Schwangerschaftskonfliktberatung Werden Abtreibungsgegner in Sachsen staatlich gefördert?

Wer in Deutschland eine Abtreibung bei sich durchführen lassen will, muss sich vorher beraten lassen – sonst macht sie sich strafbar. Frauen sollen dabei durch die Hilfe von Beratungsstellen für Schwangere selbstbestimmt eine Entscheidung treffen können. Doch was ist, wenn Berater ihre Funktion für eine bestimmte Ideologie ausnutzen? So wie es bei einem Verein in Chemnitz der Fall ist.

Nachgezeichnet: Die Beraterin spricht mit der Reporterin über die Größe des Embryos nach zehn Wochen.
Nachgezeichnet: Die Beraterin spricht mit der Reporterin über die Größe des Embryos nach zehn Wochen. Bildrechte: MDR exactly

Das Haus des Vereins Kaleb in Chemnitz ist außen in lindgrün gestrichen. Auf der Internetseite wirkt auf den ersten Blick alles professionell und aufrichtig. Diesen Eindruck unterstützt die Seite des Sozialministeriums von Sachsen. Sucht man dort nach seriösen Beratungsstellen, taucht auch Kaleb auf.

Die Homepage des Vereins Kaleb aus Chemnitz.
Die Homepage des Vereins Kaleb aus Chemnitz. Bildrechte: MDR exactly

Die Recherchen von MDR exactly haben ergeben, dass sich Frauen dort zum Teil unter Druck gesetzt und zur Fortsetzung der Schwangerschaft gedrängt fühlen. "Eine Frau war vollkommen fertig, weil sie in der Beratung auch eine Stigmatisierung erfahren hat: Wie kannst du dieses Leben wegwerfen?", berichtet eine Frau, die seit 15 Jahren in einer Beratungsstelle in Sachsen arbeitet. Sie schildert die Erfahrungen von Frauen, die sich zuvor bei Kaleb beraten ließen und dann bei ihr waren. Sie ist nur eine von mehreren Interviewpartnerinnen, die aber nicht mit Namen genannt werden wollen, da sie sowohl private als auch berufliche Konsequenzen befürchtet. "Das hat diese Frau im Nachgang schwer traumatisiert." Das sei auch für sie als Beraterin im Nachgang nur schwer aufzulösen gewesen.  

Kaleb wird seit 2009 vom Freistaat Sachsen gefördert

Dass in Deutschland überhaupt Abtreibungen durchgeführt werden dürfen, dafür hat der Gesetzgeber die Pflicht eingeführt, sich vorab in einer "Schwangerschaftskonfliktberatung” beraten zu lassen. Die soll laut Gesetz dem "Schutz des ungeborenen Lebens dienen". Aber sie soll genauso "ergebnisoffen" sein. Nur staatlich anerkannten Beratungsstelle dürfen dann den sogenannten "Beratungsschein" ausstellen – den Nachweis für die absolvierte Konfliktberatung.

Die Webseite des Sächsischen Familienministeriums auf der Kaleb als Schwangerenberatungsstelle ausgewiesen ist.
Kaleb ist auf der Webseite des Sächsischen Familienministeriums als Schwangerenberatungsstelle ausgewiesen. Bildrechte: MDR exactly

Kaleb stellt keinen Beratungsschein aus. Doch der Verein aus Chemnitz wird seit 2009 mit einer Vollzeitstelle vom Sächsischen Sozialministerium gefördert. Laut Auskunft des Ministeriums sind das mindestens 69.000 Euro im Jahr. Deshalb ist Kaleb auf der Webseite des Familienministeriums als Schwangerenberatungsstelle ausgewiesen.

Kaleb: Abtreibung als Sünde angesehen

Der Verein gehört zur sogenannten Lebensschutz-Bewegung. Deren selbsternanntes Ziel ist es "nach Gottes Gedanken ungeborenes menschliches Leben zu schützen und zu bewahren.” Auf der Internetseite von Kaleb finden sich zudem Infos und Angebote zur Beratung über das "Post-Abortion Syndrom": Psychische Störungen, die durch einen Abbruch ausgelöst werden sollen.  Wissenschaftlich ist diese Krankheit nicht nachgewiesen, darauf weist auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hin.

Außerdem gibt es zwei Publikationen, in denen der Verein Kaleb als evangelikal bezeichnet wird. Evangelikale Christinnen und Christen legen die Bibel wortgetreu aus und leben danach. Sie versuchen auch andere Menschen davon zu überzeugen. Abtreibung sehen sie als Sünde an. Auch der Verein Kaleb in Chemnitz spricht in seiner Vereinssatzung von "Kindstötung".

MDR Reporterin vereinbart undercover Beratungsgespräch

Nachgezeichnet: Die Reporterin beim Beratungsgespräch von Kaleb in Chemnitz.
Nachgezeichnet: Die Reporterin beim Beratungsgespräch von Kaleb in Chemnitz. Bildrechte: MDR exactly

Um mehr über den Verein herauszufinden, vereinbart eine MDR-Reporterin undercover einen Beratungstermin imChemnitzer "Haus für das Leben" von Kaleb. Das wurde 2017 eingeweiht. Ein Projekt allein durch Spenden finanziert: mit 1,2 Millionen Euro. In diesem Haus finden Eltern-Kind-Kurse statt und Sexualkundeunterricht für Jugendliche statt. Die Geschichte der Reporterin: Ungewollt schwanger, noch nicht bereit für das Kind, hat aktuell keinen Job, wenig Geld und keinen Partner.

