Prognose für 2022 Sächsische Wirtschaft befürchtet schwierige Jahre

Steigende Energiepreise, Lieferengpässe, Inflationssorgen: Düstere Aussichten für die sächsische Wirtschaft, sagt Sachsens Arbeitgeberpräsident Dr. Jörg Brückner. Und er hat Forderungen an die Politik!

Herr Dr. Brückner, wir stehen am Beginn des Jahres 2022 und mittlerweile schon am Übergang zum dritten Coronajahr. Was beschäftigt Sie mit Blick auf die Unternehmen in Sachsen am meisten?

Dr. Jörg Brückner: Die anhaltende Unsicherheit, denen die Betriebe ausgesetzt sind, macht mir Sorgen und deshalb verstehe ich auch die Frustration betroffener Firmen. Ständig gibt es neue Vorschriften, immer wieder müssen die Prozesse im Betrieb angepasst werden, ohne dass für den Kunden ein Mehrwert entsteht, geschweige denn, dass er ihn bezahlt. Besonders hart hat es das Hotel- und Gaststättengewerbe, die gesamte Tourismusbranche und den Einzelhandel getroffen. Die Halbwertszeit von Aussagen der Politik nimmt ab, die Vielstimmigkeit zu. Noch immer glauben recht viele Politiker, sie können diesen Prozess so in den Griff bekommen. Die nächste Maßnahme ist bestimmt die richtige. Etwas Demut und mehr Ehrlichkeit würden da weiterhelfen. Fakt ist doch, wir wissen noch nicht, wie wir diese Pandemie in Griff bekommen sollen. Es gibt keine einfachen Antworten. Und deshalb bleiben vor allem die Eigenverantwortlichkeit und die Zusammenarbeit im Betrieb so wichtig. Ohne Wertschöpfung kein wirtschaftlicher Erfolg, keine Steuereinnahmen und später keine verlässliche Sozialpolitik. Leben auf Pump – das funktioniert nicht. Früher oder später fällt so ein Kartenhaus zusammen, sei es im privaten oder im gesellschaftlichen Kontext.

Leben auf Pump – das funktioniert nicht.

Auch wenn das Bruttoinlandsprodukt laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr um 2,7 Prozent gewachsen ist, dämpft Corona die wirtschaftliche Erholung im Osten erneut. Was ist Ihre Perspektive?

Dr. Jörg Brückner: Die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft haben sich massiv verschlechtert. Was viele Bürger irritiert, trifft auch die Betriebe: explodierende Energiepreise, eine weiter wachsende Bürokratie und politische Entscheidungen, die Strukturanpassungen größeren Umfangs auslösen. Dazu kommen akute Material- und Lieferengpässe, die eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau erschweren. Und nun kommt "plötzlich" die Inflation zurück, die offensichtlich bleiben wird und so auch die Politik des billigen Geldes beenden und der Verschuldung und einer ungezügelten Ausgabenpolitik den Boden entziehen wird. Die nervösen Reaktionen an den Börsen zeigen es, die Party ist vorbei. Die deutsche Bundesanleihe ist wieder nahe der Null-Linie, nachdem sie durch eine aggressive Finanzpolitik der EZB ins Minus gedrückt wurde. Wir haben schwierige Jahre vor uns – global, national und regional.

Dr. Jörg Brückner, Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft
Dr. Jörg Brückner ist der Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft. Bildrechte: VSW

Das Kurzarbeitergeld ist bis März verlängert, wo brauchen die Unternehmen eine finanzielle Unterstützung?

Dr. Jörg Brückner: Ja, es ist wieder verlängert worden, aber die Rücklagen sind weg. Nun muss der Bund einspringen, aber das sind auch hier wieder wir alle. Die Kurzarbeit finanzieren gemeinschaftlich die Beschäftigten und die Betriebe und das Geld fällt nicht vom Himmel. Nach zwei Jahren Dauerkrise müssen wir – auch in der Wirtschaft wieder zurück zur Normalität. Es geht nicht um neue Hilfen, sondern um die Frage – woher kommen die Mittel, wer soll das bezahlen? Am Ende haftet der Steuerzahler, also wir alle! Sparsamkeit beim Staat und Unterstützung für die Wirtschaft, damit wir wieder in fleißiger Arbeit neue Werte schaffen und sie unseren Kunden am Ort und in aller Welt zu deren Nutzen zur Verfügung stellen können. Was die Bundes- und Landespolitik dafür tun will, habe ich noch nicht gehört.

Es geht nicht um neue Hilfen, sondern um die Frage – woher kommen die Mittel, wer soll das bezahlen?

Sachsen ist auch Exportland. Welche Herausforderungen sehen Sie, wenn Sie auf die internationalen Märkte schauen?

