Digitale Trendsetter Big Blue Button, Zoom, Jitsi - hier lernt Sachsen ganz modern

Seit Wochen ächzen viele Eltern im Heimunterricht ihrer Kinder: Immer wieder ruckelt die Plattform Lernsax. Einige Lehrer stellen Arbeitsblätter ins Netz und überlassen den Unterricht Eltern und Schülern, die zwischen Alltagsstress und langsamer Internetverbindung mehr schlecht als recht durch die Tage kommen. Doch so sieht es längst nicht überall in Sachsen aus.

Steffen Jost hält online einen Leistungskurs Physik aus einem leeren Klassenzimmer ab.
Unterricht trotz leerer Stühle im Klassenzimmer: Möglich machen das Video-Konferenzen mit den Schülern. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es ist Dienstagmorgen. Um 8:40 Uhr beginnt für die Klasse 5b der Unterricht am Freien Gymnasium in Borsdorf. Deutsch bei Tobias Wellmann steht auf dem Stundenplan. Seit Ende November sitzen die Schülerinnen und Schüler nicht mehr im Klassenraum sondern zu Hause. Trotzdem hat sich an dem Lehrplan kaum etwas geändert. Heute geht es um Wintergedichte.

Die Schülerinnen und Schüler schreiben ihre Ideen für ein gutes Gedicht in ein gemeinsames Dokument. Im Anschluss stimmen sie ab, welches Gedicht ihnen am besten gefallen hat. Das alles geschieht digital und absolut reibungslos. Nur hin und wieder findet eines der Kinder nicht den richtigen Knopf - aber dafür sind bei den meisten im Hintergrund die Eltern da und helfen, sagt Wellmann. Für den Lehrer und seine Schüler gehörte der Umgang mit digitalen Medien auch schon vor Corona zum Schulalltag: "Wir sind, was die Digitalisierung betrifft, schon seit vielen Jahren dran, uns auch immer weiterzuentwickeln. Digitalisierung schreitet so schnell voran und durchzieht alle Bereiche. Wenn man das verdrängt, steht man sich letztlich selbst im Weg."

Privatschule als digitaler Trendsetter

In Borsdorf kommen im Wesentlichen zwei Programme zum Einsatz: Die Klasse trifft sich täglich in Teams – einer Videochat-Anwendung vom Software-Anbieter Microsoft. Außerdem bearbeiten die Schüler Arbeitsblätter in Moodle, einer Lernplattform, die nach eigenen Angaben in mehr als 100.000 Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommt. Die Schule steht im regen Austausch mit den Eltern und lernt aus den Fehlern der Anfangszeit, sagt Schulleiterin Kai Hakl. Auch Lehrer geben stetig Rückmeldung.

Das Gymnasium in Borsdorf steht unter freier Trägerschaft der Volkssolidarität und hat daher andere Voraussetzungen als die staatlichen Schulen - auch finanziell, denn die Eltern zahlen monatlich ein Schulgeld. Doch nach Auskunft der Schulleiterin greift die Schule auch auf öffentliche Gelder für die Digitalisierung zurück. Diese Gelder stünden allen Schulen in Sachsen zur Verfügung.

Video-Klassenzimmer statt Selbststudium

Doch digitaler Unterricht muss nicht zwingend auf Privatschulen begrenzt sein. Zum Beispiel nimmt Siebtklässler Jonas aus Wilsdruff in seinem Zimmer am Französischunterricht teil. Im Dezember noch, kurz nach den Schulschließungen, musste er den Lernstoff im Selbststudium pauken und das klappte damals nicht so gut: "Das Lernen für mich war langweilig und unmotivierend, da man nicht diesen direkten Kontakt zu dem Lehrer hatte, der dich motiviert hat. Und es gab auch Probleme mit Lernsax."

