Rechtsextremismus Ist Zwickau ein Zentrum der Rechtsextremen in Sachsen?

In Zwickau werden immer wieder Menschen von Rechtsextremen bedroht oder angegriffen. Während der Recherchen zu den Übergriffen, wird ein Team des Mitteldeutschen Rundfunks selbst Opfer eines Übergriffs durch Neonazis.

Zwei vermummte Männer greifen das Kamerateam des MDR in Zwickau an.
Zwei vermummte Männer aus der Gruppe der Demonstranten haben das Kamerateam des MDR in Zwickau angegriffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Hakenkreuz auf den privaten Briefkasten gesprüht, die Reifen des Autos zerstochen, die Scheiben seines Druckerladens eingeschmissen, das erlebt Tony Fischer nun seit über einem Jahr. Vergangenen April eröffnete Tony Fischer in Zwickau einen kleinen Laden, mit Siebdruckwerkstatt und Graffiti-Bedarf. Die zumeist jungen Kunden, die hier ein- und ausgehen, gehören eher einer linken oder alternativen Szene an.

In seiner Werkstatt werden gerade Skateboards mit Schriftzügen bedruckt, als es an der Eingangstür klopft. Der 30-Jährige wirkt unsicher. "Ich weiß gar nicht wer da kommt", sagt er. Vorsichtig schließt er die Tür auf, bereitet sich fast schon auf einen Angriff vor. Dabei steht vor der Tür nur ein unangemeldeter Kunde. Diese Vorsicht hat sich der junge Mann angewöhnen müssen, denn Angriffe von Rechtsextremisten sind für ihn Teil seines Alltags.

Briefkasten mit Nazisymbolen beklebt

Tony Fischer wird immer wieder von Neonazis bedroht.
Für Tony Fischer sind Bedrohungen von Rechtsextremisten Teil seines Alltags. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn du mit deiner Freundin eine Straße langläufst und dann kommt erst mal so ein Spruch: 'Scheiß Zecke', dann sei man das irgendwie gewöhnt", sagt der gebürtige Zwickauer. "Aber wenn kurz darauf dein Name gerufen wird, dich jemand anschreit 'Lauf um dein Leben' und du dann wenig später auch noch eine Droh-Mail bekommst, dann merkst du, da hat dich jemand echt auf dem Schirm."

Drei Mal wurden die Scheiben seines Ladens eingeworfen, sein Briefkasten immer wieder aufs Neue mit Nazisymbolen beklebt oder besprüht. Auch ein Graffiti mit dem Schriftzug "Tony F. Du Judensau" hat er dokumentiert. Dazu wird er in den sozialen Netzwerken bedroht. Immer wieder stellt Tony Fischer Anzeige gegen Unbekannt, doch bisher konnten keine Täter ermittelt werden.

Um in Ruhe gelassen zu werden, zieht er innerhalb Zwickaus mehrere Male um. Die Bedrohungen gehen trotzdem weiter. Vor einer seiner vorherigen Wohnungen hatten einschlägig bekannte Neonazis ein Video gedreht, während er noch dort lebte, sagt er gegenüber MDR exakt. Darin wird auch der der Jugendclub "Barrikade" genannt, in dem sich Fischer engagiert, und als "linksextremistische Brutstätte" bezeichnet. Tony Fischer glaubt, es seien auch solche Videos, die rechtsradikale Jugendliche zu Vandalismus und Angriffen antreiben würden.

Kontakte bis ins engste NSU-Umfeld

Sven Kujath und Torsten G. sprechen in einem Video über den Jugendclub.
Sie sind keine Unbekannten: Sven Kujath und Torsten G. (rechts) sprechen in einem Video über den Jugendclub "Barrikade". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die beiden Männer auf dem Video sind keine Unbekannten. Recherchen von MDR exakt zeigen, wie Torsten G. es 2016 auf die damalige Oberbürgermeisterin von Zwickau, Pia Findeiß, abgesehen hatte. Er und seine Mitstreiter störten etwa einen Stadtspaziergang durch massive Zwischenrufe: "Das ist nicht Ihre Stadt, Frau Findeiß!" und "Die Nummer ist vorbei, Frau Findeiß!" Nach MDR-Recherchen hat Torsten G. bis in die Zweitausender Jahre zur gewaltbereiten Neonazi-Szene gehört und war den Behörden als rechtsextremer Schläger bekannt. Seine Kontakte reichten offenbar bis ins engste NSU-Umfeld. Unter dem Spitznamen "Torte" fanden Ermittler seine Telefonnummer im Handy eines Angeklagten im NSU-Prozess.

