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Tabea Waldmann leitet die Telefonseelsorge in Plauen im Vogtland. Sie merkt, dass sich heute mehr Menschen einsam fühlen als vor der Pandemie. Bildrechte: Tabea Waldmann

Die Nummer gegen KummerTelefonseelsorge im Vogtland über Einsamkeit: "Viele leiden an Spätfolgen der Pandemie"

14. März 2024, 18:00 Uhr

"Kein Schwein ruft mich an", hat schon Max Raabe gesungen. Laut einer Studie fühlt sich heute jeder sechste Deutsche oft einsam. Viele Menschen igeln sich ein und sind nach der Corona-Pandemie nicht wieder auf die Beine gekommen, erklärt Tabea Waldmann, Leiterin der Telefonseelsorge in Plauen im Vogtland. Besonders Jugendliche seien teilweise so antriebslos, dass sie nicht mehr schafften aus dem Haus zu gehen. Doch auch viele ältere Menschen kämpfen mit dem Alleinsein.

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Frau Waldmann, welche Rolle spielt Einsamkeit in der Telefonseelsorge?

Einsamkeit spielt bei uns eine riesige Rolle. Nicht nur ältere Menschen leiden unter Einsamkeit. Auch immer mehr junge Menschen melden sich bei uns. Das habe ich früher so nie erlebt. Das Alleinsein wird zwar nicht zwingend von allen unseren Anruferinnen und Anrufer vordergründig thematisiert, doch es schwingt ganz oft mit. Bei näherem Hinhören merken wir, wie einsam viele sind. Für manche sind wir die einzigen Bezugspersonen.

Sie arbeiten viele Jahre als Telefonseelsorgerin. Hat Einsamkeit zugenommen?

Ja, das kann man auf alle Fälle sagen. Einsamkeit war zwar schon immer ein großes Thema, auch vor der Pandemie haben sehr viele Menschen angerufen. Doch jetzt hat sich die Thematik weiter zugespitzt, viele leiden an den Spätfolgen der Pandemie und reden offener über ihre inneren Nöte.

Die Pandemie hat die Vereinzelung der Menschen befördert. Viele zogen sich zurück und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Manche haben total den Anschluss verloren. Hinzu kommen weitere gesellschaftliche Entwicklungen und aktuelle Trends.

Welche Menschen sind von Einsamkeit betroffen?

Es gibt keine Mehrheit von alten oder jungen Menschen. Das Thema ist bei vielen präsent. Gerade junge Menschen erzählen, dass sie einsam sind. Ist ja auch verständlich. Das Studium - einst der Treffpunkt und Quelle zahlreicher Gemeinschaftserlebnisse - findet heute oft noch immer online statt. Hier ist es schwierig, analoge, echte Kontakte zu knüpfen.

Das erleben wir auch in der Schule. Klassen werden immer wieder getrennt, hier fällt es schwer, längerfristige Freunde zu finden. Doch auch viele Menschen in Beziehungen sind einsam.

Wirklich, Menschen in Partnerschaften sind einsam?

Ja. Wir erleben immer wieder Anruferinnen und Anrufer, die eigentlich in einer Beziehung leben und uns erzählen, wie einsam sie sich fühlen. Sie wollen sich aber auch nicht trennen, die Partnerschaft ist in ihren Augen das einzige stabile Kontinuum, das sie hält. Sie wollen diese Stabilität nicht verlassen und verharren lieber in dem Zustand, auch wenn er sie nicht erfüllt und sie einsam fühlen lässt.

Heißt es nicht, lieber allein als zu zweit einsam?

Das stimmt. Die Einsamkeit in Zweisamkeit wurde immer wieder in der Literatur und Kunst behandelt.

Wie kommt es dazu?

Viele Menschen reden nicht mehr miteinander. Das kann viele Gründe haben. Oft lässt das Interesse am anderen nach, die Partner sind mit sich selbst beschäftigt oder es stehen nicht verarbeitete Kränkungen im Raum. Die Menschen fühlen sich nicht gesehen, nicht wahr- oder nicht ernstgenommen oder müssen zurückliegende Erfahrungen verarbeiten. Das kann der Partner oder die Partnerin nicht abnehmen.

Im besten Fall kommunizieren die Partner darüber, holen sich ab und helfen sich. Nicht alle können jedoch über ihre Gefühle kommunizieren und so steht schließlich oft eine Sprachlosigkeit im Raum, die über die Jahre immer größer werden kann.

Einfach da sein und zuhören: Manchmal ist es so leicht, die Seele zu erleichtern. Tabea Waldmann leitet die Telefonseelsorge in Plauen im Vogtland. Bildrechte: David Rötzschke

Was meinen Sie mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen?

