wegen "rechtsextremistischer Bestrebungen" durch den Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft wurde. "Die Jugend wird nicht gehalten, die ziehen irgendwann alle weg", beschreibt Celine das Dilemma ihrer Gemeinde mit etwa 5.500 Einwohnern. Es fehle allein schon an Einkaufsmöglichkeiten. Es gebe in ihrem Dorf nur einen Bäcker und einen Blumenladen. "Und das war es so gut wie." Nur eine Buslinie fährt durch den Ort - sehr früh, mittags und am Nachmittag - gegen 16 Uhr ist Schluss.

Die Bundestagswahl Ende September ist auch als eine Zukunfts- und Klimawahl bezeichnet worden. Bundesweit haben die Erstwähler (18 bis 24 Jahre) mit 23 Prozent für die Grünen und 21 Prozent für die FDP gestimmt - erst danach folgten die anderen Parteien. Im Wahlkampf hat es wohl auch deshalb etwa Vorschläge zur Förderung von Lastenrädern gegeben. Für Celine geht das komplett an ihrer Lebensrealität vorbei.

Das Auto ist für Celine enorm wichtig, momentan spart sie auf ein Neues. Sie hat bereits mit 17 Jahren ihren Führerschein gemacht. "Klar will ich, dass der Planet noch eine Weile existiert", sagt die junge Frau zum Thema Klimawandel. Doch es solle doch lieber an Stellen angefangen werden, wo es "viele Ausstöße gibt, zum Beispiel in der Industrie oder bei irgendwelchen Frachtern".

Was beschäftigt die jungen Leute auf dem Land?

Über politische Fragen wird unter den jungen Leuten in ihrem Dorf offenbar nur selten geredet. "Natürlich spricht man über das eine oder andere", erklärt Toni. Der 22-Jährige engagiert sich ebenso wie Celine in seiner Freizeit in der Freiwilligen Feuerwehr. "Aber politisch hat jeder seine eigene Meinung und das versucht man in der Feuerwehr so diskret wie möglich zu halten." Es könne ja jeder seine eigene Meinung haben.

Doch was beschäftigt die jungen Leute auf dem Land? "Handwerker sind hier bissel unterbezahlt für die Arbeit, die sie leisten“, sagt ein junger Mann in einem Jugendclub nördlich von Freiberg. "Und jetzt sollen wir auch noch länger arbeiten." Offenbar spielt er darauf an, dass es immer mal wieder Forderungen gibt, das Renteneintrittsalter zu erhöhen - zuletzt sogar bis auf 70. "Wir sind jetzt Dachdecker, wie soll man sich das vorstellen auf dem Steildach mit 70 zu stehen? Gibt es dann einen Rollator, mit dem du über die Latten fährst?"

Im Jugendclub: "Wir sind nicht geimpft"

Die jungen Handwerker stehen und sitzen am Tresen in einem Jugendclub.
Die jungen Handwerker stehen und sitzen am Tresen in einem Jugendclub. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch Corona und die Impfung sind unter den jungen Handwerker im Jugendclub ein großes Thema. "Man will sich nicht impfen lassen, weil viele sagen, es gibt die Nebenwirkung, dass man keine Kinder mehr kriegen kann - auch schon in unserem Alter", sagt ein zweiter junger Mann mit einem Bier vor sich. Ein anderer ergänzt: "Viele haben Angst vor den Langzeitfolgen." Von den knapp zehn anwesenden jungen Erwachsenen sei keiner geimpft. Die Gefahr durch die Corona-Impfung unfruchtbar zu werden, ist ein Gerücht. Über die Entwarnung des RKI wurde breit in den Medien berichtet. Doch denen trauen die jungen Männer nicht mehr.

"Durch Nachrichten lassen sich viele Menschen beeinflussen und dass alles wahrheitsgemäß ist, können wir ehrlich sein, das wird bestimmt nicht so sein", erklärt ein junger Mann, der ebenfalls am hölzernen Tresen des Jugendclubs sitzt. Aus seiner Sicht gehe es "heutzutage nicht mehr mit rechten Dingen zu. Die da ganz oben ziehen die Fäden und die darunter, zum Beispiel die Zeitungsaussteller und Nachrichtensprecher, müssen machen, was die sagen".

Gelingt es der AfD, Gefühle der Benachteiligung zu aktivieren?

Keiner widerspricht. Die jungen Männer wirken frustriert und Frust spielt eine Rolle beim Wahlerfolg der AfD bei den jungen Wählern, sagt Dr. Fiona Kalkstein, die an der Universität Leipzig zu demokratiefeindlichen Einstellungen forscht. "Die AfD ist sehr geschickt darin, Gefühle aufzugreifen und das sind natürlich sehr viele Gefühle der Benachteiligung." Es gebe auch eine reale Benachteiligung, doch der AfD gelinge es eben teilweise auch, diese Gefühle erst zu aktivieren und dann "für sich zu nutzen und nach rechts umzudeuten".

Celine geht es wirtschaftlich gut und sie ist mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Ihr Geld verdient sie als Verfahrensmechanikerin in einem Industriebetrieb in Schichtarbeit. Dennoch fühle sie sich ungerecht behandelt – aufgrund des Unterschiedes der Löhne zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Durchschnitt sind es mehr als 20 Prozent. Auch Celine würde in den alten Bundesländern mehr verdienen. Das sei ungerecht, denn "die Kosten sind ja irgendwo dieselben und so lange nach der Wende, warum kann man da nicht alles gleichmachen"? Für Celine ist klar, wer hier die Ostinteressen vertritt. Sie vertraue der AfD.

"Die AfD ist […] eher so ein Aufbruch Ost", sagt Dr. Fiona Kalkstein. "Jetzt mit uns kommt die Veränderung, mit uns kommt die Verbesserung, mit uns kommt die Angleichung." Dabei werde sinngemäß verknüpft: "Der Aufbruch Ost kann nur funktionieren, wenn wir keine Geflüchteten ins Land lassen. Das wird inhaltlich und rhetorisch verbunden." Zudem mangele es bei den jungen Wählern auch an einer Abgrenzungsbereitschaft nach rechtsaußen.

Quelle: MDR exakt/mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 03. November 2021 | 20:15 Uhr

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