Urlaub zu Hause Zeitreise pur - das Historische Dorf in Zwickau

In den Sommerferien hatten wir das Historische Dorf in Zwickau besucht. Und wir haben uns gedacht: Was im Sommer einen Ausflug wert war, kann auch in den Herbstferien ein lohnenswertes Ausflugsziel sein. Deshalb lesen Sie hier noch einmal unsere Reportage und lassen Sie sich zu einem Ausflug inspirieren.

Ein Holzunterstand ist beschriftet mit "Historisches Dorf". Dahinter ist eine Rasenfläche, die von weiteren Holzgebäuden begrenzt ist. Daneben ist ein Logo mit einem Fernglas und der Aufschrift: "Wissen & Entdecken".
Durch die historische Tor-Turmanlage betritt man das Dorf. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

Leben ohne Smartphone – für manche undenkbar, aber es kommt noch schlimmer: kein Strom, kein WC, keine Urlaubsreisen in den Süden. Das klingt abschreckend? Sollte es nicht. Denn in der Zeit, in der es das alles nicht gab, verfügten die Menschen dafür über besondere Fähigkeiten und Wissen, das heutzutage fast schon Seltenheitswert hat. Woher ich das weiß? Weil ich im Historischen Dorf in Zwickau war. Doch der Reihe nach.

Das Dorf ist eigentlich bis 11. August noch im Urlaubsmodus, doch ich darf vorab schon mal vorbeischauen. An meinem Besuchstag startet von hier eine Kräuterwanderung – nur einer der vielen regelmäßigen Workshops.

Sachsen

Ein Holzunterstand ist beschriftet mit "Historisches Dorf". Dahinter ist eine Rasenfläche, die von weiteren Holzgebäuden begrenzt ist. 2 min
Bildrechte: Nora Kilényi

In Zwickau lässt sich erleben, wie es zur Zeit der Stadtgründung an der Zwickauer Mulde einst ausgesehen haben könnte. Besucher können im „Historischen Dorf – territorium Zcwickaw" viel selbst ausprobieren.

Mo 16.08.2021 12:04Uhr 02:22 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/chemnitz/zwickau/video-historisches-dorf-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Ich fahre von Chemnitz aus mit dem Auto an. Kurz nachdem die Einfahrtsschneise B93 die Zwickauer Mulde passiert, leitet mich mein Navi über den Krebsgraben vorbei an einem großen Einkaufszentrum mit Möbelhäusern, Tiermarkt, Autohaus und Fitnessstudio. Kaum zu glauben, dass ich gleich um Jahrhunderte zurückgeworfen werde. Das erste Anzeichen dafür, dass die Zivilisation, so wie ich sie kenne, hier endet, erahne ich an dem Hinweisschild "Eingeschränkter Winterdienst". Plötzlich fahre ich auf einen blickdichten Holzlattenzaun zu, dessen Tür aussieht wie ein Hintereingang. Ob die Erbauer damals auch schon auf einen zweiten Fluchtweg achten mussten? Egal, Alina vom Historischen Dorf öffnet den Zaun und mit etwas schlechtem Gewissen schleppe ich meine ganze moderne Aufnahmetechnik samt Fotoapparat ins Innere des Dorfes.

Zurück in die Vergangenheit

Grob gesagt besteht das Dorf aus einem zentralen Rasenplatz, überdachten Handwerkerständen und einem Ofen, einem Haupthaus für Veranstaltungen, einer niedlichen Openair-Bühne und natürlich der historischen Tor-Turmanlage. Nicht zu verwechseln mit Tortur-Anlage, die steht auf dem Rasen in Form eines historischen Fesselstocks mit Löchern für Arme und Kopf. Um diese - in Gänze aus Lehm und Holz hergestellten - Gebäude und Einrichtungselemente verläuft eine schützende Palisadenbefestigung – und fertig ist das Dorf. Es ist wesentlich kleiner als das von Asterix dem Gallier, hat aber mindestens genauso viel Charme.  

Ein mittelalterlicher Fesselstock für Arme und Kopf.
Ein historischer Fesselstock Bildrechte: Nora Kilényi

Das Historische Dorf wurde von 2015 ab aufgebaut, mit dem Ziel, zur 900 Jahr Feier von Zwickau im Jahr 2018 zu veranschaulichen, wie es zur Zeit der Stadtgründung an der Zwickauer Mulde einst ausgesehen haben könnte. Was mir ein wenig das Gefühl von Authentizität nimmt, sind die Plasteeimer und Gießkannen, die vereinzelt rumstehen und die Stromleitungen und LED-Lampen, die hin und wieder rumhängen. Aber ich will auch nicht päpstlicher sein als der Papst, ein paar Kompromisse sind wohl unausweichlich.

