Interview mit Telefon-Seelsorgerin "Einsamkeit ist schon immer Thema Nummer 1"

Viele Menschen blicken besorgt auf die kommende Weihnachtszeit unter Corona-Bedingungen. Was ist mit einsamen, älteren Angehörigen und Nachbarn? Oder wenn man selbst unter Einsamkeit leidet? Tabea Waldmann ist Telefonseelsorgerin im Vogtland. Sie ist im engen Kontakt mit Menschen, die schon lange in Einsamkeit leben. Sie sagt: "Manche warten nur noch auf den Tod." Doch es gibt Auswege aus dieser Situation.

Telefonseelsorge
Bildrechte: dpa

Sie sind jetzt seit 25 Jahren in der Telefonseelsorge. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich bin durch eine Zeitungsannonce darauf aufmerksam geworden. Damals wurde gerade ein Telefonseelsorge-Netzwerk bei der Diakonie aufgebaut. Ich war zu der Zeit Kindergärtnerin. Es hat mich gereizt, etwas für benachteiligte Menschen zu tun oder für Menschen, die in Schwierigkeiten gekommen sind. Ich selbst hatte als Jugendliche auch zu kämpfen. Als Pfarrerstochter in der DDR habe ich so einiges erlebt. Zum Beispiel durfte ich nicht studieren und war auch mitunter ausgegrenzt.

Beschreiben Sie mal einen typischen Tag als Seelsorgerin. Wer rief Sie in ihrem letzten Dienst an?

Also ein "ganz normaler Sonntag" im November lief kürzlich so ab: Es ging los mit einer Frau, die öfters mal anruft. Sie ist Anfang 60 und lebt allein. Sie sagte mir, sie habe schon den ganzen Tag versucht, durchzukommen. Ich war die erste Person, mit der sie an dem Tag sprechen konnte. Sie fühlt sich einsam, hat aber derzeit Angst, rauszugehen wegen Corona. Ihr gehe es schon seit langem nicht gut. Ich habe sie gefragt, was ihr heute vielleicht gut tun könnte. Noch ein Gespräch suchen oder doch mal rausgehen, dabei achtsam, aber nicht ängstlich sein … Nach zehn Minuten beendete sie das Telefonat, weil sie weiß, dass schon der oder die Nächste in der Leitung wartet.

Danach rief ein Mann um die vierzig an. Den kennen wir auch schon. Er hat sein Geschäft und seine Partnerin verloren. Er droht immer wieder mit Suizid, ist sehr wütend und schrie am Ende ins Telefon, bevor er auflegte. Er selbst sieht sich nicht in der Lage zu handeln. Er klagt sein Leid und sucht die Schuld bei Anderen, vor allem auch beim Staat, der nur nimmt und nichts gibt, wie er sagt.

Geben Sie da konkret Hilfestellung?

Die Lösung muss aus den Menschen selber kommen. Unsere Rolle ist vor allem das "offene Ohr" zu sein und durch gute Fragen Anstoß zu geben. Dass er zum Beispiel mal Privatinsolvenz anmelden könnte, muss er selber für sich erkennen. Konkrete Handlungshilfen geben wir nur bei Kindern und jungen Erwachsenen.

Ok, und wie ging es denn an dem Tag weiter?

Telefonseelsorgerin Tabea Waldmann
Tabea Waldmann Bildrechte: David Rötzschke

Weiter ging es mit einer – ich würde sagen – Gewissensfrage. Da rief eine ältere Frau an und sprach ganz leise. Sie habe wenig Kontakte im Alltag. Manchmal trifft sie die Nachbarn im Hausflur und schwatzt mit ihnen. Die haben ihr kürzlich von Corona-Symptomen berichtet, gehen aber trotzdem weiter raus und melden sich nirgends. Unter anderem haben sie keine Lust auf Quarantäne. Die Anruferin war jetzt in einem Zwiespalt: Sollte sie die Nachbarn darauf ansprechen oder es lieber mit sich herumschleppen, obwohl auch sie selbst Angst vor Ansteckung hat. Sie tat sich schwer damit, die Nachbarn damit zu konfrontieren. Sie hat einfach Angst, auch diesen Kontakt zu verlieren. Wir haben dann gemeinsam einen Weg gesucht, wie man die Nachbarn konkret darauf ansprechen könnte, ohne dass es gleich zu konfrontativ wirkt. 

