Systemrelevante Berufe Elternspagat zwischen Arbeitspensum und Schulkindern daheim

Kitas und Schulen bleiben in Sachsen bis Ende Januar geschlossen, nur Abschlussklassen könnten bald wieder starten. Alle anderen müssen weiter zu Hause lernen. Wie Eltern diese Wochen empfinden, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, aber nicht ins Homeoffice gehen können, um ihre Kinder zu Hause zu begleiten, haben sie MDR SACHSEN in eindrücklichen Worten geschildert.

Eine Mutter arbeitet Zuhause an einem Laptop, während ihre beiden Kinder neben ihr malen und ein Buch ansehen.
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Bundespolizisten im Schichtdienst - fünf Kinder zu Hause

Für Andrea Bürger ist ein durchgetaktetes Leben in der Großfamilie Alltag. Vier Schulkinder und ein Kitakind leben in ihrem Haus, ihr Mann und sie arbeiten bei der Bundespolizei, er im Schichtdienst. Doch die Homeschooling-Wochen "haben uns an unsere Belastungsgrenzen gebracht", sagt die Neugersdorferin. Morgens 5:30 Uhr steht sie auf, holt frische Brötchen und erledigt Haushaltsdinge, die vor dem Frühstück zu schaffen sind. Um 8 Uhr frühstückt sie mit den fünf Kindern. "Um 9 Uhr starten wir mit der Schulzeit zu Hause. Die geht bis 12 Uhr." Am stärksten beschäftigt sich Andrea Bürger mit ihrer Tochter in der zweiten Klasse und dem Gymnasiasten in der 5. Klasse.

Um die beiden größeren Kinder, die in die 7. und 9. Klasse eines Gymnasiums gehen, kümmert sich am späteren Nachmittag ihr Mann. "Er arbeitet entweder in Nachtschichten oder Frühschichten. Wenn er ausgeschlafen hat, geht er mit den Kindern erst einmal raus. In der Zeit gehe ich dreieinhalb Stunden am Tag arbeiten." Wenn die Bundespolizistin gegen 17 Uhr nach Hause kommt, "wird Abendbrot gemacht und der nächste Tag vorbereitet."

Meine Geduld ist jetzt oft schnell zu Ende. Wenn ich mehrfach bei Hausaufgaben etwas erklären muss, werde ich schnell laut. Das war früher nicht so. Ich versuche durchzuhalten.

Andrea Bürger Mutter mit aktuell fünf Kindern zu Hause

An den Wochenenden holen die Kinder Hausaufgaben nach, die sie während der Woche nicht geschafft haben. "Bei den Großen gibt es oft Probleme mit Lernsax. Alle Materialien müssen wir ausdrucken, damit sie die bearbeiten können. Es gibt auch keine Angebote für Videoschalten bei Problemen. Für das Grundschulkind sind die Aufgaben ganz schön viel. Man muss ja bedenken, zu Hause gibt es viel Ablenkung und wir Eltern sind keine Lehrer und gehen auch noch arbeiten. Manche Lehrer vergessen das", ärgert sich die 50-Jährige.

Eine junge Mutter hält beim Kochen ihr Kleinkind auf dem Arm.
Schulaufgaben mit den größeren Kindern, Spielen mit dem Kindergartenkind, nebenbei das Mittagessen schnell zubereiten und fertig machen für den Teilzeitjob: Für Andrea Bürger ist das seit Wochen Alltag. Bildrechte: dpa

Sie rechnet damit, dass ihre Kinder die vorgezogene Winterferienwoche Anfang Februar nutzen werden, um nicht geschaffte Hausaufgaben nachzuholen. Sie werden eher keine entspannten Ferien haben. "Das ist schade, weil wir als Familie schon im Sommer nicht im Urlaub waren. Über Weihnachten sind wir auch kaum zur Ruhe gekommen", sagt die 50-Jährige. Die drei jüngsten Kinder könnten die Bürgers in die Notbetreuung in den Kindergarten und in den Hort geben. "Aber ein Sohn hat Asthma, da bin ich lieber vorsichtig. Am Ende ist es leichter, alle zu Hause zu haben. Das erspart Fahrwege zu drei unterschiedlichen Stellen morgens und mittags", erklärt Andrea Bürger.

Zeit für Gemeinsames fehlt

Sonnabends kocht sie Essen für die nächsten Tage vor: Gulasch, Eintöpfe oder Soßen für Nudelgerichte. Mittags müsse es immer schnell gehen, da braucht es Grundlagen, die sich schnell in Gerichte verwandeln lassen. Zeit zum gemeinsamen Spielen oder für Dinge, die Eltern und Kindern gemeinsam machen, bleibe meistens nur am Sonntag. "Wir versuchen wirklich unser Bestes. Aber wir Eltern bleiben auf der Strecke, auch Gemeinsamkeiten im Familienleben fehlen uns sehr", bedauert Andrea Bürger.

Bankfilialleiterin - Oberschüler allein zu Hause

Vieles verschiebt sich auch bei Nicole Klappstein in Werdau aufs Wochenende. Die Geschäftsstellenleiterin einer Sparkasse kann nicht im Homeoffice arbeiten. Ihr Mann hat sich gerade als Bankberater selbstständig gemacht und sitzt in vielen Videokonferenzen. Der Sohn in der 9. Klasse muss tagsüber allein in seiner häuslichen Lernzeit zurechtkommen. "Die Wochenenden und Freizeit verbringen wir damit, uns in alle Fächer der Oberstufe einzuarbeiten. Das ist mehr, als ein Fachlehrer leisten muss! Weiterhin ist es auch für den Schüler schwierig, immer die nötige Selbstdisziplin und Organisation zu haben, wenn es keine geregelten Schulzeiten gibt", kritisiert die Werdauer Mutter.

