Strategie-Debatte Wie kann das Vogtland massenhafte Corona-Infektionen noch verhindern?

Seit Wochen ist das Vogtland Corona-Hotspot. Die Virusmutation aus Großbritannien breitet sich aus. In den Nachbarregionen in Bayern und Tschechien sind die Infektionszahlen ebenfalls steigend. Wie kann eine Stabilisierung der Lage und ein massenhafter Anstieg noch verhindert werden, damit Schulen, Kitas und Betriebe im Vogtland weiter offen bleiben können? Darüber haben Entscheider aus dem Landkreis mit Ministerpräsident Kretschmer und Sozialministerin Petra Köpping diskutiert.

Apotheker nimmt Rachenabstrich
Ab Donnerstag solle es 50.000 kostenlose Schnelltests für das Vogtland geben. Im Landkreis gibt es 200 zugelassene Teststellen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Ab Donnerstag können sich Menschen im Vogtland kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Der Freistaat stellt 50.000 Tests zur Verfügung. Das koste rund eine Million Euro, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Er stellte in Aussicht, dass Sachsen auch weitere Tests bezahlen werde: "Wenn das nicht reicht, stellen wir auch mehr zur Verfügung." Kretschmer rief Unternehmerinnen und Unternehmer des Landkreises dazu auf, Personal für Schnelltests auszubilden, um möglichst viele Menschen in den Betrieben mit Tests erreichen zu können.

Die Lage ist ernst. Mit großer Sorge beobachten wir die derzeit steigenden Infektionszahlen in unserer Heimat.

Rolf Keil Landrat Vogtlandkreis

Mutationsvariante schnell finden

In einer mehr als zweistündigen Diskussionsrunde mit gesellschaftlichen Akteuren und Bürgermeistern sprachen Kretschmer und der Landrat des Vogtlandkreises, Rolf Keil, neben den Schnelltests in Unternehmen über weitere Möglichkeiten, die Pandemie in der Region einzudämmen. Ziel sei es, die Infektionszahlen im Vogtland zu senken und die Verbreitung der Virusmutation zu stoppen. Die Sieben-Tages-Inzidenz des Landkreises liegt derzeit bei 186 (RKI-Wert: 174, Stand: 23.02.2022). Bislang wurden 46 Infektionen mit der britischen Mutationsvariante im Landkreis festgestellt, sagte Sozialministerin Petra Köpping (SPD).

Das Vogtland ist von steigende Infektionszahlen betroffen, die es nicht verantwortet hat, aber damit umgehen muss.

Michael Kretschmer Sächsischer Ministerpräsident (CDU)

Die Zahlen müssten sinken, damit Schulen, Kitas und derzeit geöffnete Betriebe das auch weiterhin bleiben könnten, betonte Kretschmer. Der Landkreis habe "noch zehn Tage, die gestaltbar sind. Die sollten wir nutzen, dass ein wirklicher Ruck durch die Bevölkerung geht", meinte der Ministerpräsident.

Ordnungsämter und Kommunen sollen stärker hinsehen

Landrat Keil wandte sich mit einer dringenden Bitte an die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister des Landkreises: "Wir brauchen unbedingt die Ordnungsämter der Gemeinden, dass die auch Partys und Garagentreffen verhindern." Ordnungsämter müssten stärker und gezielter kontrollieren. Bei schwierigen Fällen könnten die Bürgermeister auch Hilfe der Polizei anfordern, sagte Keil.

Supermärkte stärker kontrollieren

Mehrere Bürgermeister und die CDU-Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas kritisierten Supermärkte und Discounter und deren laschen Umgang mit Hygienemaßnahmen. Vielerorts bleibe es den Kunden überlassen, ob sie beispielsweise Wagen desinfizieren. Der Elsterberger Bürgermeister Sando Bauroth sieht bei den Supermärkten durchaus "Potenziale fürs Eingreifen". Allerdings beschrieb er auch die Sorgen kleinerer Kommunen, der Lage mit Kontrollen überhaupt Herr zu werden. Bußgelder, die die Corona-Schutzverordnung aufliste, müssten auch durchgesetzt werden, meinte er.

Ministerpräsident Kretschmer warb dafür, dass Bürgermeister und Ordnungsämter zuerst mit Supermarktleiterinnen und -leitern sprechen und auf deren Hygieneschutzkonzepte hinweisen sollten. Wenn das nicht fruchte, sei ein Bußgeld fällig. "Ja, man kann es eskalieren lassen und zur Not auch das Geschäft schließen", sagte Kretschmer. Aber: "Ich würde immer zuerst reden und an die Verantwortung appellieren. Wir sind ja kein Polizeistaat."

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, spricht in der Staatskanzlei auf einer Pressekonferenz.
Ministerpräsident Michael Kretschmer verlangt einen Ruck, der durchs Vogtland gehen müsse, um die Infektionen einzudämmen - auch wenn viele des Themas oder der Maßnahmen überdrüssig seien. Bildrechte: dpa

Warum nicht überall Schnelltests, wo sich Menschen ballen

Der sächsische Dehoga-Präsident Axel Hüpkes fragte, warum man nicht stärker "unkoordiniertes Freizeitverhalten der Menschen" ins Visier nehme. Sein Vorschlag: "Schnelltests an den Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen - auch als Mahnung". Die Idee will Kretschmer in die nächsten politischen Runden in Sachsen und Berlin mitnehmen. Der CDU-Politiker würde möglichst viele Örtlichkeiten oder Aktivitäten, die öffnen oder wieder möglich sein sollen, an Schnelltests koppeln. "Wir arbeiten daran, das ist aber noch eine Frage von ein paar Wochen."

Wir müssen auch die kleineren Handwerksbetriebe sensibilisieren. Da wird immer noch zu oft zu eng beieinander gesessen.

Rico Schmidt Bürgermeister der Stadt Adorf

Quarantäne heißt zu Hause bleiben

In der Diskussionsrunde kündigte Landrat Keil eine Plakatkampagne an, die die Einwohner auf die Schnelltests hinweist. Der Chemnitzer IHK-Präsident Dieter Pfortner will die Firmen im Vogtland zu Tests aufrufen. "Dort erreichen wir eine große Zahl von Menschen." Zugleich wies er darauf hin, dass Corona-Infizierte mit Quarantänebescheid auch zu Hause bleiben müssten. "Quarantäne heißt Isolierung. Die Leute sollen nicht einkaufen gehen oder selber den Krankenschein in die Firma bringen."

Der Polizeipräsident der Polizeidirektion Zwickau, Lutz Rodig, bot an, mehr Kontrollen durchzuführen. Kontrollen vor allem auch bei hartnäckigen Quarantäneverweigerer gehe. "Bis zu 15 Fälle am Tag könnten wir übernehmen", sagte Rodig. Zudem könnten zehn Polizeibeamte wieder zur Kontaktnachverfolgung ins Gesundheitsamt abgeordnet werden.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.02.2021 | 19:00 Uhr in den Nachrichten

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