Sehr berührt hat mich der Anruf eines 81-Jährigen. Er ist seit 61 Jahren verheiratet. Vor zwei Jahren musste seine Frau aber unter anderem wegen Demenz ins Pflegeheim. Er sagte mir wörtlich: "Damit komme ich nicht klar. Wer gibt seine Frau ab? Ich habe sie ins Heim gegeben, auch wenn es ein gutes ist. Ich gehe kaputt am Alleinsein. Die Kinder sind weit weg. Da ist niemand mehr da."

Für mich gibt es kein Ich, sondern nur ein Wir.

81-Jähriger Anrufer bei der Telefonseelsorge

Zurzeit leidet er zusätzlich an den coronabedingten Besuchszeiten im Heim. Er kann seine Frau nicht so lange besuchen, wie er es eigentlich gern täte. Ich bin da jetzt nicht mit gut gemeinten Tipps um die Ecke gekommen. Ich habe versucht, einfach zu trösten. Eine Lösung gibt es ja nicht.

Zum Ende des Tages, kam noch ein einsamer Mann mit Kindheitstrauma dazu und schüttete sein Herz aus. Und eine ältere Dame, die gestürzt war, aber erst am nächsten Tag vom Pflegedienst entdeckt wurde. Das ist auch ihr einziger Kontakt. Und zuletzt: Ein junger Mann traut sich wegen Arbeitslosigkeit nicht mehr auf die Straße und hat seine Kontakte abgebrochen. Gerade in diesen Zeiten ist die Jobsuche für ihn schwer.

Das ist ganz schön viel für einen Tag Seelsorge…

Es war ein durchschnittlicher Tag. Acht Gespräche in fünf Stunden.

Wie hat sich die Lage seit März bei Ihnen entwickelt?

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass es mehr Anrufe gibt, weil wir seit Corona auch unsere Zeiten erweitert haben. Wir haben in den Nachmittagsstunden eine zweite Leitung eröffnet. Und deswegen nehmen mir entsprechend mehr Anrufe entgegen. Hier steht kein Telefon still.

Viel gesprochen wird ja jetzt im November wieder über die Einsamkeit und den neuerlichen Lockdown. Spüren Sie etwas davon?

Einsamkeit ist seither Thema Nummer eins. Das war schon zu Beginn meiner Telefonseelsorge-Zeit vor 25 Jahren so. Es ist das, was in der Statistik am häufigsten auftritt – 65 Prozent der Anrufe betreffen Einsamkeit. Die Zahl ist von 2020, sie hat sich über die Zeit kaum verändert. Jetzt kann es sein, dass der Lockdown den Alltag einsamer Menschen noch zusätzlich belastet, weil sie nicht mehr so rausgehen können wie vorher. Aber die meisten unserer Anrufer sind ohnehin einsam gewesen – da wuchs der Leidensdruck nicht mit einem Mal riesig an.

Einsamkeit ist ein Dauerbrenner-Thema.

Tabea Waldmann Telefonseelsorgerin

Wir in der Telefonseelsorge sind für anrufende Menschen eine Art Familienersatz. Mehr als die Hälfte der Betroffenen ruft regelmäßig an. Darunter sind ältere pflegebedürftige Menschen, die nur noch den Pflegedienst sehen.

Ich sage es mal so, auch wenn es schlimm klingt: Es gibt Menschen, die warten nur noch auf den Tod.

Tabea Waldmann Telefonseelsorgerin

Aber auch Junge sind betroffen. Das sehen wir verstärkt in unserem Chat, den wir seit Kürzerem betreuen.

Wie kommt das bei den Jungen?

Die Gesellschaft vereinzelt seit Jahrzehnten. Feste Familienstrukturen lösen sich auf. Umzüge, Jobwechsel bedingen das mit. Die Jungen haben vielleicht Tausende Freunde in den sozialen Netzwerken, aber eigentlich kennen sie keinen richtig. Ihnen fällt es schwer, in Beziehungen zu kommen, sich aufzuraffen und wirklich auf jemanden zuzugehen.

