Erfahrungsberichte Homeschooling: So geht es Sachsens Familien mit Schule und Arbeit zu Hause

Hunderttausende Kinder und Jugendliche sind während des zweiten Lockdowns zu Hause und werden dort von ihren Eltern betreut bzw. sollen selbst lernen. Wie kommen sie damit zurecht? Zumal Kitas und Schulen nun bis Ende Januar geschlossen bleiben sollen. MDR SACHSEN hat dazu eine Fülle von Zuschriften bekommen, in denen Eltern, Großeltern und betroffene Schülerinnen ihre Sorgen schildern.

Ein Mädchen sitzt vor ihren Hausaufgaben.
Während manche Familien mit den häuslichen Lernzeiten im zweiten Lockdown besser zurechtkommen als noch im Frühjahr, berichten andere Eltern, dass sich ihre Kinder immer schwerer motivieren lassen, sie ihre Freunde und feste soziale Strukturen vermissen. Bildrechte: Hessischer Rundfunk

Eltern an ihren Grenzen

Andreas Fischer aus Leipzig schreibt: "Es ist derzeit die Katastrophe. Wir beide Eltern müssen weiterhin voll arbeiten, unser Kind, acht Jahre, ist tagsüber von ca. 8 bis 15 Uhr allein zu Hause. Sie können sich sicher vorstellen, dass er in der 2. Klasse kaum allein Homeschooling machen kann", erklärt der 40-Jährige. Er kritisiert das Verhalten der zuständigen Schule: "Wir haben keine Telefonnummer von der Lehrerin, die Aufgaben wurden für die gesamten Zeitraum schriftlich gegeben. Eine Kontrolle soll erst nach dem Lockdown erfolgen. Die Kinder werden komplett allein gelassen."

Elisabeth Ende aus Radebeul hat mit ihrer Tochter, die in der 3. Klasse ist, bislang gute Erfahrungen beim Homeschooling gesammelt. "Das Lernpensum ist locker machbar. Wir machen täglich drei Mal 45 Minunten 'Unterricht', das heißt, sie löst die Aufgaben selbstständig, kann sich aber bei Fragen an mich wenden. Ich arbeite in der Zeit im Homeoffice. Anschließend kontrolliere ich die Aufgaben." Digital aufbereitet würden die Arbeiten oder Ergebnisse nicht. Bei Fragen könnten sie die Lehrerin über Lernsax kontaktieren.

Wir kommen gut zurecht, Disziplin gehört aber auch dazu!

Elisabeth Ende Mutter einer Grundschülerin in Radebeul

Nach Meinung der 36 Jahre alten Mutter lassen sich die Fächer der Tochter "gut in den Alltag integrieren. Vor Weihnachten durfte unsere Tochter die Weihnachtskarten schreiben und vorlesen und Plätzchen-Rezepte auf halbe bzw. doppelte Menge umrechnen."

Ich bin Alleinerziehende und arbeite Vollzeit. Zurzeit sitze ich mit einer gymnasialen Fünftklässlerin und einem Kitakind im Homeoffice. Es ist eine absolute Katastrophe und unheimlich schwer, alles strukturiert und auf Niveau abzuarbeiten. Wenn die Medien nicht funktionieren, ist es schlichtweg nicht möglich und führt zu großer Frustration. Ich bange sehr um die Spuren, die bei meinen Kindern hinterlassen werden.

Anja Beer Mutter aus Dresden

Eine Mutter arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre beiden Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.
In vielen Zuschriften berichteten Eltern von Anspannung und Stress zu Hause, wenn sie voll arbeiten und mehrere Kinder beim Lernen betreuen müssen. Bildrechte: dpa

Cornelia Gerhold aus Annaberg-Buchholz berichtet übers Homeschooling: "Das häusliche Lernen funktioniert am besten ohne Druck, aber zu festgelegten Zeiten. Mein Sohn darf sich die Reihenfolge der zu bearbeitenden Arbeitsblätter selbst aussuchen. Manche Aufgaben gestalten wir gemeinsam." Das alles organisiere sie während ihrer Homeofficearbeitszeiten und der Betreuung des drei Jahre alten kleineren Sohnes. "Es fällt uns leichter als im ersten Lockdown. Alle geben ihr Bestes, es ist nicht schlimm, wenn etwas schief geht. Jeder tut was er kann. Der Spaß darf nicht verloren gehen. Sonst wird die Lernerei zur Qual." Genauso verhalte es sich mit der Arbeit der Erwachsenen. "Unsere Chefs haben den selbst aufgelegten Druck rausgenommen", schreibt Cornelia Gerhold.