Aus ihrem Gedächtnisprotokoll heraus hatte ihr die Kaleb-Beraterin unter anderem gesagt: "Einerseits hat das Kind ein Recht auf Leben. Und auf der anderen Seite geht es ja vor allem um Sie. Sie müssen sich fragen, was es mit Ihnen macht, wenn Sie sich gegen das Kind entscheiden." Zur prekären finanziellen Situation heißt es: "Wir arbeiten außerdem mit besonderen Stiftungen zusammen, die Frauen helfen, die sagen, ein Baby passt gerade nicht. Für solche "besonderen" Babys gibt es Patenschaften mit 300 Euro Unterstützung im Monat für bis zu drei Jahre."

Anschließend schildert die Beraterin die Methoden der Abtreibung sehr drastisch und sagt: "Manche Frauen bekommen nach einer Abtreibung keine Kinder mehr, psychische Schäden bleiben zurück. Wenn Sie mal 40 sind dann denken Sie vielleicht: Ich hätte Mama sein können. Eine Abtreibung wird Sie Ihr ganzes Leben lang begleiten." In dem insgesamt 90-minütigen Gespräch ging es auch noch um ein Embryo-Modell. Damit will die Beraterin illustrieren, wie weit das Embryo bereits entwickelt ist. Nach zehn Wochen sind Arme und Beine zu erkennen.

Expertin: Beraterin hat eindeutig falsche Informationen verbreitet

Die Beraterin hatte drastisch geschildert, wie der medikamentöse und operative Schwangerschaftsabbruch funktioniert. "Man hätte das nicht nur anders beschreiben können, sondern anders beschreiben müssen", sagt Ulrike Busch. Sie forschte lange Zeit an der Hochschule Merseburg über Schwangerenberatung.

Die Schwangerschaftsabbrüche werden in der Regel mit der schonenden Absaugmethode durchgeführt und nicht per Ausschabung, wie sie es darstellt.

Ulrike Busch Professorin für Familienplanung

Laut Ulrike Busch verwende die Kaleb-Beraterin eine Argumentation, die man sonst eher "aus dem fundamentalistischen Abtreibungsgegner-Kontext" kennt. "Das würde mich jetzt verwundern, wenn eine Beraterin einer professionellen Beratungsstelle diese Begrifflichkeit benutzt."

Ebenso sei es mit dem angeblichen Post-Abortion-Syndrom, "das eindeutig durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien widerlegt ist", sagt die Professorin. Zudem würden die meisten Frauen einen Schwangerschaftsabbruch sehr gut in ihr Leben integrieren. Das belegt eine aktuelle Studie aus den USA, die Frauen zehn Jahre nach einem Schwangerschaftsabbruch begleitet hat. "Und der Befund ist hier eindeutig, dass 95 Prozent der Frauen ihre Entscheidung nicht bereut haben."

Keine regelmäßigen Überprüfungen der Beratungsstellen

MDR exactly hat Kaleb um ein Interview gebeten. Es gab eine Absage mit dem Hinweis, dass Kaleb eine staatlich anerkannte Beratungsstelle sei und ergebnisoffen berate. Auf Nachfragen per Mail verweist der Verein aus Chemnitz auf die Informationen auf seiner Webseite.

Warum allerdings fördert das Sächsische Sozialministerium den Verein seit 2009 mit einer Vollzeitstelle? Dazu heißt aus dem Ministerium: "Der Bundesgesetzgeber hat ausdrücklich auf die Pluralität der Angebote abgestellt, um die Religionen und Weltanschauungen angemessen zu berücksichtigen."

Eine regelmäßige Überprüfung von Beratungsstellen, – so wie Kaleb Chemnitz e.V. – die keine Beratungsscheine ausstellen gibt es nicht. Außerdem unterliegen diese Beratungsstellen auch nicht der gesetzlichen Vorgabe, ergebnisoffen beraten zu müssen: "Die Aufgabe der Beratung nach § 2 Schwangerschaftskonfliktgesetz führt die Schwangerenberatungsstelle des Kaleb Chemnitz e.V. nach den dem Sozialministerium vorliegenden Erkenntnissen verantwortungsvoll durch", heißt es aus dem Ministerium.

Um Missverständnisse zu vermeiden, will das Ministerium künftig auf seiner Internetseite kenntlich machen, welche Beratungsstellen Beratungsscheine ausstellen dürfen und welche nicht. Und noch eine Sache will das Ministerium mit Kaleb klären: Die Informationen zum sogenannten Post-Abortion-Syndrom, die Kaleb auch auf seiner Webseite gibt. Diese Information hat der Verein mittlerweile von seiner Homepage entfernt.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | MDR exactly | 10. Oktober 2021 | 11:00 Uhr

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