Einsamkeit ist ein bestimmendes Thema, wie Sie sagen. Gleichzeitig scheint es tabuisiert zu sein. Kaum einer gibt es zu im realen Leben. Woher kommt das?

Am Telefon reden wir offen darüber, aber das ist ja ein geschützter Raum. Es ist ein schambesetztes Thema. Man fragt sich: "Warum betrifft es mich? Was stimmt mit mir nicht?" Und das Umfeld könnte das ja genauso hinterfragen. Also schweigen viele lieber.

Erwarten Sie jetzt vor Weihnachten noch mal einen weiteren Anstieg der Einsamkeit?

Es wird wie in jedem Jahr eine schwierigere Zeit für manche Einsamen. Die Corona-Einschränkungen kommen noch zur alljährigen Belastung hinzu. Unsere Anrufer sind aber krisengeschüttelt. Ich glaube, es ist zu schaffen.

Was raten Sie Menschen, die sich einsam fühlen?

An erster Stelle steht die Selbstbefragung: Was brauche ich wirklich, was tut mir gut? Wenn ich darauf eine Antwort gefunden habe, kommt die Frage: Wie ist mein Weg dahin?

Bei der Einsamkeit ist es ziemlich klar: Man darf nicht warten, dass andere etwas für einen tun und einen "bespaßen". Neue Bekanntschaften stehen nicht einfach am nächsten Tag mit Blumen und Kuchen vor der Wohnungstür.

Tabea Waldmann Telefonseelsorgerin aus dem Vogtland

Mein Motto ist: "Wer was will, muss was tun." Also erstmal gilt es, etwas zu geben. Man sollte sich überlegen, ob ein Ehrenamt passt. Tierheime, Umweltschutz… oder die Seniorengruppe. Das Gute daran, man hilft damit gleichzeitig der Gesellschaft und macht andere Betroffene auch weniger einsam. Eine Win-Win-Situation sozusagen. Wer körperlich nicht mehr kann, für den ist ein Pflegeheim vielleicht doch eine Verbesserung.

Rufen die Menschen eher an, um Leid zu klagen oder wollen die auch aktiv dagegen werden?

Die Meisten möchten nur reden und Ballast loswerden. Sie schaffen es nicht, sich aufzuraffen.

Letzte Frage: Wie werden Sie nach einem Tag am Telefon mit diesem ganzen Leid fertig, wenn Sie nach Hause gehen?

In meiner Ausbildung habe ich natürlich gelernt, wie man abends damit abschließen kann. Ich schaffe das, indem ich mir sage: Letztendlich ist der Andere der Experte für sein eigenes Leben.

Trotzdem geht auch mir manchmal etwas nah. Den Anruf einer 16-Jährigen werde ich nie vergessen. Sie rief an und wollte sich unter den nächsten Zug werfen. Wir haben dann so lange geredet, dass sie ihn "verpasst" hat. Sie war dann auch bereit, Angehörige anzurufen und sich helfen zu lassen. Ich hoffe, dass es ihr heute gut geht.

Kontakt zur Telefonseelsorge Die Telefonseelsorge ist da für Menschen in Not - wenn Ereignisse erschüttern, eine schwere Diagnose verkraftet werden muss, Ängste oder psychische Belastungen einengen, die Lage aussichtslos erscheint.

0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222

Im Freistaat gibt es 370 Telefonseelsorger, 60 davon arbeiten im Vogtland.

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - "Fakt ist!" aus Dresden | 06.11.2020 | 22:10 Uhr

Mehr aus dem Vogtland und Greiz

Überschwemmungen eines Grundstücks 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einigen Teilen Ostthüringens haben starke Regenfälle für Überschwemmungen gesorgt. Die Feuerwehr musste zu mehreren Einsätzen im Saale-Orla-Kreis ausrücken. Straßen, Grundstücke und Keller sind überflutet worden.

12.05.2021 | 17:11 Uhr

Mi 12.05.2021 13:16Uhr 00:36 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/video-ueberschwemmung-feuerwehr-einsatz-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Sachsen