Die Omas als Helferinnen und Feuerwehr

Cornelia Urbas aus Coswig unterstützt als Großmutter die beiden Enkeltöchter im Grundschulalter (1. und 4. Klasse). Sie sieht das häusliche Lernen sehr kritisch, sagt sie. "Auch wenn die Mama (alleinerziehend) im Homeoffice zu Hause ist, bleibt keine Zeit, sich aktiv um die Mädels zu kümmern, denn es muss ja auch Geld verdient werden. Es wird auf jeden Fall zu Lasten der Kinder gehen und ihnen wird viel Stoff fehlen, der nicht aufzuholen ist", sagt die 58-Jährige.

Als derzeit einziger Kontakt zu den Kindern, versucht sie in der Freizeit zu helfen. Aber: "Ich bin halt keine Lehrerin. Wir können stur die Aufgaben abarbeiten, aber es gehört schon etwas mehr dazu. Das können geschulte Lehrerinnen und Lehrer besser vermitteln. Es fehlt den Schülern und Schülerinnen vom letzten Schuljahr der Stoff am Ende des Schuljahres und jetzt der Anfang des neuen Schuljahres. Im Grunde wäre es sicher sinnvoll ein Schuljahr zu wiederholen um alle auf den gleichen Stand zu bringen."

Auch Steffi Hammer aus Leipzig unterstützt ihre Enkel. "Ich bin 'Großelternteil' und froh, dass ich in der Lage bin, meine schulpflichtigen Enkel tageweise betreuen zu können. Es macht auch Spaß!" Aber Homeoffice und Homeschooling sei bei weitem nicht in jeder Familie möglich. "Das wird in der Öffentlichkeit völlig vernachlässigt. Es sieht in der Berichterstattung häufig so aus, als ob Arbeit hauptsächlich im Büro stattfindet und so nach Hause verlagert werden kann. Das ist einfach falsch dargestellt", meint die 69-Jährige Leipzigerin. Sie würde sich auch wünschen, dass enkelbetreuende Großeltern, "die ja oft auch Risikopatienten sind, sich früher impfen lassen können sollten". Ihrer Meinung nach würde das Situation in den Familien "sehr entschärfen". Sie ärgert sich darüber, dass daran bisher offensichtlich niemand gedacht habe und bewertet die Impfsituation in Sachsen als "beschämend angesichts der hohen Infektionsraten".

Ein ältere Dame spielt mit einem Jungen, während eine junge Frau mit ihrer Tochter auf dem Schoss an einem Laptop arbeitet.
Die Großeltern als Helfer in der Not: Auch während des zweiten Lockdowns unterstützen viele Omas und Opas in Sachsen ihre Enkel beim Lernen und Spielen zu Hause. Bildrechte: dpa

Schülerin sorgt sich um ihre Zukunft

Ein Kind arbeitet an einem Schreibtisch, auf dem Schulmaterialien und eine Corona-Maske liegen.
Bildrechte: imago images / MiS

Auch Schülerinnen und Schüler haben MDR SACHSEN ihre Sorgen geschrieben. Sie wie die 15 Jahre alte Michelle aus dem Vogtlandkreis (Kontakt der Reaktion bekannt). Sie kritisiert: "Ständig ist auf Lernsax nicht zuzugreifen. Ständig hat man Angst, zu versagen und im Stich gelassen zu werden. Hoffentlich werden wir nicht wieder mit Klassenarbeiten überschüttet. Es sind einfach veraltete Methoden und ich habe den Eindruck, dass über die Sommermonate nichts in Hinsicht auf die Digitalisierung unternommen wurde." Der Schülerin erscheint die Lage aktuell schlimmer, als vor einiger Zeit, als Aufgaben noch per Mail bei ihr ankamen. Sie fühlt sich als "Schülerin in Sachsen im Stich gelassen" und habe erneut große Angst, das Schuljahr nicht zu schaffen.

Schlimm ist auch, dass mir Freunde berichten, wie es in ihren Schulen läuft. Ich merke, dass es von Schule zu Schule große Unterschiede gibt, so dass man nicht von gleichen Chancen für alle Schüler in Sachsen sprechen kann. Einige meiner Freunde haben auch Videokonferenzen oder Online-Unterricht und bekommen vom jeweiligen Lehrer den Stoff erklärt. Dies gibt es bei uns leider nicht. Und das im Jahr 2021! Ich mache mir große Sorgen um meine Zukunft!

Michelle 15 Jahre alte Schülerin im Vogtland

Und wie kommen Sie zurecht?

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 05.01.2021 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.01.2020 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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Mi 30.09.2020 12:00Uhr 13:30 min

https://www.mdr.de/medien360g/digitale-bildung-schule-corona-102.html

Rechte: MDR | MEDIEN360G

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Mutter und Sohn sitzen an einem Tisch und machen Heimarbeit
Häusliches Lernen ist nicht nur für die Schüler, oft auch für die Eltern eine große Herausforderung. Vor allem, wenn die Kinder jünger sind und Hilfe bei den Aufgaben brauchen oder wenn die Eltern zusätzlich noch im Homeoffice arbeiten, Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller