Corona 2.000er Inzidenz im Erzgebirgskreis: Zwischen Routine und Resignation

Der Erzgebirgskreis hat eine Sieben-Tage-Inzidenz von 2.022. Das ist die mit Abstand höchste in Deutschland. Es gelten drastische Einschränkungen. Wie gehen die Menschen mit der Situation um? Wir haben uns in Zschopau umgesehen.

Sonnabend, später Mittag: Der Parkplatz vor dem Einkaufszentrum nördlich von Zschopau ist etwa zur Hälfte gefüllt. Zwischen den Autos bewegen sich Kundinnen und Kunden mit gut gefüllten Einkaufswagen. Der erste Advent steht schließlich vor der Tür, so wie jedes Jahr. Man will sich etwas gönnen.

In diesem November allerdings hält der Erzgebirgskreis mit weit über 2.000 den unangefochtenen "Spitzenwert" bei der Sieben-Tage-Inzidenz. Trotzdem kann man mit dem 2G-Nachweis einkaufen. Gleich am Eingang des Einkaufszentrums wird mit einem Aufsteller darauf hingewiesen: Man soll den entsprechenden Nachweis bereithalten.

Ein Auto, dahinter der gefüllte Parkplatz eines Einkaufszentrums.
Normaler Betrieb an einem Sonnabend in einem Einkaufszentrum im Erzgebirgskreis. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Baumarkt, Tannenzweige und 2G

Mein erster Weg führt in den Baumarkt. Ein Security-Mitarbeiter am Eingang will meinen Nachweis sehen. Ich zücke das Handy, rufe die App auf und zeige ihm den entsprechenden QR-Code. Mehr ist nicht nötig und ich habe freie Fahrt mit meinem Einkaufswagen. Eine Frau hinter mir sagt, dass sie keinen solchen Nachweis habe. Freundlich weist der Sicherheitsmann sie darauf hin, dass er sie nicht einlassen darf. Enttäuscht dreht sie um.

Gedränge gibt es nicht zwischen den Regalfronten. Mitarbeiter mit Maske füllen die Fächer auf, auch die Kunden tragen Mund-Nasen-Schutz. Ich suche nach Tannenzweigen für Bekannte, die sich in Quarantäne befinden. Muss ein bisschen warten, weil ich nicht der Einzige bin, der Zweige kaufen will. Ich schaue mich etwas um. Die Kunden schlendern durch den Markt, einige suchen ganz zielgerichtet nach Weihnachtsbäumen, die hier ebenfalls verkauft werden. Ich habe das Gefühl, dass hier vorweihnachtliche Normalität herrscht. Mit meinen Zweigen im Wagen erreiche ich schließlich die Kasse und werde freundlich verabschiedet.

Ein Mann verlädt 2012 vor einem Baumarkt seinen Einkauf.
Das Einkaufen im Baumarkt ist nach der 2G-Kontrolle ohne Einschränkungen möglich. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Routine im Lebensmittelmarkt

Jetzt geht es zum gegenüberliegenden Lebensmittel-Discounter. Auch hier steht Security. Reflexartig zücke ich mein Handy. Der Mann winkt freundlich ab. Das sei schließlich ein Lebensmittelgeschäft, in dem ich keinen 2G-Nachweis bräuchte. Im Markt herrscht Gedränge, die Gänge lassen Mindestabstände von eineinhalb Metern oft gar nicht zu. Also warte ich auf eine Lücke am Kaffee-Regal. Auch in diesem Geschäft hier wird die Maskenpflicht mehr oder weniger eingehalten. Ich sehe mehrere Leute, die die Maske falsch tragen. Nur ein Kunde trägt mit großer Selbstverständlichkeit keine, ohne jedoch auf Widerspruch zu stoßen.

Kevin Krawietz, Tennisprofi, räumt in einem Lidl-Discounter Obst in ein Regal. Der French-Open Sieger hat durch die Turnier-Ausfälle wegen Corona in einem 450€‚¬ Job angefangen.
Im Lebensmittelmarkt geht man routiniert mit den jeweiligen Regelungen um. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Eine für alles - Verkäuferin muss kontrollieren

Der Eingang zu einem Textil-Discounter ist mit einem Aufsteller versperrt. Die Verkäuferin im Geschäft räumt Regale ein, kassiert und muss gleichzeitig die Nachweise der Kunden kontrollieren. Das funktioniert nur, wenn sie immer ein Auge auf den Eingang hat und sieht, wenn ein Kunde wartet. Manche Interessenten stoppen kurz und gehen dann weiter, ohne auf den Einlass zu warten. Ich brauche nichts, wäre aber vielleicht nur mal so durch das Geschäft geschlendert. Um der Verkäuferin den unnötigen Weg durch den großen Verkaufsraum zu ersparen, gehe ich lieber weiter.

