Digitalisierung Corona deckt Internet-Schwachstellen in Sachsen auf

In den vergangenen Jahren hat Sachsen viel Geld in den Breitbandausbau gesteckt - doch noch immer profitieren nicht alle von schnellem Internet. Das kann zu Ungerechtigkeit in der Bildung und zum K.O.-Kriterium in der Homeoffice-Frage werden. Doch nicht nur in Sachen Schnelligkeit gibt es Probleme. Kritiker werfen den Verantwortlichen in der Politik erneut vor, die Digitalisierung verschlafen zu haben.

Ein Baubegleiter verlegt ein Breitbandkabel
Der Breitbandausbau in Sachsen hat in den vergangenen Jahren einen großen Sprung gemacht. Doch in abgelegeneren Regionen kommt vom schnellen Internet bisher nur selten etwas an. Bildrechte: imago images / Norbert Millauer

Sachsen hat in Sachen Digitalisierung noch Potential. Das zeigt der Digitalisierungsatlas des Kompetenzzentrums Öffentliche IT. Die Kommunen bieten den Angaben zufolge vergleichsweise häufig Online-Verwaltungsleistungen an. In die IT-Forschung in Sachsen wurden große Summen investiert. Und Sachsen konnte 2019 deutschlandweit den größten Fortschritt beim Breitbandausbau verzeichnen, im Vergleich zu 2017. Demnach waren im Jahr 2018 71 Prozent der Haushalte und 67 Prozent der Unternehmen im Freistaat an schnelles Internet angeschlossen. Das klingt viel, ist es aber im Vergleich zum Bundesdurchschnitt nicht: Hier verfügten 81 Prozent der Haushalte und 79 Prozent der Unternehmen über ein Netz von mindestens 50 Mbit/s.

Breitbandausbau im Freistaat Der Freistaat Sachsen hat im Jahr 2020 etwa 578 Millionen Euro für geplante Breitbandausbau-Projekte bewilligt und mehr als 51,5 Millionen Euro für Vorhaben ausgezahlt. Zudem wurden nach Angaben des Wirtschaftsministeriums in Dresden fast 1,19 Milliarden Euro an Bundesmitteln zur Verfügung gestellt.

Breitbandatlas offenbart Schwachpunkte

Schnecke auf einem Netzwerk-Kabel
Während in den Ballungsgebieten in Sachsen kaum noch jemand auf eine schnelle Internetleitung verzichten muss, lässt der Breitbandausbau in einigen ländlichen Regionen noch zu wünschen übrig. Bildrechte: Colourbox.de

Ähnliche Daten liefert auch der Breitbandatlas für den Freistaat. Die Karte zeigt immerhin eine Versorgung der Privathaushalte mit schnellem Internet zwischen 75 und 95 Prozent. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. Während die Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz mit Breitbandverfügbarkeit glänzen, ist noch großer Nachholbedarf auch im Landkreis Nordsachsen sichtbar. Wer beispielsweise in der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz wohnt, braucht laut Breitbandatlas an Videostreams oder größere Down- oder Uploads nicht zu denken: Nur zwei Prozent der Haushalte dort haben zumindest eine Leitung mit 16 Mbit/s.

Privates Ärgernis wird zur Homeoffice-Bremse

Wer also auf dem Land wohnt, leidet eher an dem Digitalisierungsrückstand in Sachsen. Bisher war das vor allem im privaten Bereich spürbar: Gestreamte Filme liefen nicht rund, von Onlinespielen konnte man in der Regel die Finger lassen oder auch die Videotelefonie hakte. Schlimmer war es für einzelne Regionen in Sachen Wirtschaft: Wo das Internet zu langsam ist, siedeln sich keine neuen Firmen an, denn heute muss auch das Netz zum Arbeiten stimmen. Doch gerade die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen zeigt nun, dass die fehlende Bandbreite zu Hause auch schlecht für Betriebe mit guter Anbindung sein kann. Jedenfalls dann, wenn die Angestellten ihre Arbeit im Homeoffice erledigen sollen.