Ein rotbraunes Huhn schaut in die Kamera.
Zwei Hühner und ein Hahn leben hier. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

Zum Dorf gehören Tiere

Alina lässt das Federvieh aus dem Stall. Ein Hahn, der mich ankräht – um 10:15 Uhr! – und seine zwei Mädels scharren und kratzen auf der Erde rum und picken sich die ausgegrabenen Leckerlis auf. In einem kleinen Stall quietschen zwei Meerschweinchen. Und im Teich lebt die Schildkröte Penelope. Okay, Schildkröten wurden Anfang des 12. Jahrhunderts vermutlich nicht in Teichen gehalten, aber Penelope war von irgendwem ausgesetzt worden. Das Team vom Historischen Dorf hat sie kurzerhand adoptiert. Und nun gehört sie zu einer der Attraktionen für die Kinder.

Kräuterwanderung und andere Workshops

Heute sind auch Kinder da, hauptsächlich aber Erwachsene. Sie folgen vom Dorf aus einer hauptberuflichen "Kräuterhexe" zu einem zweistündigen Spaziergang, um etwas zu lernen über die ganzen Pflanzen am Wegesrand, an denen man sonst eher achtlos vorbeiläuft.

Ein mit Lehm und Lehmziegeln gebauter Ofen mit halbrunden Einschüben oben und unten.
Hier werden oft leckere Pizzen oder Flammkuchen gebacken. Bildrechte: Nora Kilényi

Die Palette an Workshops ist groß – das zeigt ein Blick ins Jahresprogramm: Schmieden, Filzen, Nähen, Kochen, Seife sieden, Leder punzieren, Mauern und Putzen mit Lehm, Papier schöpfen, Brot backen und vieles mehr. Außerdem gibt es Ende August ein Survival-Training, in dem die Teilnehmer lernen, ohne Hilfsmittel in der Natur auszukommen. Die Workshops werden oft von Schulklassen und Hortgruppen gebucht, können aber auch von anderen Gruppen genutzt werden.

Mit Holzdächern geschützte Arbeitsbereiche mit Werkstatt, Tischen und Bänken. Rechts ist ein Lehmofen zu sehen.
Unter der Überdachung sind Handwerkerstände und Werkstattbereiche für die Workshops eingerichtet worden. Bildrechte: Nora Kilényi

Geeignet für Familienausflug

Auch für Familien, die sich spontan entscheiden, lohnt sich der Ausflug. Zu den Öffnungszeiten sind immer zwei Mitarbeiter da und führen durch das Dorf. Auch kleinere Bastelaktionen sind immer möglich.

Fazit

Die Familien sind wegen der Ferienschließzeit gerade nicht da, aber ich kann mir inzwischen gut vorstellen, dass das Historische Dorf ein lohnenswertes Ausflugsziel ist. Zu sehen, wie unsere Altvorderen vor hunderten Jahren klarkommen mussten, ringt mir ehrlich Ehrfurcht ab. Und fast bin ich ein wenig neidisch, weil die Menschen sich selbst versorgen konnten, ganz ohne Möbelhäuser, Tiermarkt, Autohaus und Fitnessstudio. Andererseits wurden sie damals bei weitem nicht so alt wie heute, es gab keine Krankenhäuser… ach, ich seh' schon, es wird sicher noch genug Gesprächsstoff für den Heimweg geben…