Vor allem Video-Konferenzen mit der ganzen Klasse hätten nicht funktioniert, berichtet Jonas. Jetzt ist sein Gymnasium auf eine freie Software namens Big Blue Button umgestiegen. Der Video-Unterricht ist für Französischlehrer Fabian Zickuhr eine absolute Win-Win-Situation: "Weil die Schüler genau wissen: In der Lernplanarbeit sitze ich vielleicht wesentlich länger, weil meine Eltern mir das vielleicht erklären müssen, weil ich es nicht verstehe und mein Lehrer ist nicht immer erreichbar, weil er viele Schüler betreuen muss." In der Videokonferenz sei klar: Nach 90 Minuten Unterricht und vielleicht einer kleiner Hausaufgabe ist in dieser Woche das Fach abgeschlossen.

"Er lebt auf, ist motivierter"

Jonas hat seine Französischstunden jetzt jede Woche wieder zu den regulären Unterrichtszeiten und ist zufrieden mit der Neuerung: "Ich liebe es zu interagieren, mit den Lehrern zu sprechen, auch mal privat. Es gibt jetzt weniger Aufgaben und nicht mehr diesen Stress." Auch Mutter Inga Lindner-Drews hat eine positive Veränderung wahrgenommen: "Immer wenn eine Korrespondenz war, lebt er auf. Er ist motivierter, sich weiter an die Arbeiten zu machen."

Die neue Software am Gymnasium macht den Beteiligten zufolge in Wilsdruff jetzt endlich ein Klassenzimmer möglich, das den Namen "digital" auch verdient. Das Programm hatte das Kultusministerium im Oktober auf seinem Blog vorgestellt. Lehrende und Lernende in Sachsen können es seit dem Herbst nutzen. Doch damit das zufriedenstellend klappt, braucht es ausreichend Rechenpower. Im Falle von Jonas‘ Schule stellt die nötigen Server die Stadt Wilsdruff. Bürgermeister Ralf Rother erklärt: "Jetzt beobachten wir das jeden Tag, damit wir nicht auch erleben, was dem Freistaat passiert ist, dass es zu Ausfällen kommt. Wir machen ein Monitoring-System und hoffen, wenn andere Schulen aus Wilsdruff auch draufspringen, dass es stabil bleibt."

Voraussetzungen müssen stimmen

Die Beispiele in Borsdorf und Wilsdruff zeigen, dass digitaler Unterricht möglich ist – allerdings nur wenn die Voraussetzungen stimmen. Zum einen müssen für kostenpflichtige Software-Lösungen Gelder bereitstehen, um Lizenzen kaufen zu können. Doch auch wenn Bildungseinrichtungen auf kostenfreie Programme setzen, gibt es größere Herausforderungen, wie das Beispiel der TU Dresden zeigt.

Die Universität arbeitet schon seit Jahren mit dem Open Source-Tool Big Blue Button. Inzwischen läuft ein Großteil der Veranstaltungen über das Programm, weil auch hier pandemiebedingt die Hörsäle zu sind. 40.000 Studierende können es Prof. Lars Bernard zufolge nutzen. Er ist Chief Officer Digitalisierung und Informationsmanagement und damit zuständig für die digitale Ausrichtung der Universität und dafür, dass der IT-Betrieb funktioniert. "Wir haben Big Blue Button im Frühjahr massiv ausgerollt, aus einem einfach Grund: Wir hatten gar nicht so schnell andere Lizenzen zur Hand. So waren wir eben schnell handlungsfähig." Und der Lehrbetrieb konnte gesichert werden.

Uni: Lehrveranstaltungen komplett digital

Doch Bernard gesteht auch: "Natürlich hat es auch bei uns am Anfang geruckelt, so viele Studierende machen sich eben bemerkbar. Dazu kommt, dass es Personal braucht, das Big Blue Button aufarbeitet und für die jeweilige Bildungseinrichtung anpasst. Es braucht große Rechenleistung, die benötigten Server dafür stehen auch hier im Haus." Einloggen können sich die Studierenden mit ihren regulären TU-Anmeldedaten. Für eine entsprechende Schnittstelle hat die IT-Abteilung gesorgt. Vorlesungen und Seminare über das Programm sind nun an der Tagesordnung. Inzwischen werden über das Programm sogar Prüfungen abgelegt.