Kein mobiles Arbeiten in Waldenburg möglich

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hatte zu Beginn der Woche einen klaren Appell an Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen gerichtet. Wo immer es geht, solle Homeoffice ermöglicht werden. Waldenburg schlägt gezwungenermaßen einen anderen Weg ein, erzählt Bürgermeister Bernd Pohlers: "Wir machen hier kein Homeoffice. Wir können in der Verwaltung fast allen Mitarbeitern ein Einzelzimmer anbieten." Selbst wenn der Bürgermeister mobiles Arbeiten für alle möglichen Bereiche anordnen würde, gäbe es ein Problem: "Unser Internet hier in Waldenburg ist noch nicht in allen Bereichen auf dem Stand, dass man das in allen Ortsteilen umsetzen könnte." In einigen Ortsteilen sei das Arbeiten aufgrund der zu geringen Bandbreite schlicht nicht möglich.

BVDW fordert Reformen in Arbeitsmarkt und Bildung

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) kam schon im Sommer vergangenen Jahres zu dem Schluss, dass der Staat dringend dafür sorgen müsse, "dass ein flächendeckender 5G-Ausbau schnelles Internet überall ermöglicht". Die Corona-Krise habe offenbart, an wie vielen Stellen in Deutschland Digitalisierung bislang nicht ernstgenommen worden sei. Die Schule sei eine wesentliche davon, heißt es in dem Bericht. Der BVWD sieht Handlungsbedarf auf Länderebene: Die Regierungen "müssen einheitliche Hilfestellungen und Vorgaben für den digitalen Unterricht durchsetzen - notfalls mit zentraler Steuerung durch die Bundesregierung". Außerdem sei es dringend notwendig, in digitale Lerninhalte sowie in entsprechende Ausbildung von Lehrkräften zu investieren.

Nicht nur Technikprobleme beim häuslichen Lernen

Damit dürfte der BVDW auf offene Ohren bei den Eltern stoßen. Seit Mitte Dezember vergangenen Jahres lernen fast alle Schülerinnen und Schüler wieder ausschließlich von Zuhause. Neben der Doppelbelastung, die arbeitende Eltern schultern müssen, sorgte in den vergangenen Wochen auch das Portal "Lernsax" immer wieder für Frust. So beschreibt eine Userin das tägliche Arbeiten mit der Plattform so: "Lernsax ist seinem Namen nicht wert. Fünf verschiedene Wege, die Lehrer nutzen können, um die Aufgaben zu senden. Ständig muss man alles durchklicken, wenn es dann mal geht. Jeder Lehrer kann es machen, wie er will. Jeder herkömmliche Brief ist besser."

Eine Mutter arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre beiden Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.
Viele Eltern, die im Homeoffice arbeiten, stehen vor der Doppelbelastung Arbeit und Kinderbetreuung. Bildrechte: dpa

Es scheinen die gleichen Probleme zu sein, wie schon im Frühjahr. Dabei hatte Sachsens Kultusminister Christian Piwarz Verbesserungen versprochen. Serverkapazitäten wurden nach Angaben des Kultusministeriums erweitert. Webinare und Handreichungen sollten Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit mit der Schulcloud erleichtern. Doch nicht nur Sachsen hat damit Probleme - auch bei den Anwendungen anderer Bundesländer hakte es in den vergangenen Wochen immer wieder. Eine Befragung, die im Dezember im Auftrag des BVDW durchgeführt wurde, kommt zu dem Ergebnis: Deutschlandweit sind fast 70 Prozent der befragten Eltern der Ansicht, dass sich die digitalen Lern- und Lehrangebote seit dem Ausbruch der Coronapandemie nur wenig oder gar nicht verbessert haben. 

Lernsax mit vielschichtigen Problemen

Dass es bei Lernsax immer wieder hakte, habe an Attacken aus dem Netz gelegen. So hieß es vom Kultusministerium und der Firma, die die Lernplattform betreibt. Für Rico Gebhard von der Links-Partei ist das keine gute Erklärung: "Natürlich kann der Freistaat nichts für Angriffe. Und es ist auch nichts dagegen zu sagen, dass hier ein externer Dienstleister genutzt wird. Aber dass das einzige Rechenzentrum, auf dem das Lernsax-Portal läuft, nur in einer einzigen Firma ist und nur auf diesem Server läuft, ist ein Problem. Bei Digitalisierung geht es darum, dezentral zu arbeiten. Denn daraus ergibt sich am Ende mehr Stabilität." Wäre das anders organisiert, davon ist Gebhard überzeugt, wäre auch die Plattform weniger anfällig und würde zumindest nicht im ganzen Land ausfallen.

