Hilfsteam aus Werdau Einsatz im Hochwassergebiet: "Dafür ist kein Mensch gemacht"

In den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wird immer noch jede helfende Hand gebraucht. Bis Donnerstagabend waren auch drei Mitstreiter der DRK-Wasserwacht der Koberbach-Talsperre Langenhessen in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten rund um den Nürburgring, unter ihnen auch der 38 Jahre alte André Kleber. Die Aufgabe des Teams: psychosoziale Notfallversorgung von Betroffenen, aber auch von Einsatzkräften.

Fluthelfer Werdau
Julius Schmidt, André Kleber und Philipp Buchta (von links) waren vier Tage im Hochwassergebiet nahe des Nürburgrings in der psychosozialen Notfallversorgung im Einsatz. Bildrechte: MDR/André Kleber

Die psychosoziale Notfallversorgung ist ein wichtiger Baustein bei der Hilfe in den von Hochwasser betroffenen Gebieten. André Kleber aus Werdau war mit seinem Team ehrenamtlich vier Tage nahezu rund um die Uhr vom Nürburgring aus im Einsatz. Kleber kennt sich mit Naturkatastrophen aus, war bereits beim Hochwasser 2013 in Sachsen oder auch in Haiti im Einsatz.

"Ich kann ungefähr einschätzen, was Katastrophe bedeutet", sagt er. "Und dort unten ist etwas passiert, das kann man mit Worten kaum beschreiben." Bei der Fahrt in die Einsatzgebiete kam er durch völlig intakte Landschaften und Ortschaften. "Und dann fährst du durch einen Tunnel oder in eine andere Schlucht hinein und plötzlich ist vor dir eine Schneise, mehrere hundert Meter breit, wo quasi nichts mehr steht." Eingestürzte Häuser, Schuttberge und Gestank, versucht Kleber das Ausmaß der Zerstörung zu beschreiben.

Fluthelfer Werdau
Auch Kreuzberg, ein Stadtteil von Altenahr, gehörte zum Einsatzgebiet von André Kleber und seinem Team. Bildrechte: MDR/André Kleber

Das Erfreuliche sei gewesen, dass unzählige Rettungskräfte, Helfer und Bauunternehmen, die anpacken, zu sehen waren. "Am Anfang stehen alle unter Schock, versuchen zu arbeiten, tun und machen", sagt Kleber. "Und wenn man dann etwas zur Ruhe kommt, wird einem erstmal klar, was da passiert ist." Viele ständen vor den Trümmern ihrer Existenz oder hätten Dinge beim Retten und Helfen erlebt, die im normalen Leben nichts zu suchen haben.

Fluthelfer Werdau
Am Nürburgring fand jeden Morgen eine Besprechung der Einsatzleiter statt, um die mehreren Tausend Einsatzkräfte zu koordinieren. Bildrechte: MDR/André Kleber

Kleber hat viele persönliche Geschichten gehört. Über Kinder, die andere Kinder in den Trümmern finden, über Verwandte, über die persönlichen Erinnerungen an die Landschaft vor der Katastrophe. "Wir haben dort auch Bauarbeiter betreut, die erstmal weitergearbeitet haben", erzählt er. "Sie wollten eine Brücke freiräumen und dann sind plötzlich unter dem Schutt Leichen." Um solche Dinge zu verarbeiten, brauche der Geist viel Zeit.

Dafür ist kein Mensch gemacht. Wir haben alle Gefühle, wir sehen Dinge, und es hat jeder seine Art, damit umzugehen. Der Einsatz der psychosozialen Notfallversorgung, den wir dort hatten, dient eben der psychischen Gesundheit, also zu sagen: Leute, das erlebt man nicht alle Tagen, wir müssen uns die Zeit nehmen, darüber zu reden.

André Kleber

So ein Einsatz geht natürlich auch an einen psychologisch geschulten und erfahrenen Helfer wie André Kleber nicht spurlos vorbei. Auch er muss Geschehenes und Gesehenes verarbeiten. "Als ich das erste Mal aus dem Schadensgebiet rausgekommen bin und wieder Handy-Empfang hatte, da habe ich meine Familie angerufen und habe meiner Frau und meiner Tochter erzählt: Ich weiß jetzt, warum ich hier bin", sagt er.

Fluthelfer Werdau
Ständig waren Hubschrauber über dem Hochwassergebiet unterwegs, um Hilfsgüter in die zerstörten Gebiete zu transportieren. Bildrechte: MDR/André Kleber

"Es gibt aber auch viele schöne Begegnungen, denn die Leute sind natürlich dankbar", so Kleber. "Tatsächlich nehmen sich die Leute auch die Zeit und sind heidenfroh, dass sie mal jemanden zum Reden haben." Besonders beeindruckt zeigt sich Kleber vom Zusammenhalt vor Ort. Jeder helfe jedem, man baue sich gegenseitig auf, mache sich Mut.

Quelle: MDR/ml/al

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Chemnitz | 23. Juli 2021 | 14:30 Uhr

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