Sachsen Krankenkasse gegen Pflegerin?

Eine examinierte Krankenschwester hat sich als Einzelpflegekraft selbstständig gemacht. Zu groß war der Frust auf der Intensivstation. Doch seitdem muss sie immer wieder um die Abrechnungen ihrer Leistungen mit den Kassen kämpfen – wie auch viele andere. Das könnte dafür sorgen, dass die Zwickauerin gar nicht mehr in einer Klinik oder in der Pflege arbeiten wird.

Eine Frau schaut in die Kamera
Doreen Tautenhahn hatte genug von der Arbeit als angestellte Krankenschwester auf der Intensivstation und hat sich vor zwei Jahren als Pflegerin selbstständig gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn sich die Kassen weiter so sperren, "dann gehe ich in einen anderen Beruf", sagt Doreen Tautenhahn. Die ausgebildete Krankenschwester wechselte vor zwei Jahren in die Pflege – und hat sich dort als Einzelpflegekraft selbstständig gemacht. Doch seitdem muss sie mit den Kassen immer wieder darum kämpfen, Leistungen abzurechnen.

"Jetzt geht es um ungefähr 8.300 Euro", sagt Aline Hermann. Deren Großmutter hatte Doreen Tautenhahn nach einem Schlaganfall monatelang gepflegt. Es sei bitter, dass man um jeden Cent betteln müsse, obwohl die Oma zuvor fast nie krank gewesen sei. "Das hat keiner verdient, der jahrelang in so eine Versicherung eingezahlt hat", sagt Aline Herrmann.

Es hat allein vier Monate gedauert, bis mit der "Knappschaft" überhaupt ein Vertrag zustande gekommen ist. Die Möglichkeit, als Einzelpflegekraft Verträge mit den Krankenkassen abzuschließen, gibt es seit 2008. Trotzdem ist dies immer noch die Ausnahme. "Pflegedienste sind, wenn sie einmal die Zulassung bekommen haben, in den Systemen von den Pflege- und Krankenkassen hinterlegt", erklärt Doreen Tautenhahn.

Familien müssen Pflege vorfinanzieren

Das ist bei Einzelpflegekräften nicht der Fall. "Ich muss also mit jedem Versicherten immer wieder eine Anmeldung bei den Kassen machen", sagt die Pflegerin aus Zwickau. Diese Prozedur dauere etwa sechs bis acht Wochen – wenn es gut laufe. Doch dies ist ein schwebendes Verfahren. "Da ich dann schon arbeite und versorge, muss ich mir dieses Geld von den Familien vorfinanzieren lassen."

Eine Frau schaut in die Kamera
Aline Herrmann streitet mit der Krankenkasse um die Übernahme der Kosten für die Pflege ihrer Großmutter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dazu kommen im Fall von Familie Hermann noch Streitigkeiten mit der Knappschaft darüber, welche Leistungen Doreen Tautenhahn überhaupt abrechnen darf. So ist etwa die Verabreichung der Medikamente nicht bewilligt worden. Dies geschehe laut Kasse, weil "..die Versorgung durch eine Einzelpflegekraft im Rahmen der häuslichen Krankenpflege nach dem Sozialgesetzbuch V gesetzlich nicht vorgesehen ist." Dies würde bedeuten, dass Einzelpflegekräfte jenseits einer Grundpflege und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten nicht mit den Kassen abrechnen dürften.

Was dürfen selbstständige Pflegekräfte abrechnen?

"Diese Begründung ist schlicht und ergreifend falsch", sagt der Professor für Pflegewissenschaften an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, Andreas Teubner. "Im Paragraphen 37 I SGB V stehe ganz deutlich drin: 'Durch geeignete Pflegekräfte'. Und eine Krankenschwester – erst recht mit einer ITS-Erfahrung. Wenn die nicht geeignet ist, dann weiß ich nicht, wer sonst noch geeignet ist."

Eine Stellungnahme gibt die Knappschaft mit Hinweis auf ein laufendes Verfahren  nicht. Einen Monat vor dem Tod der Oma wurde zwar die Grundpflege bewilligt – doch das gelte nicht rückwirkend. Familie Hermann versucht nun über einen Anwalt, die vorgestreckten 8300 Euro zurückzubekommen.

90 Prozent der Anträge abgelehnt

Dass Einzelpflegekräfte und deren Kunden mit bestimmten Krankenkassen solche Probleme haben, liegt laut Professor Teubner auch am höheren Verwaltungsaufwand: "Die Einzelpflegekräfte können nicht so viele Pflegebedürftige versorgen und damit machen sie natürlich pro Anzahl der versorgten Pflegebedürftigen mehr Aufwand."