Die Vereinzelung nimmt zu und schlägt sich auch auf Familien nieder. Hier gibt es oft weniger Austausch, man ringt nicht mehr so um gemeinsame Lösungen und Entscheidungen. Ich erinnere mich an ein Gespräch, da erzählte jemand, er fühle sich wie das fünfte Rad am Wagen. Beim genaueren Zuhören wurde deutlich, dass der Anrufer schon von Kindheit an Außenseiter war.

Er wurde also tatsächlich von seiner Familie nicht gesehen. Vielleicht hatte er ein anderes Temperament als seine Kernfamilie. Er schien auch nicht fähig, etwas von sich zu geben. Diese Abseitsstellung und das Nebeneinander zog sich quasi durch sein ganzes Leben - und wurde auch nicht in der Familie verhandelt. Es blieb einfach so.

Was raten Sie in solchen Momenten?

Wichtig ist ja, dass jeder für sich merkt, was er für einen Einfluss und eine Wirksamkeit hat. Jeder ist gefragt, sich zu öffnen und selbst einzubringen. Einsame Menschen haben das oft etwas verlernt. Jeder kann sich ja einbringen - in die Familie, in die Gesellschaft, in die Nachbarschaft nebenan. Die beste Methode gegen Einsamkeit ist, sich zu engagieren, mitzugestalten - in einem Ehrenamt, in der Gemeinde, bei Initiativen, in der Gartengemeinschaft. Wenn ich selbst etwas tue, wird auch etwas zurückkommen.

Gelingt es Ihnen, Ihre Anruferinnen und Anrufer zu überzeugen?

Nein, das schaffen wir meist nicht. Jemand der sehr einsam ist und am Telefon darüber redet, ist schon lange einsam, nicht kurzfristig. Jemand der uns anruft, hat oft keine Ressourcen und wenig Möglichkeiten. Oft gibt es auch eine körperliche Beeinträchtigung oder eine seelische Behinderung. Damit ist es sehr schwierig in das Gemeinwesen zurückzufinden.

Junge Menschen haben im Vergleich durch ihre Jugend viele Möglichkeiten. Wieso fällt es ihnen so schwer, sich aus der Einsamkeit zu kämpfen?

Während der Zeit der Corona-Pandemie sind viele Lebensübergänge von jungen Menschen - dazu gehören Schulabschluss, Abschluss der Ausbildung, Studienbeginn oder auch Auslandsaufenthalte - nicht so gut gelungen. In einem Online-Studium oder auch einer Online-Ausbildung fehlten die wirklichen Kontakte. Da fehlte alles, was junge Menschen so miteinander machen: reden, feiern, Pläne schmieden, diskutieren, streiten.

Es ist schwierig, wenn allein das Internet die Plattform ist, in der Begegnungen und Beziehungen passieren. Wenn man sich nicht echt begegnet, kann auch keine echte Verbindung entstehen und bestehen. Doch diese Apathie bei Jugendlichen habe ich noch nicht erlebt. Manche schaffen es nicht mal mehr, aus dem Haus zu gehen und verkriechen sich wochenlang.

Trost ist ein riesiger Baustein unserer Arbeit.

Tabea Waldmann | Leiterin Telefonseelsorge Plauen im Vogtland

Was können Sie als Telefonseelsorgerin hier tun?

Wir können helfen, indem wir in dem Moment, in dem Hilfe dringend benötigt wird, da sind und zuhören. Einfach da sein, ist vielleicht grundsätzlich ein Konzept, was mehr gewürdigt werden sollte. Es muss nicht immer kompliziert sein, oft reicht es, einfach 'da zu sein'.

Wir hören zu und trösten. Trost ist ein riesiger Baustein unserer Arbeit. Auch wenn sich scheinbar nicht viel ändert, können wir eine warme Adresse sein. Ruft uns jemand an, ist er in dem Moment vielleicht weniger traurig und einsam. Viele Menschen rufen uns regelmäßig an, für sie sind wir eine Art Freundes- und Familienersatz. Sie fühlen sich von uns aufgefangen, wir hören zu und darauf kommt es an.

Kontakt zur Telefonseelsorge in SachsenDie Telefonseelsorge ist da für Menschen in Not - wenn Ereignisse erschüttern, eine schwere Diagnose verkraftet werden muss, Ängste oder psychische Belastungen einengen, die Lage aussichtslos erscheint.

Rufnummer 0800 -111 0 111 oder 0800 -111 0 222.

Im Freistaat gibt es 370 Telefonseelsorger, 60 davon arbeiten im Vogtland.

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 12. März 2024 | 20:00 Uhr