Ein leerer Hörsaal im Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden.
Auch das Hörsaalzentrum der Technischen Universität Dresden ist leergefegt. Lehrveranstaltungen finden digital statt. Bildrechte: dpa

Breites Software-Angebot für Lehrende und Lernende

Doch die TU hat sich in den vergangenen Monaten noch breiter aufgestellt, Lizenzen von mehreren Anbietern eingekauft und andere Programme für den universitären Gebrauch freigegeben: Zoom, GoTo, Matrix, Jitsi und viele weitere Lösungen stehen den Lehrenden und Studierenden zur Verfügung. Denn laut Bernard hat jedes Programm seine Vor- und Nachteile: "Big Blue Button beispielsweise hat Probleme, wenn 40 Nutzer ihre Kamera angeschaltet haben. Dann ruckelt es. Hier kann man dann auch zu einer anderen Plattform wechseln. Zoom beispielsweise darf man aber aufgrund von Datenschutzfragen nicht für alles nutzen. Es hat sich gezeigt: Wir sind gut bedient, wenn wir uns breit aufstellen und mehrere Lösungen anbieten können." Auf einzelne Schulen sei das natürlich nicht übertragbar, meint der Professor. Dafür fehle wahrscheinlich einfach das Personal.

Quelle: MDR/kp/lt/rh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.01.2021 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Leipzig
MDR SACHSENSPIEGEL | 26.01.2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Harry20 vor 20 Wochen

Ich befürchte auch, dass viele Kinder (ohne eigenes Versagen) auf der Strecke bleiben. Die soziale Schere wird durch die mangelhaften Maßnahmen perspektivisch noch weiter auseinander gehen. Verantwortlich ist natürlich niemand!!

Harry20 vor 20 Wochen

Nur eine kurze Anmerkung zur finanziellen Ausstattung! Wir hatten in Deutschland in den letzten Jahren permanente Steuermehreinnahmen! Jeden Monat wird mir fast die Hälfte meines Geldes für Steuern und Sozialabgaben abgezogen.
Auch wenn ich die Antwort kenne, trotzdem sie Frage:
"Wo sind denn die ganzen Steuergelder hin?!"
Geld muss zumindest in Sachsen reichlich da sein! Schließlich wollten sich die Abgeordneten im Landtag, fraktionsübergreifend, ihre Bezüge gewaltig erhöhen!!!

Stephan_90 vor 20 Wochen

(Teil 2)
Das Geld gibt es für Hardware. Nicht für Verwaltungssoftware der Hardware, nicht für Schulungen der Lehrer / Eltern, nicht für Workshops zu digitalen Inhalten. Hauptsache das Kind sitzt vor einem Gerät. Der Rest: egal!
Der Großteil der Lehrer arbeitet mit Materialien und Methoden, die man nicht einfach nimmt und in eine Cloud packen kann. Bsp. Lernsax und Arbeitsblätter: Der Lehrer kann diese relativ gut an die Kinder verteilen, aber um jedem Kind ein einzelnes feedback dazu zu geben oder korrigiert zur Verfügung zu stellen bedarf viel zu viele Schritte, da dieser Workflow einfach nicht abgebildet ist.
Natürlich gibt es auch tolle Möglichkeiten, Inhalte digital aufzuarbeiten. Wer mag, kann sich mal h5p(punkt)org anschauen. Aber so was umzusetzen braucht Zeit und Schulung. Beides haben die Lehrer grade nicht.
Meine Bitte: Zeigt ein realistisches Bild der Situation. Viele Kinder bleiben auf der Strecke. Das aufzuholen wird schwer werden.

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