Doreen Tautenhahn lässt ihre Anmeldungen und Abrechnungen von der Firma Curassist regeln, die eine Plattform für mehr als 1400 Einzelpflegekräfte ist. Geschäftsführer Thomas Müller berichtet, dass 90 Prozent der Anträge erst einmal abgelehnt würden. Er fordert ein übergeordnetes Gremium, das Einzelpflegekräfte genehmigt und eine Datenbank, auf die die Kassen zugreifen können. Das wäre ein wichtiger Baustein, um dem Pflegenotstand entgegen zu wirken.

"Wenn wir verschiedene Regionen in Deutschland sehen, die schlecht besiedelt sind. Dort findet man keinen Pflegedienst mehr", sagt Müller. Denn es gebe dort nicht mehr ausreichend Pflegekräfte, um einen solchen Dienst zu gründen. "Da wäre es ganz, ganz wichtig, wenn da einzelne Pflegekräfte diesen Pflegenotstand kompensieren könnten."

Notstand in der Pflege kompensieren

Noch hat es Doreen Tautenhahn nicht bereut, in die Pflege gewechselt zu sein. Sie war vom Klinikalltag auf einer Intensivstation gefrustet und hat sich selbstständig gemacht. Der große Unterschied sei die Selbstbestimmtheit. Sie könne selbst entscheiden, wie viel Zeit sie sich nimmt.

Es steht keiner hinter mir, der sagt, du hast nur fünf Minuten für die und die Tätigkeit.

Doreen Tautenhahn Einzelpflegekraft

Sie könne viel individueller auf die Wünsche eingehen – auch wenn mal etwas nicht im Protokoll vorgesehen sei. Doch auch diese Bereitschaft hat Grenzen. Wenn sich der Kampf mit den Kassen so weiter ziehe, dann "werde ich dieser Gesellschaft als Krankenschwester nicht mehr zur Verfügung stehen". In ein Angestelltenverhältnis will Doreen Tautenhahn nicht mehr. "Ich weiß, was da los ist. Dann gehe ich in einen anderen Beruf und nicht mehr in die Pflege."

Quelle: MDR exakt/ mpö

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 17.03.2021 | 20:15 Uhr

4 Kommentare

Klaus Finken vor 43 Wochen

Wer die Situation mit Pflegediensten selbst in den Ballungszentren kennt und auch schon einen Pflegedienst benötigt bzw. versucht hat einen zu bekommen, kann die Vorgehensweise der Knappschaft nicht verstehen!
Es handelt sich durch die Kassen um eine Dienstleistung mit den Beiträgen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung der arbeitenden Menschen. Dafür wird den Kassen ein Teil der Beiträge zur Deckung der eigenen Kosten zur Verfügung gestellt. Die Gehälter der Angestellten der Kassen sind außerordentlich im Vergleich zu anderen Dienstleistern. Das muss jetzt schon auf den Prüfstand wenn die Bearbeitung dann ewig dauert und Familien in Vorleistung gehen müssen. Es geht aber auch anders, zumindest haben wir gute Erfahrungen bei einer ähnlichen Situation mit der AOK!
Insgesamt handelt es sich um das gleiche Theater wie bei vielen Themen in unserem Land, Reformen sind dringend notwendig ganz im Gegenteil zur Besitzstandswahrung der Verantwortlichen! Gruß aus Radebeul


Sachsin vor 43 Wochen

verpflichtendes soziales Jahr für alle statt Wehrdienst wäre mein Vorschlag

damit alle wenigsten mal ein Jahr körperlich etwas geleistet haben, heutige Berufspolitiker die von der Schule ins Studium und dann in die Politik rutschten haben oft nie gearbeitet

Gotha2020 vor 43 Wochen

Guter Artikel! Natürlich gehen die Leute in Pflegeberufen arbeiten um Geld zu verdienen. Viele von Ihnen haben diesen Beruf aber vor allem gewählt weis Sie Menschen fachgerecht Pflegen wollen. Doch den Krankenkassen und dem Gesetzgeber geht es doch nicht darum das möglichst professionell und vor allem menschlich gepflegt wird. Es geht doch nur noch darum wie ich mit möglichst wenig Personal in kürzester Zeit das notwendigste am Patienten verrichten kann. Ein paar warme Worte, einmal die Hand halten und ein paar Minuten zuhören kann sich doch keine Pflegekraft mehr leisten. Der Patient oder die zu pflegende Person wird wie ein Stück Ware behandelt. Und die Pflegekräfte gehen daran kaputt . Kann sehr gut verstehen wenn man dan irgendwann die Branche wechselt!!!

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