Geschichte Matthias Langer und seine Flucht aus der DDR

Am 6. August 1972 flieht der damals 21-jährige Chemnitzer Student Matthias Langer aus der DDR. Gemeinsam mit seiner Verlobten und einer Freundin machen sie sich von Karl-Marx-Stadt aus auf den Weg. Langer sieht sich Repressionen ausgesetzt, die er nicht länger ertragen will. Am Donnerstagabend erzählt er im Martin-Luther-King-Zentrum Werdau über seine Flucht aus der DDR und seinen Neustart. MDR SACHSEN hat vorab mit ihm gesprochen.

Matthias Langer
Matthias Langer flüchtete 1972 aus der DDR. Heute lebt er in Bayern nahe der tschechischen Grenze. Bildrechte: Matthias Langer

"Ich war sehr in der evangelischen Gemeinde in Chemnitz engagiert", erzählt Matthias Langer. Da er statt Jugendweihe Konfirmation feierte, stand er bereits früh im Fokus. Während seines Studiums der Fertigungstechnik wurde zwei Mal ein Exmatrikulationsverfahren gegen ihn eingeleitet. "Wie ich später aus meinen Stasi-Unterlagen erfahren habe, war es eine organisierte Aktion, um mich aus dem Studium zu wippen", so Langer. Sein gewählter Berufsweg war ihm nun in seinem Heimatland versperrt.

Kleiner Kreis von Eingeweihten

"Ab März 1972 führte ich eine Art Doppelleben", erzählt er über die Zeit, in der er seine Flucht aus dem Land plante. Eingeweiht waren am Anfang nur seine Verlobte und eine gemeinsame Freundin, die ihn beide auf der Flucht begleiteten. Seine Eltern weihte er erst kurz vor dem Abreisetermin ein. "Es war eine Kunst nicht vorher aufzufliegen", so Langer.

Die Flucht war eine große Belastung für mich. Ich hatte die Verantwortung, die Frauen sind mir ja nur gefolgt.

Matthias Langer DDR-Flüchtling

Getarnt als Motorradfahrer täuscht Langer eine Urlaubsreise mit zwei Freunden vor. Die Frauen reisen getrennt nach Budapest. "Da musste ich dann meine Freunde loswerden und habe deshalb einen Streit provoziert", erzählt er. Erst im Nachhinein wird ihm bewusst, wie dicht die Stasi bereits an ihm dran war. "Einer meiner Freunde wurde von ihnen erpresst", sagt Langer.

Er reist allein weiter nach Rumänien, während die Frauen den Zug nehmen. Von dort geht es gemeinsam weiter. Illegal durch Jugoslawien bis zur Botschaft in Zagreb, wo die Flüchtlinge ihre Ersatzpapiere erhalten. Über Österreich geht es nach Süddeutschland. Erst Monate nach seiner Flucht, im November 1972, erhält Langer seinen Ausweis aus politischer Flüchtling. Gemeinsam mit seiner Verlobten lässt er sich in Aachen nieder, wo beide ein Studium aufnehmen.

Aufklärung gegen das Vergessen

Heute lebt der Ingenieur in Bayern, nahe der tschechischen Grenze. "Grenzen haben mich immer magisch angezogen", erzählt er. Seine Geschichte hat er erst einige Male vor Schulklassen erzählt. "Ich habe gemerkt, dass ein unglaubliches Vergessen eingesetzt hat", sagt Langer. "Ich möchte, dass unsere Demokratie geschätzt wird." Am Beispiel der DDR wolle er zeigen, wie stark der Staat in persönliche Lebenswege eingegriffen habe, wenn Leute eine andere Meinung hatten.

"Die 24-Stunden-Flucht des Studenten Matthias Langer aus der DDR" Vortrag und Diskussion mit Matthias Langer

Donnerstag, den 03.09.2020 um 18.00 Uhr im Martin-Luther-King-Zentrum Werdau

Quelle: MDR/al

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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 05.09.2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Hans Frieder leistner vor 31 Wochen

Das ist ja kein Einzelfall. Mir wurde 1952 schon ein Studium verweigert und meinen beiden jüngeren Geschwistern sogar der Besuch der Oberschule. Ich konnte 1952 noch über Berlin in die Bundesrepublik ausreisen. Allerdings eine akademische Ausbildung war finanziell nicht mehr möglich.

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