Der andere Mann in dem Video, Sanny Kujath, gilt als Gründer der "Jungen Revolution". Diese fiel zuerst als YouTube-Kanal auf, in dessen Videos Kujath Interviews mit Größen aus der rechtsextremen Szene veröffentlichte: "Ein Medienprojekt von nationalen Jugendlichen für nationale Jugendliche", sagt er in einem dieser Videos.

Erwähnungen im Bericht des Verfassungsschutzes in Sachsen

Im aktuellen Jahresbericht des Sächsischen Verfassungsschutzes heißt es: "Zweck der Gruppierung ist die Vernetzung junger Menschen mit dem Ziel, diese für die rechtsextremistische Szene zu gewinnen und sie an deren Ideologie heranzuführen. […] Insbesondere der Hauptakteur der Gruppierung, Sanny Kujath, fungierte dabei als Bindeglied zwischen einer jungen, politisch noch nicht gefestigten Zielgruppe und der rechtsextremistischen Szene." Kujath hat Zwickau inzwischen verlassen. Mutmaßlich auch aufgrund der Beobachtung durch den Verfassungsschutz, gab die "Junge Revolution" ihre Auflösung bekannt.

Trotz der Auflösung sei die Mobilisierung der rechtsextremen Szene in Zwickau nach wie vor deutlich zu spüren, meint André Löscher von der Beratung für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt in Chemnitz. 86 Vorfälle hat Löscher seit Anfang des Jahres in der Statistik der Opferberatung erfasst – vom Hakenkreuz-Graffiti bis zum tätlichen Angriff mit Körperverletzung. „Zwickau ist mit Blick auf die Quantität der rechten Aktivitäten ein Schwerpunkt in Sachsen. Dadurch, dass wir den Blick auf ganz Sachsen haben, mit den verschiedenen Beratungsstellen und Austauschstudenten, lässt sich das klar sagen.“

Bedrohliche Versammlungen vor einer Galerie

Die Bedrohungslage bekommt nicht nur die Zwickauer Jugendszene zu spüren. Auch der Galerist Klaus Fischer, Vorsitzender des Vereins "Freunde aktueller Kunst" (nicht verwandt mit Tony Fischer), ist ins Visier der Neonazis geraten. In seiner Galerie hat er im Lauf der Jahre wiederholt den NSU in Ausstellungen thematisiert oder ausländische Künstler eingeladen, geriet so in den Fokus der rechten Szene, erzählt Klaus Fischer gegenüber MDR exakt. Seit Wochen formieren sich nun wiederholt Versammlungen vor seiner Galerie und das zumeist pünktlich zu Ausstellungseröffnungen. Anfang September eskalierte die Situation. Eine Gruppe von 20 Leuten versammelte sich, mit dabei laut Klaus Fischer: Neonazis und Querdenker. Ein Transparent trug den Schriftzug "Volksstimme Bürgerbündnis Zwickau". Mit Trommel und Protestrufen störten sie die Ausstellungseröffnung und schüchterten die Gäste ein. Für Fischer eine gezielte Provokation.

Als die Polizei eintrifft, stellen Teilnehmer der Versammlung Anzeige gegen Klaus Fischer – wegen Beleidigung und Körperverletzung. Für Fischer völlig unbegründet. Dennoch: Auf einmal ist er der Beschuldigte. Und die Provokationen reißen nicht ab. Bei der nächsten Ausstellungseröffnung Anfang Oktober erhält er erneut Besuch.

MDR exakt recherchiert zu den Vorfällen und findet auf einschlägigen Internetseiten Videos, die vor der Galerie des Vereins "Freunde aktueller Kunst" gedreht wurden. Darauf ist auch Torsten G. zu sehen. Im Dialog mit seinem Gesprächspartner heißt es in ironischem Ton: "Nazis können auch Kunstverständnis haben." Torsten G. antwortet schmunzelnd: "Da bewegst Du Dich aber auf sehr dünnem Eis."

