Energiewende vs. Amtsschimmel Nach neun Jahren: Windrad-Riesen vor den Toren Zwickaus

Symbolträchtiger konnten die Termine für Sachsens Umweltminister kaum sein: An einem windstillen und nebeligen Tag hat er vor den Toren Zwickaus die größten Windräder des Freistaates und einen VW-Solarpark besucht. Der Minister sieht dennoch keine Alternative zum Ausbau von erneuerbaren Energien. Beim Besuch der beiden Energie-Großprojekte bescheinigt er Sachsen einen enormen Nachholbedarf.

Eine Windkraftanlage von unten. Die Rotorblätter sind nur verschwommen im Nebel zu sehen.
Mit etwas Glück konnte man am Montag die Rotoren der 244 Meter hohen Windkraftanlage im Nebel sehen. Bildrechte: MDR/Monika Di Carlo

Montagvormittag, Ortstermin mit Sachsens Umweltminister Wolfram Günther: In Mosel bei Zwickau besichtigt er die mit 244 Metern Höhe größten Windräder Sachsens. Es regt sich kein Lüftchen. Der Grünen-Politiker greift die Symbolik auf. "Wir haben beim Ausbau der Windkraft in den letzten Jahren einen Stillstand erreicht. Dazu gibt es mehrere Kritikpunkte aus der Branche."

Ein Kran hebt das Rotorblatt einer Windkraftanlage zur Montage im Windpark Mosel an.
Sachsens größte Windräder stehen in Mosel bei Zwickau. Bildrechte: dpa

Wir haben beim Ausbau der Windkraft in den letzten Jahren einen Stillstand erreicht.

Wolfram Günther Umweltminister Sachsen

Günther: Enegiewende ist "knallharte Standortfrage"

Das Planungsrecht bei den vorhandenen Flächen und die Geschwindigkeit bei den Genehmigungen gehöre zu diesen Kritikpunkten. "Wir konnten da einiges beschließen, um die Verfahren zu beschleunigen." Günther verteidigt die Energiewende nicht nur aus klimapolitischen Gründen. "Das allein würde schon ausreichen. Es ist auch eine knallharte Standortfrage geworden. Unsere Unternehmen wollen klimaneutral produzieren, mit 100 Prozent erneuerbaren Energien." Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges sei der Ausbau auch eine Frage der nationalen Sicherheit.

Eine Frau und zwei Männer mit Bauhelmen und Warnwesten unterhalten sich in einem betonierten Raum.
Sachsens Umweltminister Wolfram Günther will die Genehmigungsverfahren im Bereich erneuerbare Energien verkürzen. Bildrechte: MDR/Monika Di Carlo

Sachsens größte Windenergieanlagen Die beiden im Windpark Mosel errichteten Windenergieanlagen des Typs "Vestas V150" der Firma Juwi haben je 169 Meter Nabenhöhe und eine Gesamthöhe von 244 Metern, fast 100 Meter mehr als bisherige Windräder. Sie erbringen jeweils eine Leistung von 5,6 Megawatt. Zusammen werden sie pro Jahr etwa 24 Millionen Kilowattstunden klimafreundlichen Strom erzeugen. Das entspricht dem Jahresstromverbrauch von etwa 7.000 Haushalten. Ein drittes Windrad an dem Standort wird von einem anderen Betreiber gebaut.

Juwi plant eigenen Angaben zufolge im Freistaat weitere Anlagen etwa bei Jahnsdorf, Oederan und Drebach. Je höher die Windräder seien, desto ertragreicher seien sie, so Juwi-Projektleiter Heilmann mit Blick auf den Sachsen-Rekord. "Wenn wir kleinere Anlagen bauen wollten, müssten wir für den gleichen Ertrag sehr viel mehr Anlagen bauen." Die bisherige Höchstmarke im Freistaat liegt bei 234 Metern.


In Sachsen gibt es nach Auskunft des Ministeriums 874 Windräder mit einer Leistung von 1.278 Megawatt. Voriges Jahr war lediglich eine neue Anlage gebaut und elf abgebaut worden. Für dieses Jahr sind derzeit 13 im Bau oder geplant mit einer Leistung von 68,8 Megawatt. Quellen: Umweltministerium Sachsen und dpa

Genehmigungsverfahren dauert neun Jahre

Eine Windkraftanlage steht auf einer Wiese. Die Rotorblätter sind im Nebel nicht zu sehen.
Stochern im Nebel: Neun Jahre dauerte die Genehmigung der Windkraftanlage. Bildrechte: MDR/Monika Di Carlo

Projektleiter Jörg Heilmann von der Firma Juwi, die den Windpark errichtet und betreiben wird, kann von nebulösen Verfahrenswegen ein Lied singen. Neun Jahre hat er für das Projekt gekämpft. "Das erste Problem ist, dass es keinen Regionalplan gibt. Wir konnten unseren Antrag zwar einreichen, er wurde dann aber zweieinhalb Jahre nicht bearbeitet."

Nach diesen zweieinhalb Jahren habe die Genehmigungsbehörde festgestellt, dass der Regionalplan immer noch nicht da ist. "Sie konnten diesen Antrag nicht länger ignorieren, weil es gesetzmäßige Fristen gibt." Ohne Regionalplan müsse der Genehmigungsantrag nach drei Jahren nach aktueller Aktenlage entschieden werden. "Dann haben sie als erstes festgestellt, dass Gutachten zum Thema Greifvögel aus dem Jahr 2015 stammten."

Genehmigungen sollen schneller kommen

Also habe man ein weiteres Jahr die Greifvögel beobachtet, sagt Heilmann. Ende des Jahres 2019 sei dann die erste Genehmigung dagewesen, allerdings für den Anlagentyp, der 2015 beantragt worden sei. Den habe es jedoch gar nicht mehr gegeben. Also musste das Unternehmen eine Änderungsgenehmigung einreichen.

