Krankenhausbetreuung Patienten fassungslos über mögliches Aus für Spezial-Neurochirurgie in Zwickau

Nach der Übernahme der Zwickauer Paracelsus-Klinik durch das städtische Heinrich-Braun-Klinikum wird dort auch die Neurochirurgie umstrukturiert. Eine hochspezialisierte Behandlung soll dabei aufgegeben werden. Was bürokratisch klingt, hat für Kranke aus ganz Europa und der Welt bittere Folgen. Sie können nicht mehr operiert werden.

Ein Zugangsverbotsschild steht am Eingang der Paracelsus Klinik.
Für die Neurochirurgie der ehemaligen Paracelsus-Klinik in Zwickau sollen Ende Februar die Lichter ausgehen. Bildrechte: dpa

Am 1. Dezember hat das Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) Zwickau offiziell die Paracelsus-Klinik übernommen. Kurz darauf schlagen die Wogen bei den betroffenen Patienten hoch: Denn die Neurochirurgie, die bislang das Aushängeschild des Paracelsus-Klinikums war, wird es nicht mehr in gewohnter Weise geben.

Das HBK will die Neurochirurgie nur noch im bereits existierenden Standort Karl-Keil-Straße betreiben. Am ehemaligen Paracelsus-Standort an der Werdauer Straße sind nur noch Wirbelsäulen-Operationen vorgesehen. Die neurochirurgische Behandlung der seltenen Erkrankungen Arachnoiditis* und Tarlov-Zysten durch das Team um den bisherigen Chefarzt Jan-Peter Warnke soll aufgegeben werden. Die Paracelsus-Klinik warb damit, weltweit nahezu als einzige Klinik diese seltenen Erkrankungen zu operieren.

* eine Entzündung eines Teiles der Haut, die das zentrale Nervensystem umgibt, Anmerk. der Red.

Das Krankenhaus gehört zum Heinrich Braun Klinikum.
Das Heinrich-Braun-Klinikum will die Neurochirurgie nur noch an einem Standort betreiben. Bildrechte: dpa

Sozialministerium unterstützt HBK

Rückendeckung bekommt das HBK vom sächsischen Sozialministerium. Auf Nachfrage teilte das Ministerium mit, dass man nach vorheriger Anhörung des HBK die Entscheidung getroffen habe, die Fachabteilung Neurochirurgie der bisherigen Paracelsus Klinik Zwickau übergangsweise nur bis zum 28. Februar 2023 auszuweisen. "Gleichwohl haben wir Verständnis für die Verunsicherung bei dem einen oder anderen Patienten oder auch Mitarbeitern." Es seien zahlreiche Gespräche mit allen Beteiligten geführt worden, die im Prozess eingebunden gewesen seien.

Ich bin fassungslos, was auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird.

Nadine Morgenroth Patientin

Betroffene Nadine Morgenroth ist fassungslos

Patientin Nadine Morgenroth ist von dieser Entscheidung direkt betroffen. Bei ihr wurde die Erkrankung Ende 2021 festgestellt. Was mit Rückenschmerzen begann, zwingt sie jetzt in den Rollstuhl. Sie hat keine Kontrolle mehr über ihre Blase und ihre Darmfunktion ist stark beeinträchtigt.

Eine Frau sitzt in einem Park in einem Rollstuhl.
Nadine Morgenroth ist durch die Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen. Bildrechte: privat

Dazu kommen Schmerzen, die sie nur durch Opiate ertragen kann. "Ich hatte es auf die Warteliste für eine Operation geschafft. Im Mai 2023 wäre mein OP-Termin gewesen", sagt sie. Und: "Ich bin fassungslos, was auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird." Sie wolle doch nur ihr Leben zurück, wolle wieder laufen und schmerzfrei sein.

Betroffene haben eine Petition gestartet, die am Mittwochabend (Stand: 20:30 Uhr) bereits knapp 23.000 Unterstützer unterschrieben. In einem offenen Brief an Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) und die Zwickauer Oberbürgermeisterin Constance Arndt (Bürger für Zwickau) fordern sie ebenfalls, dass die Entscheidung überdacht wird.

DGB sieht "Ausschlachten einer Klinik"

Die Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Zwickau (DGB), Sabine Zimmermann, setzt sich seit Bekanntwerden der Schließung der Neurochirurgie für die Fortführung der Einrichtung ein. Sie kann die Entscheidung, die Behandlung der Patienten aus aller Welt einzustellen, nicht nachvollziehen. "Das ist kein Betriebsübergang, sondern das Ausschlachten einer Klinik", sagt sie dem MDR. "Das Filetstück der bisherigen Paracelsus-Klinik soll abgewickelt werden."

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Partei Die Linke, Sabine Zimmermann, aufgenommen am 11.12.2015 in Dresden
Die Zwickauer DGB-Chefin Sabine Zimmermann kämpft für die Fortführung der neurochirurgischen Behandlung der seltenen Krankheiten Arachnoiditis und Tarlov-Zysten am HBK Zwickau. Bildrechte: dpa

Die betroffenen Patienten würden genauso allein gelassen wie die Ärzte und das medizinische Personal. "Es gibt nur Verlierer." Die Warteliste für die Operationen umfasse 450 Anmeldungen aus Deutschland und anderen Staaten. Auch die Nachsorge schon operierter Patienten sei nicht geklärt. Dabei hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Paracelsus-Klinikums bereits im Sommer dem Geschäftsführer des Heinrich-Braun-Klinikums ein Konzept für ein Neurowissenschaftliches Zentrum vorgelegt. Bis heute sei es unbeantwortet geblieben.

Es gibt nur Verlierer.

Sabine Zimmermann Vorsitzende des DGB-Kreisverbandes Zwickau

OB Constance Arndt: Keine Abstriche bei der neurochirurgischen Versorgung

Die Zwickauer Oberbürgermeisterin Constance Arndt betont, dass es keine Abstriche bei der neurochirurgischen Versorgung der Zwickauer und der Menschen in der Region geben werde. Man sei weiter im engen Austausch mit dem Heinrich-Braun-Klinikum. Personalentscheidungen lägen allerdings in den Händen der Klinik-Geschäftsleitung. Zwickau hält mehr als 95 Prozent der Gesellschafter-Anteile an der Heinrich-Braun-Klinikum gGmbH.

Rathaus der Stadt Zwickau
Die Zwickauer Rathausspitze sieht keine Abstriche bei der neurochirurgischen Versorgung. Bildrechte: dpa

Warten auf Besserung

Noch gibt es Gespräche über die Ausrichtung der Neurochirurgie. Sollte Professor Warnke gemeinsam mit seinem Team an eine andere Klinik wechseln, müsste das HBK weitere Stellen neu besetzen. Schon jetzt werden dort allein neun Fachärzte und vier Oberärzte gesucht. Professor Warnke war für MDR SACHSEN nicht erreichbar. Die Patienten aus ganz Deutschland und der Welt warten nun auf Entscheidungen aus Zwickau.

MDR (tfr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | DER TAG | 06. Dezember 2022 | 12:37 Uhr

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