Skepsis und Resignation

Draußen versuche ich, mit Kunden ins Gespräch zu kommen. Ich stoße auf Ablehnung. Öffentlich äußern will sich niemand zu den explodierenden Zahlen. Ich stoße auf Skepsis gegenüber den Corona-Schutzmaßnahmen, die "sowieso nichts bringen", wie ein Mann im Vorbeigehen sagt. Die Politik mache nur Versprechungen, meint ein junges Paar, die dann nicht eingehalten würden, zum Beispiel zu den Öffnungen der Weihnachtsmärkte. Und die Medien würden eine ebenso schlechte Rolle spielen, erfahre ich. Mein Einwand, dass ich die Meinung der Erzgebirger ja veröffentlichen will, verfängt nicht. Also packe ich schließlich meine Einkäufe ins Auto und fahre nach Hause. Im Gepäck habe ich das Gefühl, dass sich nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie Resignation breitmacht.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 28. November 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

NochJemand vor 7 Wochen

Es scheint, dass das Immer-Dagegen-Sein besonders im Erzgebirge als eine Art Heldentum aufgefasst wird: Die-da-oben sollen anordnen und bitten um was sie wollen, ich mach nicht mit. Wenn die-da-oben Mißstände oder Bedrohungen aufzeigen, glaube ich das grundsätzlich nicht. Ich glaube nur, was meine nächsten Freunde und meine Social-Media-Gruppen sagen. Der Rest ist mir auch egal.
Ich kenne diese Haltung sonst vor allem von 12- bis 16-Jährigen. Nur dass das dort durch sämtliche Altersstufen geht.
Vielleicht - ohne jetzt irgendwen angreifen zu wollen - hat sich da eine bestimmte Genetik fortgepflanzt in den abgelegenen Bergdörfern?

Matthi vor 7 Wochen

Ich habe den Artikel gelesen und habe zu dem Bereich:
Eine für alles - Verkäuferin muss kontrollieren
meine Meinung dazugeben.

Meine Frau arbeitet als ausgebildete Verkäuferin im Handel zum Glück ist das Geschäft wie Supermärkte Systemrelevant und sie braucht dadurch nicht zu kontrollieren. Ihr reicht es schon die Kundschaft auf die Maskenpflicht hinzuweisen bzw. Kundenanzahl die im Laden erlaubt sind, Anfeindungen und Hirnlose Diskussionen sind die Reaktion der Kundschaft. Wertschätzung Fehlanzeige obwohl die Verkäufer/in in ganz Deutschland die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Sie setzt sich jeden Tag dem Risiko aus mit Corona infiziert zu werden, die Arbeit ist auch über die Jahre immer mehr geworden und von einer Corona Prämie oder Lohnerhöhung wie es der Öffentliche Dienst jetzt wieder bekommt kann sie nur Träumen. Sie hofft das die neue Regierung Wort hält und der Mindestlohn auf 12 Euro steigt damit sie wenigstens einen kleinem Inflationsausgleich hat.

Anita L. vor 7 Wochen

"Die Politik mache nur Versprechungen, meint ein junges Paar, die dann nicht eingehalten würden, zum Beispiel zu den Öffnungen der Weihnachtsmärkte."

Der Besuch des Weihnachtsmarktes scheint eine Art Grundrecht darzustellen, auf das auch in Zeiten höchster Inzidenz und überlaufender Krankenhäuser um Himmels Willen nicht verzichtet werden kann.... Wirklich schlimm von den Politikern, ihr Versprechen einfach nicht zu halten.
Ob das junge Pärchen wohl auch über den Mann, der die Maskenpflicht im Discounter nicht einhält, enttäuscht ist? Oder über die Frau, die offenbar auf eine lasche Einhaltung der 2G-Kontrollen im Baumarkt spekulierte? Von den Menschen, die die Einfahrten zu erzgebirgischen Krankenhäusern mit "Impfpflicht=Pflegenotstand"-Plakaten blockieren und dabei nicht nur Abstandsregeln, sondern eine ganze Menge Anstandsregeln nicht einhalten, noch gar nicht gesprochen?
Aber nein, die Politiker sind wohl das lohnendere Ziel für die Enttäuschung.

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