Die Bearbeitung dauerte ein weiteres Jahr. Dass diese Zeiträume viel zu lang sind, bestätigt auch Sachsens Umweltmiister Wolfram Günther. Er will das Verfahren für zukünftige Projekte beschleunigen. "Wir brauchen sehr viele Windräder, sehr viel schneller, mit schnelleren Prozessen als neun Jahren." Die Hausaufgaben müssten beim Planungs- und Genehmigungsrecht gemacht werden.

Blick von unten in den Turm einer Windkraftanlage, deren oberes Ende nicht zu sehen ist.
Blick ins Innere der neuen Windkraftanlage: Licht am Ende des Genehmigungs-Tunnels? Bildrechte: MDR/Monika Di Carlo

Es gibt nicht einen Knoten, der den Ausbau der erneuerbaren Energien verhindert. Es gibt ein ganze Knäuel. Das ist die Schwierigkeit, diese einzelnen Knoten zu lösen. Da müssen wir noch viel schneller werden.

Wolfram Günther Umweltminister Sachsen

Brütende Greifvögel bremsen Windanlage aus

Für die beiden Riesen-Windräder ist aber erst mal Entschleunigung angesagt. Sie werden nur eingeschränkt in Betrieb gehen. Grund sind in der Nähe nistende Greifvögel. Auflage für den Bau sei, dass die Anlage an 100 Tagen nach Brutbeginn des Milans jeweils von 9.00 bis 17.00 Uhr stillstehe. Deswegen müssten sie nach Inbetriebnahme gleich wieder abgeschaltet werde, erklärt Heilmann: "Das ist fast etwas für ein Satiremagazin."

Minister Günther verweist auf das massive Problem des Artensterbens. Klima- und Artenschutz dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, betont er. Deswegen müssten je nach Standort geeignete Lösungen gefunden werden, um beidem Rechnung zu tragen.

Volkswagen setzt auf Solarstrom aus der Region

Ein paar hundert Meter von den Windrädern entfernt besucht Minister Günther am selben Tag den Solarpark Mosel. Dort hat die Enerparc AG rund 11.600 Photovoltaik-Module auf einer Fläche von sechs Hektar installiert. Die Anlage mit einer Leistung von rund 5,3 Megawatt soll jährlich 5,5 Millionen Kilowattstunden in das Volkswagen-Werk Zwickau liefern. Nur nicht an diesem trüben Morgen. Statt Sonnenstrahlen machen sich Regentropfen auf den Modulen breit. Dem Wetter ist der Terminkalender eines Ministers eben reichlich egal.

Blick auf einen neuen Solarpark auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei in Sichtweite des VW-Werks.
Ein riesiger Solarpark soll die Produktion der E-Autos in Zwickau umweltfreundlicher machen. Bildrechte: dpa

Karen Kutzner, Geschäftsführerin von VW Sachsen, ist dennoch hoch motiviert, mit der Solaranlage den ökologischen Fußabdruck der Fahrzeugflotte zu senken. "Damit unsere MEB-Fahrzeuge (MEB =  Modulare E-Antriebs-Baukasten, Anm. d. Red.) ihre gesamte Wirksamkeit entfalten können über die gesamte Lieferkette, brauchen wir Naturstrom, am besten hier aus der Region." So helfe man der Energiewende nicht nur im VW-Werk, sondern auch in Sachsen.

Zwei Frauen und zwei Männer  stehen mit einem Ladekabel vor einem Pkw welcher vor einer Solaranlage steht.
Zur symbolischen Eröffnung des Solarparks waren am Montag Stefan Müller, Finanzchef von Enerparc, Sachsens Umweltminister Wolfram Günther, Zwickaus Oberbürgermeisterin Constance Arndt und Karen Kutzner, Geschäftsführerin VW Sachsen gekommen. Bildrechte: Volkswagen Sachsen GmbH

Wie wichtig eine sauberere Produktion von Elektrofahrzeugen ist, zeigt eine Studie des Bundesumweltministeriums. Demnach erzeugt ein Elektrofahrzeug der Pkw-Mittelklasse im gesamten Lebenszyklus gegenüber einem Benziner etwa 30 Prozent, gegenüber einem Dieselfahrzeug etwa 23 Prozent weniger Klimagase. Allerdings ist der Ausstoß bei Produktion, Wartung und Entsorgung fast doppelt so hoch.

MDR (tfr/mdc,dpa)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 25. April 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Dr. Norman Pohl vor 9 Wochen

"Böse" Natur bremst "gute Energie" aus? Neue Technologien sollen helfen, umweltangepasster und damit naturnäher zu leben, oder? Doch wehe, "die Natur" kommt in die Quere! Dann geht es rasch nach alten Mustern, nämlich "schneller, höher, weiter". An die Stelle von "Tempo, Dampf und heavy metal" der "alten Industrialisierung" tritt in der Industrie x.0 (x= 4, 5, 6 oder ...) wohl "digital, getaktet und alternativ"? Übersehen wird dabei der Stadt-Land-Konflikt, der z.B. Leipziger und Dresdener mit ökostrom-beruhigten Gewissen ruhiger schlafen lässt, kleineren Städten (egal, wie groß diese tatsächlich sind) am Ende aber die Lasten aufbürdet. Die sind aber finanziell nicht zu kompensieren, wie der Spruch vom jeweils letzten Baum, Fluss und Fisch besagt. Was also tun? Anstatt die Diskussion über dringend erforderlichen Naturschutz ins Lächerliche zu ziehen könnte eine auch (!) technologisch geführte Diskussion Lösungen aufzeigen, die den vorletzten (!) ihrer Art mehr Lebenszeit belässt.

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