Auch der rechtsextreme Blogger Nikolai Nerling hat ein Video ins Internet gestellt, das ihn vor der Kunstausstellung zeigt. Nerling bezeichnet sich selbst als "der Volkslehrer". In Berlin arbeitete er bis 2018 als Grundschullehrer, bis ihm aufgrund seines rechtsextremen Videoblogs, in dem er antisemitische und verschwörungsideologische Positionen veröffentlichte, fristlos gekündigt wurde. Aktuell fällt Nerling dadurch auf, dass er auf seiner Internetseite die Unschuld von Beate Zschäpe proklamiert. Videoaufnahmen zeigen ihn in Zwickau, auch zusammen mit Torsten G.. Dieser sagt, einen NSU habe es nie gegeben.

Wie sehr sich die rechtsextreme Szene in Zwickau mit Verschwörungstheoretikern und Querdenkern vernetzt hat und wie gewaltbereit einzelne Akteure sind, zeigt der Corona-Spaziergang am vergangenen Montag. Die "Freien Sachsen" und die "Volksstimme Bürgerbündnis Zwickau" hatten in den sozialen Netzwerken zum Spaziergang gegen die Corona-Beschränkungen aufgerufen. Die Freien Sachsen, eine von Neonazis gegründete Partei, wird inzwischen vom Verfassungsschutz beobachtet. Aufgerufen hatte auch die "Deutsche Jugend Zwickau", eine Gruppierung, die aus der "Jungen Revolution" hervorgegangen sein soll.

Unter den Demonstranten ist auch Torsten G. – auf die Frage des MDR-Reporters: "Wieso ist das denn so, dass Sie immer wieder beim Kunstverein auftauchen?", antwortet er: "Ich habe doch gesagt, ich rede nur mit seriösen Journalisten. Einfach verpissen würde ich sagen, ne?" Die Nachfrage, warum er die NSU-Täterschaft negiere, beantwortet er nicht.

Stattdessen wird er von vermummten Jugendlichen und jungen Männern abgeschirmt. Das MDR-Team wird bedroht und verbal attackiert. "Mach die Kamera jetzt aus. Fotze!" Einer der vermummten Männer bewaffnet sich mit Quarzhandschuhen, deren Tragen auf Versammlungen strafbar ist. Die Gruppe skandiert Sprechchöre: "Frei, sozial und national." oder "Bambule, Randale, Rechtsradikale."

Zwei Vermummte greifen MDR-Team an

Trotz der Präsens der vom MDR-Reporter gerufenen Polizei, kommt es wenig später zu einem Angriff auf das Kamerateam. Auf dem Hauptmarkt lösen sich zwei Vermummte aus der Gruppe und laufen direkt auf das MDR-Team zu, greifen in die Kamera und attackieren den Reporter. Als die Polizei eingreift, kommen weitere Angreifer dazu. Erst der Einsatz des Schlagstockes durch die Polizei führt zu einem Rückzug der Gruppe. Durch den Angriff zieht sich der Reporter eine Prellung der Hand zu. Es werden Anzeigen wegen Körperverletzung, Nötigung und wegen der Bewaffnung mit Quarzhandschuhen gestellt.

Die Oberbürgermeisterin von Zwickau, Constance Arndt (Bürger für Zwickau), zeigt sich von den Geschehnissen betroffen. Solche Angriffe seien "für die Betroffenen, für den Einzelnen prekäre, problematische und schwierige Situation, die jeder von uns auch nicht möchte", so Arndt. Doch sie betont auch, dass solche Vorfälle nicht dem kompletten Bild der Stadt entsprechen. "Und ich kann auch verstehen, dass Zwickauer sich im Allgemeinen so nicht wiederfinden wollen. Man schert damit eben alle über einen Kamm."

Zurück zu Tony Fischer. Eins ist ihm besonders wichtig: Zwickau gehöre nicht den Rechten, sagt er. Die Stadt sei bunt, lebendig und vielfältig. Den rechtsextremistischen Strukturen ein attraktives kulturelles Angebot entgegenzusetzen, sei das Beste was man mache könne, sagt Fischer und lacht.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 10. November 2021 | 20:15 Uhr

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