Zeitreise pur Das Historische Dorf in Zwickau

Ein Holzunterstand ist beschriftet mit "Historisches Dorf". Dahinter ist eine Rasenfläche, die von weiteren Holzgebäuden begrenzt ist.
Das ist zu sehen, wenn man das Dorf zum Hintereingang betritt. LED-Lampen und Fahrräder stammen offensichtlich nicht aus der Zeit vor 900 Jahren. Bildrechte: Nora Kilényi
Ein Holzunterstand ist beschriftet mit "Historisches Dorf". Dahinter ist eine Rasenfläche, die von weiteren Holzgebäuden begrenzt ist.
Das ist zu sehen, wenn man das Dorf zum Hintereingang betritt. LED-Lampen und Fahrräder stammen offensichtlich nicht aus der Zeit vor 900 Jahren. Bildrechte: Nora Kilényi
Ein kleiner Rasenplatz, der von Lehm-Holz-Hütten, einem Holztor und einer Bühne begrenzt ist.
Von links nach rechts: Haupthaus für Veranstaltungen, Openair-Bühne, historische Tor-Turmanlage. Bildrechte: Nora Kilényi
Mit Holzdächern geschützte Arbeitsbereiche mit Werkstatt, Tischen und Bänken. Rechts ist ein Lehmofen zu sehen.
Der Bereich für Handwerkerstände und Werkstätten ist überdacht. Bildrechte: Nora Kilényi
Ein mit Lehm und Lehmziegeln gebauter Ofen mit halbrunden Einschüben oben und unten.
Hier gibt es einen Ofen, in dem regelmäßig Pizzen und Flammkuchen gebacken werden. Bildrechte: Nora Kilényi
Ein Regal mit selbst gefertigten Lehmziegeln.
Sogar die Ziegel werden hier selbst hergestellt. Bildrechte: Nora Kilényi
Eine historische schön verzierte eiserne Wasserpumpe.
Wasser gibt es im Historischen Dorf stilecht aus der Pumpe. Bildrechte: Nora Kilényi
An einer Lehmhauswand hängen und lehnen alte Pferdearbeitsgeschirre.
Manches scheint hier nur zur Dekoration angebracht zu sein... Bildrechte: Nora Kilényi
An einer Holzdecke hängt ein Schädel, vermutlich von einem Rind.
... wie dieser Schädel ... Bildrechte: Nora Kilényi
Ein mittelalterlicher Fesselstock für Arme und Kopf.
... udn hoffentlich auch dieser historische Fesselstock. Bildrechte: Nora Kilényi
Eine überdachte Holzbühne mit großen bunten Sitzgelegenheiten aus Palettenholz.
Die Bühne wird bei Festen gern genutzt. Bildrechte: Nora Kilényi
Ein rotbraunes Huhn schaut in die Kamera.
Für Kinder sind natürlich die Tiere erster Anlaufpunkt im Historischen Dorf. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi
Eine Seerose mit dunkellila-roten Blütenblättern und gelber Krone.
Der Teich wurde eigens für die Schildkröte Penelope gebaut. Bildrechte: Nora Kilényi
Ausschnitt von einer Wildblumenwiese mit einem weißen Schmetterling.
Hinter dem Haupthaus wurde eine Blühwiese angelegt. Bildrechte: Nora Kilényi
Pflanzen in einem Topf, dahinter die Dorfanlage mit Rasenplatz in der Mitte.
Das Historische Dorf ist im Sommer in der Regel an drei Nachmittagen pro Woche geöffnet. Bildrechte: Nora Kilényi
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Anreise

  • Aus Chemnitz am schnellsten über die A72, Abfahrt Zwickau-Ost, dann weiter Richtung Zwickau und nach der Zwickauer Mulde vor dem Abwasserpumpwerk Krebsgraben rechts einbiegen. Achtung, die Parkplätze in der Nähe sind eigentlich Kundenparkplätze der angrenzenden Geschäfte, aber vielleicht lässt sich der Ausflug ja mit einem Einkauf verbinden.
  • Alternativ kann bei Pkw-Anreise auch die Ausfahrt der A4 Hohenstein-Ernstthal genutzt werden, dann über die S255 und die B173 und in der Nähe des Pumpwerks Silberhof in Zwickau auf die B93 fahren. Von dort geht’s dann in den Krebsgraben.
  • Mit der Bahn aus Chemnitz: RE3 oder RB30 bis Zwickau Hauptbahnhof, dann Umsteigen in die RB95 Richtung Schwarzenberg und noch eine Haltestelle bis Zwickau-Schedewitz. Von dort aus sind es noch etwa 15 Minuten zu Fuß.

Geeignet für

  • Familien, auch mit kleineren Kindern
  • Großeltern-Enkel-Ausflüge
  • Gruppen, Schulklassen und Hortgruppen (jeweils mit Voranmeldung)

Daran sollte man denken

  • Wo gehobelt wird, fallen Späne, also besser nicht im feinsten Zwirn ins Historische Dorf gehen.

Verpflegung

  • Mitbringen, es sei denn man besucht einen Workshop, der mit Essen zu tun hat.

Wenn man mal muss

  • Einen Donnerbalken sucht man hier vergebens, man muss schon mit dem Luxus einer neumodischen Dixitoilette vorliebnehmen.

Tipp

  • Öffnungszeiten und Wetterbericht beachten. Das Dorf ist in der Regel Mittwoch bis Freitag geöffnet und zweimal im Monat auch Samstag, jeweils nachmittags. Bei sehr schlechtem Wetter bleibt es geschlossen.

Wenn man schon mal da ist

  • … lohnt sich ein Abstecher ins Zwickau der heutigen Zeit, zum Beispiel ins August-Horch-Museum.

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