Schlagabtausch Ärzte in Freiberg reagieren auf Corona-Aushänge in Praxen

In Freiberg haben sich mehr als 50 Ärztinnen und Ärzte in einer Erklärung zu Corona-Impfstoffen geäußert. Damit reagierten sie auf Aushänge in verschiedenen Praxen, in denen Kollegen die Datenlage zu den Impfungen anzweifeln. MDR SACHSEN hat auf beiden Seiten nachgehakt.

Ein Aushang mit einem Schreiben an Patienten hängt an einer Tür
Dieser Aushang verursacht nicht nur in Freiberg lebhafte Diskussionen über die Impfpflicht für medizinisches Personal. Bildrechte: MDR/Mario Unger-Reißmann

Der Orthopäde Olaf Fischer in Freiberg sorgt, wie einige andere Ärzte und Physiotherapeuten der Region, mit einem Aushang an seiner Praxistür für Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft. In seinem Schreiben, das er an seine Patienten gerichtet hat, warnt Fischer vor einer drohenden Schließung seiner Praxis mit Einführung der Impfpflicht für medizinisches Personal am 15. März 2022. Wörtlich heißt es: "Damit ergibt sich für die medizinische Versorgung zwangsläufig eine personelle Notsituation bei Unterbesetzung der (oben genannten) Einrichtungen."

Gleichzeitig solidarisiert er sich mit den Impfkritikern. Seiner Auffassung nach seien Corona-Impfstoffe nicht vollständig erprobt und die Datenlage der Impferfolge und Impfnebenwirkungen unsicher. "Ich sehe das Problem darin, dass viele der Meinung sind, dass die Impfung nicht notwendig ist und sich nicht impfen lassen wollen." Damit käme es zu Personalmangel im Gesundheitswesen, sowohl in seiner Praxis, als auch in Pflegeeinrichtungen. "Diese Unsicherheit nehmen viele zum Anlass, den Beruf zu wechseln", meint Fischer. Es gäbe bereits jetzt einen absoluten Fachkräftemangel im ambulanten Sektor. "Wenn noch mehr diesen Beruf verlassen, ist das beängstigend."

Die Impfpflicht soll im März umgesetzt werden, obwohl niemand weiß, welche Bedingungen und Strafen vorgesehen sind und die Praxis weiter betrieben werden kann oder nicht.

Olaf Fischer Orthopäde aus Freiberg

Fischers fünf Angestellten sollen alle an Covid19 erkrankt gewesen sein. "Sie haben Antikörper und sehen keinen Sinn darin, sich impfen zu lassen. Sie alle haben sich bereits beim Arbeitsamt gemeldet. Damit steht die Praxis vor dem Aus", sagt der Arzt.

Die Sächsische Landesärztekammer ist davon überzeugt, dass keine Gefährdung der Grundversorgung bestehe, "da es zum Beispiel mit einer Ausnahmeregelung eines zuständigen Gesundheitsamtes möglich ist, ungeimpftes Personal weiter zu beschäftigen". Dennoch könnte es in Regionen, wo schon jetzt Ärzte und medizinisches oder pflegerisches Personal fehlt, zu einer schlechteren Versorgungssituation kommen.

Ein Arzt sitzt an einem Schreibtisch.
Olaf Fischer sieht die Existenz seiner Praxis mit der Einführung der Impfpflicht für medizinisches Personal bedroht. Bildrechte: MDR SACHSEN

Ärzte reagieren mit Gegendarstellung

Mehr als 50 Ärztinnen und Ärzte haben auf Fischers Darstellung und die Aushänge mit einer eigenen Veröffentlichung auf der Internetseite "Freiberg für alle" reagiert. Die Allgemeinmedizinerin Anne Münch gehört zu den Unterzeichnenden. Sie kritisieren vor allem die Vermischung der verständlichen Sorgen mit einer generellen Ablehnung der Corona-Impfung. "Einerseits ist das die Problematik, die auf die Praxen mit einer Einführung der Impfpflicht zukommen wird. Das ist uns bewusst." Wenn das einfach wäre, hätte es dazu bereits eine Entscheidung gegeben, meint Münch. "Das jedoch auf dem Rücken der Vertrauenswürdigkeit der Impfstoffe abzuladen, ist einfach nicht tragbar gewesen."

In ihrer Praxis seien knapp 3.000 Corona-Schutzimpfungen durchgeführt worden, sagt Anne Münch. "Dabei gab es keine relevanten Nebenwirkungen. Wir sehen, dass Post-Covid oder Long-Covid deutlich seltener auftreten und dass Infekte nach der Impfung deutlich geringer ausfallen als vor einem Jahr."

Keine Kritik an fachlicher Kompetenz

Münch weist darauf hin, dass die Unterzeichnenden keinesfalls Kritik an der Fachkompetenz der Kollegen üben wollen. "Es geht einfach darum, dass man in dieser sensiblen Debatte genau überlegen muss, was man öffentlich äußert."

Ein Arzt mit Brille und eine Ärztin mit halblangen braunem Haar stehen in einer Praxis.
Das Ärzteehepaar Anne und Marcus Münch gehört zu den Unterzeichnern der Gegendarstellung. Bildrechte: MDR/Mario Unger-Reißmann

Wenn man sagt, dass die Impfstoffe nicht erprobt, nicht sicher und nicht wirksam sind, dann ist das eine Sache, die korrigiert werden muss. Und wer könnte das besser als die Ärzteschaft.

Anne Münch Allgemeinmedizinerin

Marcus Münch, der die Gegendarstellung auch unterzeichnet hat, sieht allerdings kaum noch Diskussionsspielraum. "Es geht bei solchen Gesprächen schon lange nicht mehr darum, jemanden zu überzeugen. Es geht darum, Recht zu behalten. Deshalb kommt man mit Argumenten nicht richtig weiter." Es gehöre auch eine Menge dazu, einen Fehler einzugestehen.

Quelle: MDR/tfr/kk

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 12. Januar 2022 | 19:00 Uhr

Mehr aus Freiberg

Mehr aus Sachsen