Schulcloud ist kein digitales Lernen

Doch mit Lernsax gibt es neben der Stabilität auch noch ein weiteres Problem: Die Schulcloud ist nicht gleichzusetzen mit digitalem Lernen. Viele der Lehrerinnen und Lehrer nutzen das Programm, um Arbeitsblätter hochzuladen, die dann Zuhause ausgedruckt und ausgefüllt werden müssen. Eine Mutter aus Leipzig beschreibt ihre Erfahrungen so: "Der Digitalunterricht unserer Kinder könnte aus den 1980er bzw. 1990er Jahren stammen. Es überrascht mich nicht sonderlich, denn Konzepte für Homeschooling wurden nicht erarbeitet. Interessant ist eher, dass in meinem beruflichen Alltag verschiedene digitale Whiteboards Einzug gehalten haben, wir Workshops digital durchführen, aber die Schule in der Vergangenheit verhaftet ist." Eine Mutter aus Dresden fragt sich, "wieso nicht per Videokonferenz oder ansatzweise modern und digital unterrichtet wird. Zumindest an der Oberschule meines Sohnes. Sind wir noch in der Kreidezeit?"

Bildungsgerechtigkeit: Frage von Breitband und Geräten

Doch selbst wenn alle Lehrerinnen und Lehrer ein digitales Klassenzimmer anbieten würden inklusive Videosprechstunde, Konferenz und tatsächlichen digitalen Angeboten zum Lernen, könnten nicht alle Schülerinnen und Schüler davon profitieren. So berichtet Landeschülerratssprecherin Joanna Kesicka: "Nicht jede Schülerin und jeder Schüler hat einen Laptop oder ein Tablet, mit dem man arbeiten kann. In Sachsen wurden über 90 Prozent der Gelder abgerufen, um diesen Schülern ein Gerät zur Verfügung zu stellen. Jetzt ist aber das Problem, dass entweder durch Produktionsmängel oder wegen Produktionsproblemen die Geräte noch nicht an die Schulen gebracht wurden. Oft scheitert es auch an Kleinigkeiten: Erste Geräte sind endlich angeschafft worden, aber sie sind noch nicht konfiguriert."

Doch auch wenn Geräte zur Verfügung stehen, macht in einigen Gegenden Sachsens das fehlende schnelle Internet jegliche Idee von Video-Unterricht zunichte. "Natürlich bekommen wir auch Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern zu typischen Problem, was gerade auch in ländlichen Regionen zu sehen ist: So etwas wie Videokonferenzen können oft von einer Seite gar nicht stattfinden, weil die Internetverbindung zu schlecht ist. Wir sehen also, die Stufe zwischen bestimmten Schülerinnen und Schülern wird immer größer und größer." Man müsse aufpassen, dass auch in Zeiten von Corona bestimmte Schülerinnen und Schüler nicht hinten runter fallen dürfen.

Pandemie als Treiber der Digitalisierung

Alle Befragten waren sich in ihrem Urteil über die Digitalisierung in Sachsen einig: Die Corona-Pandemie hat im Freistaat einiges ins Rollen gebracht, wie den Ausbau der Schulcloud, die Beschaffung von Endgeräten für Schüler und die Debatte um mehr Freiheit beim mobilen Arbeiten. Allerdings gibt es noch sehr viel zu tun.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 06.01.2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Hossa vor 28 Wochen

Ich habe heute Früh auf ntv einen Bericht über den Ablauf der Corona-Impfung in Israel gesehen.
Eine hat für ihren älteren Mann einen Impftermin auf dem Handy erstellt.
Eingabe der Personalausweisnummer System erkennt die Person Termin gemacht.
So einfach ging das .
Ebenfalls gab es die Möglichkeit sich am Drive In Schalter impfen zulassen.
Das ist in Deutschland Science Fiction.

Frank 1 vor 28 Wochen

Nicht Corona hat die Schwachstellen aufgedeckt. Die Schwachstellen waren schon lange vorher bekannt. Deutschland ist auf diesem Gebiet bestenfalls Schwellenland. Wem haben wir das zu verdanken.........?

Leachim-21 vor 28 Wochen

nach meiner Meinung nach ist ganz Deutschland eine Digitalruine. das einzig was diese Kanzlerin fertig gebracht hat den Schuldenberg für Deutschland anzuhäufen und Gelder in der ganzen Welt verteilt und in der Frage der Infrastruktur für Deutschland versagt. Fakt ist doch auch das alle Staaten die Später in die EU aufgenommen wurden in der Digitalfrage besser dastehen als wir und das obwohl es angeblich Chefsache ist. lachhaft totalversagen auf ganzer Linie so sehen doch die Fakten aus.

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