Dr. Jörg Brückner: Wir exportieren in über 200 Länder der Erde – sind jeden Tag mit unseren Kunden im Kontakt und zeigen so unsere Weltoffenheit zum gegenseitigen Vorteil und nicht in Sprechblasen. Und dennoch: Das Geschäft wird härter, weil beständig neue Wettbewerber in den Markt eintreten und sich "erlauben", unsere Kunden von sich zu überzeugen. So wie wir dies auch tun. Die politischen Entscheidungen in der deutschen Energiepolitik, sprich Ausstieg aus Kohle und Kernenergie, und die Präferenz der Elektromobilität führen zu einer Neuausrichtung globaler Wertschöpfungsketten. Da müssen wir erst wieder unseren Platz finden. Deutschland glaubt zu großen Teilen noch immer, dass wir der Welt zeigen, wo es lang gehen muss. Eine gefährliche Hybris. Globale Probleme müssen international gemeinsam angepackt werden.

Reporter interviewt Mann 43 min
Bildrechte: MDR/Isabel Theis

Bleiben wir noch einen Moment beim Export. Die Lage an der ukrainischen Grenze ist weiter angespannt. Moskaus Truppen stellen weiter ein erhebliches Drohpotenzial dar. Was bedeutet die Lage für die traditionell guten Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Sie sind selbst häufiger im Land?

Dr. Jörg Brückner: Ja, dieser Konflikt beunruhigt auch mich. Es geht nichts über eine klare Ansprache aller Probleme der Staaten miteinander, aber mit Augenmaß. Wenn man jetzt ausländische Präsidenten "ins Visier" nehmen will, werde ich unruhig. Aber leider ist dieser Konflikt nicht der einzige, auch wenn uns das so erscheinen mag. In Afrika, im arabischen Raum, in Asien gibt es heftige Auseinandersetzungen um Einflusssphären, Rohstoffe und Handelswege. Ich bin dem Bundeskanzler dankbar, wenn er unaufgeregt jede Konfliktrhetorik vermeidet und einen substantiellen Neuanfang mit Russland und seinem Präsidenten sucht. Diesem Beispiel an Besonnenheit sollten sich andere anschließen.

Corona hat auch den sächsischen Haushalt vor große Herausforderungen gestellt. Die Schuldenbewältigung wird im politischen Raum sehr kontrovers diskutiert. Sie gelten seit langem als Verfechter von Haushaltsdisziplin. Was erwarten Sie von der Politik?

Dr. Jörg Brückner: Der Staat hat – trotz Corona – kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem! Wege zu möglichen Einsparungen werden weder diskutiert noch zum Inhalt politischen Handelns in Erwägung gezogen. Stattdessen versuchen manche Akteure beständig den Eindruck zu erwecken, dass Investitionen nur mittels Schulden finanziert werden könnten, anstatt endlich die Struktur und die Höhe der ausufernden Ausgaben auf den Prüfstand zu stellen.

Wir appellieren aktuell an die Landespolitik, die Prüfberichte des eigenen Rechnungshofes, wie auch dem des Bundes, endlich gründlich aufzuarbeiten und nicht nur ins Regal zu stellen. Dieses Organ unseres Staates ist genau dafür geschaffen worden, um zu hinterfragen, was die Regierung und die Koalitionsparteien so angeblich alles für uns tun wollen. Da vertraue ich den Fachleuten um den Präsidenten des Landesrechnungshofes Michel sehr. Und auch Finanzminister Vorjohann wird seiner Verantwortung gerecht, wenn er die Kasse trocken hält. Der Verzicht auf den Neubau des Regierungsterminals am Berliner Flughafen ist ein guter Vorschlag von Bundesfinanzminister Lindner, dem auch in Sachsen manche Sparmaßnahme der Verwaltung folgen sollte. Investitionen in Schulen, Kindergärten, die Infrastruktur von Bahn, Straße und schnellem Internet sind von meinem Appell ausdrücklich ausgenommen.

Die Corona-Schulden müssen erstens genau definiert und dann zügig Schritt für Schritt wieder abgebaut werden. Die Vorschläge zur Vertagung der Tilgung auf den Sankt-Nimmerleinstag sind verantwortungslos und verkehren das Thema Nachhaltigkeit in das Gegenteil. Es ist der Versuch, den Kindern und Enkelkindern die Last für ein zügelloses Verbrauchen geborgten Geldes aufzuerlegen. Auch wenn die Pandemie noch nicht vorbei ist: Es werden neue Herausforderungen, neue Krisen kommen, die es zu bewältigen gilt. Die warten nicht, bis irgendjemand irgendwann die Schulden der Vergangenheit und unserer Gegenwart getilgt hat.

Die Corona-Schulden müssen erstens genau definiert und dann zügig Schritt für Schritt wieder abgebaut werden.

Dr. Jörg Brückner Dr. Jörg Brückner ist seit 2016 Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft. Er ist seit 1993 Unternehmer und geschäftsführender Gesellschafter der KWD Kupplungswerk Dresden GmbH.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL – Das Nachrichtenradio | 14. Januar 2022 | 07:52 Uhr

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