Bin ich auf Arbeit, hoffe ich, dass zu Hause alles läuft. Bin ich zu Hause, sind meine Gedanken beim Arbeitspensum und ich überlege, wie ich die ausgefallenen Kollegen vertreten kann.

Nicole Klappstein Mutter und Bankfilialleiterin

Wochentags steht Nicole Klappstein um 6 Uhr auf, weckt ihren 14-Jährigen um 7 Uhr. "Von alleine würde er nicht aufstehen". Sie muss um 7:30 Uhr auf Arbeit, der Sohn soll um 8 Uhr mit den täglichen Hausaufgaben beginnen. "Am Vortag schreiben wir auf ein Whiteboard, welche Fächer anstehen und den Zeitplan dazu", erzählt die Bankerin. Nach Kritik von Eltern nach dem ersten Lockdown verschicke die Schule nun wochenweise die Aufgaben, das sei besser zu bewältigen. "Unser Sohn kann sich selbst schlecht organisieren. Aber ich muss mich darauf verlassen, dass er alles abarbeitet. Bei Fragen schreibt er mir SMS, die ich in der Mittagspause beantworte. Wenn ich abends heimkomme, gucke ich mit ihm über die Aufgaben." Dafür habe er mit dem Vater dann schon das Abendbrot zubereitet.

Mein Mann und ich verlassen 7 Uhr das Haus, ab da ist unser Zwölfjähriger allein mit einem Zeitplan, den wir Tag für Tag ausarbeiten. Ich arbeite in einer Rehaklinik, Homeoffice unmöglich. Mein Mann hat auch keine Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten. Stehe ich am Patientenbett, kommt es vor, dass mein Sohn überfordert anruft, weil er Aufgaben nicht versteht und allein bewältigen kann. Nicht genug, dass ich schon mit schlechtem Gewissen auf Arbeit gehe, weil ich meinen Sohn, für den ich eine Aufsichtspflicht habe, acht Stunden allein lasse. Nein, Lehrer fordern Videokonferenzen mit den durchaus Druck ausübenden Wörtern 'verpflichtend für alle'! Ich versuche seit Jahren, den Medienkonsum meines Kindes zeitlich zu beschränken und durch Absprachen zu kontrollieren. Nun soll mein Sohn vormittags allein vor meinem Laptop sitzen und Lernmodule, Konferenzen und Aufgaben bewältigen? Nein. Also versuchen wir so viel wie möglich auszudrucken und den Rest am Wochenende zu erledigen.

Katrin Gühne Mutter eines Gymnasiasten in Radeberg

Ein Junge im Schlafanzug drückt mit einem Kuscheltier in der Hand die Klinke einer Wohnungstür
In vielen Familien geben sich Eltern und Kinder derzeit die Klinken in die Hand, wenn sich Elternteile nur sehen, wenn einer von der Schicht kommt und der andere geht. Mütter berichten vom schlechten Gewissen, das an ihnen nagt, weil sie ihre Kinder stundenlang unbeaufsichtigt lassen müssen. Bildrechte: dpa

Schuljahr für alle wiederholen?

Nicole Klappstein bedauert, dass für Oberschüler wie ihren Sohn die Schulpraktika in der 8. und 9. Klasse ausgefallen sind. Auch die Berufsschnuppertage in einem Berufsschulzentrum fielen weg. Für sie steht fest: "In der Corona-Zeit ist so viel ausgefallen, ganze Fächer und Kurse. Homeschooling ersetzt nicht das Lernen und Wissensvermittlung in der Schule." Ihr wäre es am liebsten, wenn die Schüler das Schuljahr nochmals wiederholen könnten. "Die Kinder, die das nicht brauchen, sollten ein Jahr weitergehen und alle anderen sollten die Chance bekommen, ausgefallene Fächer, Praktika und auch Schulausfahrten durchzuführen. Das wäre fair für alle." Doch der 47 Jahre alten Mutter ist auch klar, "dass das wohl unrealistisch ist bei dem Lehrermangel in Sachsen".

Krankenschwester, zwei Kinder: "Haben mehr Schlaf"

Meinen beiden Kindern und mir geht es beim häuslichen Lernen gut. Ich bin Krankenschwester im Schichtdienst mit einer 30-Stunden-Woche. Konkret bedeutet für mich diese Art von Lernen gerade mehr Schlaf und damit eine höhere Motivation, meine Kinder dabei zu begleiten. Die Tochter (Klasse 9) benötigt eher selten umfänglich Unterstützung. Mein Sohn (Klasse 7) schon öfter. Die Aufbereitung des Stoffes durch die Lehrer ist qualitativ sehr verschieden und reicht von 'beeindruckend und engmaschig, persönlich und liebevoll' bis hin zu 'unorganisiert, es fehlen vollständig die Aufgaben, Lehrer ist nicht kontaktierbar'.

Ina Böhm Mutter aus Dresden

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 06.01.2021 | 19:00 Uhr

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