Seelische Leiden Immer mehr Kinder und Jugendliche in Sachsen nehmen Psychotherapie in Anspruch

Anhaltende Traurigkeit, Essstörungen, Veränderungen in der Persönlichkeit - das sind nur einige Anzeichen dafür, dass Seelen von Kindern und Jugendlichen leiden. In den vergangenen Jahren sind psychische Probleme von Heranwachsenden bereits stärker in der Fokus gerückt. Doch Experten sind sich einig: Das Thema psychisches Leid muss weiter aus der Tabuzone geholt werden. Die Corona-Pandemie hat dazu zumindest teilweise beigetragen.

Eine Schülerin beobachtet ihre Mitschüler auf dem Pausenhof in einer Schule in Hamburg.
Auch Kinder und Jugendliche können unter psychischen Problemen leiden. Auslöser können unter anderem Mobbing oder Leistungsdruck sein. Bildrechte: dpa

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Sachsen, die psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das geht aus einem Bericht der Krankenkasse Barmer hervor. Laut Arztreport 2021 benötigten im Jahr 2019 rund 36.000 sächsische Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe. Das sind 143 Prozent mehr als im Jahr 2009.

Dass sich die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten erhöht, sieht Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Ebhardt keineswegs negativ. Man müsse unterscheiden zwischen der Zahl der psychischen Erkrankungen und der Zahl der Behandlungen: "Die Zahl derer, die psychisch erkrankt sind, ist relativ stabil. Aber die Zahl derjenigen, die sich Hilfe suchen, steigt. Je mehr über die Erkrankung gesprochen wird und bekannt ist, und zum Beispiel auch Kinderärztinnen und Kinderärzte auf bestimmte Symptome schauen, umso schneller kann dann auch eine Behandlung erfolgen."

An der Belastungsgrenze durch Corona

Was die Studie der Barmer nur am Rande berücksichtigt, sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die in Anspruch genommene psychische Hilfe im Kinder- und Jugendbereich. "Wir haben leider die Erkenntnis sammeln müssen, dass die Corona-Krise die Situation noch mal verschärft hat", erklärt Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer Sachsen. "Allein im ersten Halbjahr 2020 gab es bei den Heranwachsenden bis 24 Jahren eine Steigerung von etwa sechs Prozent." Doch noch lägen bei weitem nicht alle Daten dazu vor.

Eine Umfrage unter den niedergelassenen Therapeuten in Ostdeutschland im März hat ergeben, dass die Anfragen an Erstgesprächen bei Kinder- und Jugendtherapeuten deutlich zugenommen haben. Es gehe in den vergangenen Monaten vor allem um schulbezogene Themen: Schulverweigerung, Lernprobleme, Schulängste. Aber auch depressive Entwicklungen jugendlicher Patienten seien ein Thema, ebenso Isolation. Zudem haben sich den Angaben zufolge mehr junge Patienten mit suizidalen Gedanken vorgestellt. 80 Prozent der befragten Therapeuten gab an, dass ihren Praxen völlig ausgelastet sind. Das gelte aber nicht für Erstgespräche, sondern vor allem regelmäßige Sitzungen. Es habe im zweiten Lockdown einen deutlichen Zuwachs an Anfragen in allen Altersgruppen gegeben - vor allem bei den 14 bis 17-Jährigen (75 Prozent).

Pandemie als Brennglas für bereits vorhandene Probleme

Dass sich die Situation für junge Menschen in der Zeit der Pandemie nochmals verschärft hat, beobachtet auch Prof. Susanne Knappe von der TU Dresden: "In der Mehrzahl der Fälle würde ich vermuten, dass es schon vorher eine Anfälligkeit gab, das Problem aber nicht so zutage kam. Oder es gab einfach viel mehr Ressourcen damit umzugehen. Wir bewegen uns seit über einem Jahr mit den bekannten Einschränkungen. Diese Ressourcen wie Freunde treffen, Unterstützung, Bewegung, Freizeitsport, Musikschule - alles fällt weg. Es gibt Risikofaktoren. Fehlt das Gegengewicht, können diese viel stärker zum Ausbruch von solchen Erkrankungen beitragen."

Worunter Kinder und Jugendliche leiden

Doch der starke Anstieg an Patientinnen und Patienten war bereits vor Schulschließungen und sonstigen Einschränkungen der Corona-Pandemie zu verzeichnen. Den Ergebnissen des Arztreports zufolge zählten im Jahr 2019 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen zu den häufigsten Diagnosen im Freistaat. Darunter fallen Trauererlebnisse genauso wie Mobbing - auch im Internet. Zweithäufigster Anlass für den Beginn einer Therapie waren Depressionen, gefolgt von emotionalen Störungen im Kindesalter.

Landesgeschäftsführer Magerl macht deutlich: "Wir merken, dass die digitalen Anreize, die es gibt, auch die Möglichkeit geben, einen ständigen Kommunikations- und auch Leistungsdruck zu verursachen. Die Belastungen, denen junge Menschen heute ausgesetzt sind, sind anders als das noch vor Jahren war." Das sei aber längst nicht immer der Grund für seelisches Leiden unter Heranwachsenden. Experten sind sich einig: Die Gründe sind vielschichtig und sehr unterschiedlich.

Jahrelanges Leiden schon im Jugendalter

Viele junge Menschen leiden den Ergebnissen des Reports zufolge über Jahre an psychischen Störungen. Dies belegt eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die im Jahr 2014 erstmals eine Psychotherapie erhalten haben. So wurde bei mehr als jedem oder jeder dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start einer klassischen Psychotherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. "Haben sich psychische Probleme erst einmal chronifiziert, wird die Behandlung oft schwieriger und langwieriger", sagt Magerl. So seien laut Report zum Beispiel bei 62,5 Prozent aller Betroffenen auch noch fünf Jahre nach Start der Psychotherapie psychische Störungen diagnostiziert worden.

Frühe Hilfe

Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Knappe will eine möglichst frühe Hilfe für Betroffene erreichen. Viele Menschen seien erstaunt, wenn sie hören, dass die meisten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ihren Beginn haben. "Von daher wäre es umso dringlicher, zu überlegen, was man machen kann, um ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Damit wir nicht erst im Erwachsenenalter anfangen."

Psychische Probleme können dem Report zufolge für Kinder und Jugendliche ernste Folgen haben. "Aus kranken Kindern werden nicht selten kranke Erwachsene", stellt auch Magerl fest. "Es ist wichtig, frühzeitig auf die Alarmsignale zu achten. Aufklärung, Wissensvermittlung sowie bekannte und gut erreichbare Hilfsangebote für die Heranwachsenden selbst, ihre Eltern, Freunde, aber auch pädagogische Fachkräfte spielen eine entscheidende Rolle."

Mädchen wird von einer Clique auf dem Schulhof ausgelacht
Ab der Pubertät wird bei Mädchen und jungen Frauen häufiger eine psychische Erkrankung diagnostiziert als bei jungen und Männern. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Hinschauen und aufmerksam bleiben

Experten raten deshalb vor allem Eltern, ganz genau hinzusehen, wenn sich das Verhalten des eigenen Kindes verändert und ihre Sorgen auch anzusprechen. Psychotherapeutin Ebhardt gibt aber zu: "Bei Jugendlichen kommt natürlich auch noch die Pubertät dazu. Das heißt, hier ist es manchmal auch gar nicht so leicht zu unterscheiden: Ist es jetzt noch eine pubertäre Phase oder ist es vielleicht auch eine psychische Erkrankung? Deshalb ist es wichtig, am Ball zu bleiben. Hellhörig sollten Eltern immer werden, wenn es in Richtung suizidale Gedanken geht und selbstverletzendes Verhalten." Suizid gilt als häufigste Todesursache für Kinder und Jugendliche. Ebhardt erklärt: "Das ist bei Kindern zum Glück sehr, sehr selten. Aber mit Beginn der Pubertät oder dieser Jugendphase nimmt das stark zu." Nicht selten sei der Hintergrund eine psychische Erkrankung und in erster Linie eine Depression.

Psychologin Knappe gibt allerdings zu bedenken, dass oftmals nicht die Erwachsenen erste Ansprechpartner der Jugendlichen sind, sondern vor allem Gleichaltrige, also Freundinnen und Freunde. "In der Mehrzahl der Fälle werden Suizide angekündigt. Wenn das passiert, müssen die Alarmglocken läuten", meint Knappe. Deshalb sei es wichtig, dass auch Kinder und Jugendliche wüssten, wo es Hilfe gibt und an wen sie sich in solchen Fällen wenden können.

Zwei junge Frauen umarmen sich
Experten rat: Sollten Eltern ein diffuses Bauchgefühl beim Verhalten ihrer Kinder haben, sollten sie das nicht ignorieren. Dahinter kann - muss aber nicht - ein seelisches Leiden stecken. Bildrechte: imago images/Panthermedia

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Mehr Hilfsangebote als bei betroffenen Erwachsenen

Laut Knappe gibt es im Kinder- und Jugendbereich mehr Anlaufstellen und Behandlungsangebote als bei Erwachsenen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden. "Wir haben die kinder- und jugendärztlichen Dienste, die Angebote des Gesundheitsamtes, des Jugendamtes, der vielen Träger, teilstationäre und stationäre Angebote - also die Palette ist deutlich vielfältiger und größer. Von daher standen wir bisher immer auf einer guten Seite. Es war nicht so, dass sofort jeder etwas bekommen hat, aber die Wartezeit lag deutlich unter dem, was man für den Erwachsenenbereich kennt."

Laut Barmer hat auch eine Reform der Psychotherapie-Richtlinie im Jahr 2017 den Zugang zur psychotherapeutischen Betreuung erleichtert. Therapeuten bieten seitdem neben der klassischen Psychotherapie, bestehend aus Kurz- und Langzeittherapie, auch psychotherapeutische Sprechstunden und Akutsprechstunden an. So könne frühzeitig abgeklärt werden, ob und welche Behandlung notwendig ist. Sie dienten auch als Überbrückung der Wartezeiten bis zum Beginn einer erforderlichen Therapie.

Zahl der Therapeuten gestiegen

Parallel dazu ist die Anzahl der Psychotherapeuten, die speziell Heranwachsende betreuen, den Angaben der Barmer zufolge  gestiegen. 2013 kümmerten sich in Sachsen etwa 940 Therapeuten um die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, 2019 waren es bereits rund 1.270. Damit wurde für mehr als 36.000 Heranwachsende ein Zugang zu therapeutischer Betreuung möglich, 2016 waren es noch rund 21.300.

Allerdings, so stellen die Psychologinnen Knappe und Ebhardt fest, gelte das breite Versorgungsangebot vor allem in den Großstädten. Im ländlichen Raum könne die Situation ganz anders aussehen: Lange Fahrtwege müssten in Kauf genommen werden und allein das könne schön eine Herausforderung für Familien sein.

Wenn Kinder trauern
Dass bereits kleinere Kinder an psychischen Erkrankungen leiden, ist eher selten. Doch sogar im Kleinkindalter kann das vorkommen. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox

Corona sorgt für verlängerte Therapien

Ob Stadt oder Land - die Corona-Pandemie hat auch in Gebieten mit breiten Angeboten Spuren hinterlassen. Im ersten Halbjahr 2020 habe man noch keine großen Veränderungen gespürt, berichtet Knappe. Doch inzwischen beobachte sie das anders: "Ich erlebe in der jetzigen klinischen Arbeit, dass die Patienten länger in der Behandlung verweilen, weil wir vielleicht im Behandlungsplan etwas ändern müssen und aktuelle Dinge besprechen. Es tun sich neue Themen auf. Und wir bemerken auch, dass wir manchmal Schwierigkeiten haben, die Kinder bei Bedarf in stationäre Behandlung  zu übergeben, weil da möglicherweise die Betten reduziert sind. Oder weil auch da das Personal reduziert werden muss, weil es auf anderen Stationen eingesetzt wird."

Forderung: Prävention im Kindesalter

Damit psychische Probleme im Kindes- und Jugendalter bereits frühzeitig erkannt werden und sich nicht verschlimmern, fordert Psychologin Knappe ein Umdenken: "Wünschenswerte wäre, dass jetzt auch ein paar Maßnahmen getroffen werden. Psychische Gesundheit hat keinen Stellenwert. Kinder kriegen Prävention für Zähne. Und dann kommt ein Polizist und erzählt etwas zu Gewaltprävention oder zu Substanzkonsum. Aber ist das Feld ist viel größer: Was mache ich mit Leistungsangst, Stress? Wie kann ich gesund aufwachsen? Was kann ich tun, wenn es mir mal schlecht geht? Der Lehrplan ist voll, ich wüsste auch nicht, wo man es integrieren kann. Wahrscheinlich muss man doch an anderen Stellen mal ein bisschen sortieren und gucken, wo der Platz dafür sein darf."

Sie benötigen Hilfe?

Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönliche Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 1110111 und 0800 1110222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite finden Sie weitere Hilfsangebote. Das Info-Telefon Depression erreichen Sie unter 0800 / 33 44 533, Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr und Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHEN - Das Sachsenradio | 14.04.2021 | 07:20 Uhr

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